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Der kleine Vetter des Hobbit

Die Callao Höhle (Insel Luzon, Philippinen), wo die Fossilien des Homo luzonensis ausgegraben wurden. Blick von der hinteren Wand in die erste Kammer der Höhle, wo die Knochen und Zähne in der Erde lagen, dahinter die zweite Kammer. Bild: Florent Détroit / Callao Cave Archaeology Project

Auf der philippinischen Insel Luzon lebte eine neue Art von Menschen

Südostasien ist einer der aktuellen Hotspots, wenn es um neue Entdeckungen der Paläoanthropologie geht. Aktuell wird der staunenden Welt eine ganz neue Art von Mensch präsentiert, der Homo luzonensis, benannt nach der philippinischen Insel Luzon, auf der seine Fossilien ausgegraben wurden (Neue Art des Menschen entdeckt [1]).

Er lebte dort vor circa 67.000 Jahren und neben seiner Zwergengröße überrascht er mit einer Verbindung von stark unterschiedlichen Merkmalen. Manches an ihm erscheint auf sehr primitive Vorfahren des Menschen zu verweisen, anderes auf Homo erectus oder Homo sapiens.

Der menschliche Stammbaum ist vielfältig und verzweigt, das erweist sich durch die Entdeckungen der letzten Jahrzehnte zunehmend als das richtige Modell, das inzwischen die altgedienten Vorstellungen einer nach und nach ablaufenden gradlinigen Entwicklung bis zu den heute lebenden Menschen ablöst. Es lebten tatsächlich häufig verschiedene Formen und Arten von Vor- und Frühmenschen parallel nebeneinander, die teilweise auch wieder miteinander Nachwuchs zeugten.

Die ersten Hominini [2] lebten vor 6 bis 7 Millionen Jahren in Afrika. Als Hominini gelten alle lebenden oder ausgestorbenen Mitglieder der Überfamilie Hominoidea (Menschenartige), die mit dem Homo sapiens näher verwandt sind als mit den Affen.

Vor etwa zwei Millionen Jahren erblickte dann Homo erectus, der aufgerichtete Mensch, in Afrika das Licht der Welt. Eine Menschen-Art, die das Feuer gezielt nutzte und als erste den Heimatkontinent, die Wiege der Menschheit verließ, um sich die Welt zu erobern. Die Erectus-Frauen und Männer kamen zügig voran. In Georgien, nahe der Stadt Dmanissi [3] wurden insgesamt fünf Schädel entdeckt, die ein Alter von 1,8 Millionen Jahren haben.

Afrika und Asien

Soweit das heute gängige Modell. Das auch erklärt, warum in Afrika sehr intensiv nach menschlichen Vorfahren gesucht wurde und wird. Denn dort kam auch unser aller direkter erste Vorfahre Homo sapiens vor etwa 300.000 Jahren zur Welt, und machte sich in einer zweiten Auswanderungswelle vor mindestens 100.000 Jahren auf den Weg durch den Nahen Osten in Richtung Asien und Europa (Der moderne Mensch eroberte direkt Arabien [4]).

Aber Südostasien ist in letzter Zeit immer wieder für Überraschungen gut. Zuletzt wurden die Inseln Borneo und Sulawesi als Geburtsorte der Kunst mit den ältesten menschlichen Malereien identifiziert ( Älteste Höhlenmalerei der Welt auf Borneo entdeckt [5] und Die älteste Höhlenmalerei der Welt in Indonesien [6]).

Die Landschaft auf der Insel Luzon. Bild: Callao Cave Archaeology Project [7]

In der Region der südostasiatischen Inseln leben schon sehr lange archaische Menschen und manche von ihnen waren ganz anders als alle anderen. 2004 stellten Forscher den Homo floresiensis alias Hobbit vor, einen zwergenhaften Menschen, der noch vor 18.000 Jahren auf der indonesischen Insel Flores lebte.

Ein höchst merkwürdiges Geschöpf, das sehr primitive Körpermerkmale in sich vereinte, und dennoch über beachtliche Intelligenz verfügte, was sich unter anderem an seinen ausgefeilten Steinwerkzeugen zeigte. Die körperlichen Merkmale der ersten ausgegrabene Hobbit-Frau und ihrer später gefundenen Verwandten wirken wie ein Mosaik aus Versatzstücken der Menschheitsgeschichte.

Homo floresiensis muss das offene Meer überquert haben, um die Insel Flores zu erreichen(vgl. Hobbit oder Nicht-Hobbit? [8]). Die meisten Experten halten die Hobbits für eine spezielle Form des Homo erectus. Inzwischen wurden auch Fossilien ihrer direkten Vorfahren ausgegraben, die vor 700.000 bereits in ihrer Zwergenform auf der Insel lebten (vgl. Die Ahnen des Hobbits [9]).

Der neue Mensch von Luzon

In der Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature [10] stellte vor Kurzem eine internationale Forschergruppe um Florent Détroit vom Muséum National d’Histoire Naturelle [11] in Paris den ebenfalls kleinwüchsigen und sehr speziellen Vetter des Hobbits vor, der vor 67.000 Jahren auf der philippinischen Insel Luzon lebte (A new species of Homo from the Late Pleistocene of the Philippines [12]).

Schon 2007 war in der Callao Höhle [13] im Norden der philippinischen Insel Luzon der Mittelfußknochen eines Menschen gefunden worden, dessen Alter mit der Uran-Thorium-Methode [14] auf 67.000 Jahre datiert wurde (vgl. New evidence for a 67,000-year-old human presence at Callao Cave, Luzon, Philippines [15]). Weitere Grabungen in der Höhle brachten weitere Fossilien von drei Individuen zu Tage, die alle vor mindestens 50.000 Jahren verstarben. Sie sind damit die ältesten nachgewiesenen Bewohner der Philippinen.

Insgesamt sieben Zähne, zwei Hand- und drei Fußknochen und ein Oberschenkelknochen von zwei Erwachsenen und einem Jugendlichen wurden untersucht und ergaben ein verwirrendes Wirrwarr von Merkmalen verschiedener Epochen der Menschheitsgeschichte. Die Forscher halten sie deshalb für eine eigene Menschenart und benannten sie nach der Insel Homo luzonensis.

Die Fossilien von Homo luzonensis in verschiedenen Ansichten: (a-c) Oberkieferzähne, (d) Oberschenkelknochen eines Jugendlichen, (e-f) Fingerknochen, (g) Mittelfußknochen, und (h-i) Zehenknochen. Bild: Callao Cave Archaeology Project [16]

Wie die Hobbits wurden die Luzon-Menschen nicht viel größer als ein Meter. Der Zwergenwuchs entsteht bei Tieren und Menschen auf Inseln durch die beschränkten Verhältnisse, begrenztes Nahrungsangebot und das Fehlen von Raubtieren. Dieses Phänomen wird "Island Dwarfing" genannt, Insel-Verzwergung (vgl. Schrumpfende Schafe [17]).

Sie müssen Luzon, die wie die Insel Flores im Quartär [18] (in den letzten 2,6 Millionen Jahren) nie mit dem Festland verbunden war, mit Flößen oder Booten über das offene Meer erreicht haben. Eine Leistung, die auf den ersten Blick niemand den winzigen, überwiegend sehr archaisch aussehenden Wesen zugetraut hätte.

Zähne, Hände und Füße

Die wenigen Fossilien von Homo luzonensis sind wie ein Puzzle aus sehr verschiedenen morphologischen Charakteristika, dessen Einzelteile nicht richtig zusammen passen wollen. Nach klassischen Zuordnungsmustern ergibt sich ein Wesen, das zum Teil einen primitiver Australopithecus zugleich etwas Homo erectus plus Homo floresiensis und dazu ein wenig Homo sapiens darstellt.

Das gilt vor allem für die Größe, Beschaffenheit und Form der Zähne, aber auch für die gekrümmten Finger- und Zehenknochen, die an Paranthropus erinnern, der neben dem aufrechten Gang noch viel kletternd in den Bäumen unterwegs war. Aus diesem Morphologie-Puzzle und dem sich daraus ergebenden klaren Unterschied zu allen bisher beschriebenen Menschenarten zieht das Team um Florent Détroit den Schluss, es müsse sich um eine neue Menschenart, den einzigartigen und ganz für sich stehenden Homo luzonensis handeln.

Zehenglied von Homo luzonensis CCH4 in der Seitenansicht mit gut sichtbarer Krümmung. Foto: Bild: Florent Détroit / Callao Cave Archaeology Project [19]

Auf jeden Fall lebten auf Luzon bereits vor 700.000 Jahren menschliche Wesen, die Steinwerkzeuge herstellten und Nashörner jagten (vgl. Earliest known hominin activity in the Philippines by 709 thousand years ago [20]). Von ihnen wurden keine Knochen oder Zähne gefunden, nur ihre Werkzeuge und Spuren.

Wirklich eine eigene Art?

Mit Sicherheit wird Homo luzonensis heftige wissenschaftliche Debatten auslösen. Es ist durchaus gewagt, mit einigen Finger- und Zehenknöchelchen sowie einer Handvoll Zähne eine neue Art auszurufen. Vielleicht handelt es sich doch eher um eine Parallelform, bzw. eine Schwestergruppe zu Homo floresiensis, der in sich auch eine Vielzahl scheinbar unvereinbarer Merkmale verbindet?

In der Vergangenheit vertraten schon einige Wissenschaftler die These, dass eine Truppe Australopithecine Afrika lange vor Homo erectus verlassen haben könnten, um Asien zu durchwandern. Allerdings fehlen dafür immer noch echte Beweise. Da erscheint die Einschätzung einiger Paläoanthropologen, dass Homo erectus ein Seefahrer gewesen sein könnte, deutlich wahrscheinlicher.

Der aufgerichtete Mensch beherrschte die Jagd und das Feuer, konnte Hütten bauen und entwickelte sich lokal zu erfolgreichen Arten wie den Neandertalern in Europa oder den Denisova-Menschen in Sibirien weiter.

Homo erectus selbst erscheint in einer Vielfalt von Merkmalen, wie unter anderem die Funde in Georgien verdeutlichen, denn die Dmanisi-Menschen wären in Afrika als verschiedene Arten kategorisiert worden (vgl. Nichts als der Homo erectus mit starken individuellen Unterschieden [21]).

Nicht zuletzt ist der 1891 entdeckte berühmte Java-Mensch [22] das Typusexemplar für Homo erectus, denn dieser Fund diente zur wissenschaftlichen Beschreibung der Spezies.

Weitere Aufschlüsse über die Einordnung der Zwerge von Luzon könnten neben weiteren Knochenfunden, am besten mit Schädeln, vor allem eine Erbgutanalyse bringen. Allerdings erhält sich die DNS im feuchtwarmen Klima der Philippinen kaum über einen so langen Zeitraum. Alle Versuche DNS aus den Funden zu gewinnen, waren bisher zum scheitern verurteilt.

Es bleibt spannend, denn vieles ist in Bewegung in unserem Verständnis des menschlichen Stammbaumes - nicht zuletzt in Südostasien.

Nature-Video: New human species found in the Philippines [23]


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-4399626

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/tp/features/Neue-Art-des-Menschen-entdeckt-4374750.html
[2] https://www.evolution-mensch.de/thema/arten/hominid-hominin.php
[3] http://www.dmanisi.ge
[4] https://www.heise.de/tp/features/Der-moderne-Mensch-eroberte-direkt-Arabien-3388458.html
[5] https://www.heise.de/tp/features/Aelteste-Hoehlenmalerei-der-Welt-auf-Borneo-entdeckt-4216236.html
[6] https://www.heise.de/tp/features/Die-aelteste-Hoehlenmalerei-der-Welt-in-Indonesien-3367882.html
[7] https://www.mnhn.fr/sites/mnhn.fr/files/styles/924x616/public/thumbnails/image/ile_de_luzon_c_callao_cave_archaeology_project.jpg?itok=SkWrQ7Yc&c=80101b25ced768713946cdb1605c5e50
[8] https://www.heise.de/tp/features/Hobbit-oder-Nicht-Hobbit-3368166.html
[9] https://www.heise.de/tp/features/Hobbit-oder-Nicht-Hobbit-3368166.html
[10] https://www.nature.com
[11] https://www.mnhn.fr
[12] http://dx.doi.org/10.1038/s41586-019-1067-9
[13] https://www.lakwatsero.com/destinations/callao-cave/#sthash.Hmqft109.dpbs
[14] https://physik.cosmos-indirekt.de/Physik-Schule/Uran-Thorium-Datierung
[15] http://dx.doi.org/10.1016/j.jhevol.2010.04.008
[16] http://mnhn.fr/sites/mnhn.fr/files/styles/924x616/public/thumbnails/image/fossiles-decouverts-dans-la-grotte-de-callao-et-attribues-a-homo-luzonensis-c-callao-cave-archaeology-project.jpg?itok=43w22nVe#
[17] https://www.heise.de/tp/features/Schrumpfende-Schafe-3381788.html
[18] https://bildungsserver.hamburg.de/klimageschichte/2047086/das-quartaer/
[19] https://press.nature.com/wp-content/uploads/files/2019/04/DSC7588.jpg
[20] https://www.nature.com/articles/d41586-019-01152-3
[21] https://www.heise.de/tp/features/Nichts-als-der-Homo-erectus-mit-starken-individuellen-Unterschieden-3362118.html
[22] https://www.evolution-mensch.de/thema/funde/he_java.php
[23] https://www.youtube.com/watch?v=MGN2DvDYWgc