Der lange Weg zur Drohnenmacht

Die erste Bundeswehrdrohne war die raketenförmige CL-89, die mit einer analogen Kamera ausgerüstet war. Hier im Dornier-Museum, Friedrichshafen. Bild Matti Blume / CC-BY-SA-4.0

Seit 60 Jahren fliegt die Bundeswehr Spähdrohnen, nun sollen sie bewaffnet werden. In einer Studie beschreibt der Autor alle deutschen Militärdrohnen und die Rolle des Airbus-Konzerns

Laut der UN-Sonderberichterstatterin für außergerichtliche Hinrichtungen, Agnès Callamard, verfügen über Hundert Staaten über militärisch genutzte Flugdrohnen. Dabei überwiegen Systeme zur Aufklärung und Überwachung, deren Einführung weit bis ins letzte Jahrhundert zurückgeht. Zu den Ländern, die schon seit Jahrzehnten unbemannte Systeme nutzen, gehört Deutschland.

Anfang der 1960er Jahre hatte das Verteidigungsministerium 22 Soldaten zum Training an US-Drohnen zum Truppenübungsplatz Grafenwöhr entsandt, weitere wurden als Wartungs- und Instandsetzungspersonal in den USA ausgebildet. Sie flogen eine Drohne eines US-Herstellers, der später von Northrop Grumman übernommen wurde.

Heute baut der US-Rüstungskonzern mit der "Global Hawk" das weltweit größte militärische unbemannte Luftfahrzeug, mehrere Luftwaffen der Nato-Staaten und auch das Militärbündnis selbst fliegen die Riesendrohne zur Überwachung und Aufklärung.

Airbus übernahm Drohnengeschäft von Dornier

Nach den Erfahrungen mit den US-Drohnen hatte das Verteidigungsministerium eine "Drohnen Lehr- und Versuchsstaffel" eingesetzt. Sie sollte die Beschaffung eigener unbemannter Systeme vorbereiten und die Ausbildung des Bedienerpersonals übernehmen.

Ab 1972 erhielt das Heer schließlich die CL-89, die im Auftrag der Regierungen Kanadas und Großbritanniens und später auch der Bundesrepublik von der kanadischen Firma Canadair gebaut wurde. Die etwa 100 Kilogramm schwere, raketenförmige Aufklärungsdrohne beförderte eine optische Kamera.

Zeitgleich arbeitete die Bundeswehr bereits an einer Nachfolgerin. Hauptunterauftragnehmerin dieser CL-289 war neben dem kanadischen Hersteller die deutsche Firma Dornier, die Drohne verfügte über eine Reichweite von 150 Kilometern und war mit einer Tageslicht- und einer Infrarotkamera ausgestattet. Einsätze erfolgten ab 1997 in Bosnien, Kosovo und Mazedonien.

Nach der Jahrtausendwende wurden 140 Exemplare durch EADS (heute Airbus), die den militärischen Zweig von Dornier inzwischen übernommen hatte, modernisiert. 2009 hat die Bundeswehr die CL-289 schließlich ausgemustert und teilweise an Frankreich und die Türkei abgegeben.

Rund 800 unbemannte Luftfahrzeuge verschiedener Größen fliegen heute für die Luftwaffe, das Heer und die Marine. Sie dienen der Überwachung von Stützpunkten im Einsatzgebiet und sollen dort auch feindliche Kräfte einschüchtern. Für Angriffe mit Kampfflugzeugen und Bodentruppen können sie Ziele mit Lasergeräten markieren. Firmen wie Airbus machen außerdem Geschäfte mit Drohnen für Schießübungen. Auch dieses Geschäft mit "Zieldarstellungsdrohnen" hat der deutsche Ableger des europäischen Konzerns (damals noch EADS) von Dornier übernommen.

Alle Drohnen bei der Bundeswehr. Bild: Matthias Monroy/ Rosa Luxemburg Stiftung

Pläne für "herumlungernde Munition"

Bereits in den Nullerjahren hat das Verteidigungsministerium die Beschaffung bewaffneter Drohnen geplant, auf der Wunschliste stand ein Verbundsystem mit "herumlungernder Munition" ("Loitering Munition") wie sie das Militär in Aserbaidschan kürzlich im Krieg um Berg-Karabach einsetzte.

Seit 2004 fliegt die Bundeswehr das "Kleinflugzeug Zielortung" (KZO) von Rheinmetall Defence Electronics. Die allwetterfähige Drohne kann bis zu fünf Stunden in der Luft bleiben und dabei 4.000 Meter hoch fliegen. Zusammen mit der israelischen Kamikazedrohne Harop sollte das KZO ein "Wirkmittel zur abstandsfähigen Bekämpfung von Einzel- und Punktzielen" (Wabep) bilden.

Während die KZO also ein Ziel beobachtet und markiert hätte, sollte sich die Harop darauf stürzen. Im Auftrag der Bundeswehr hatte Rheinmetall bereits "praktische Tests und Flugversuche" durchgeführt, darunter die Konvoibegleitung, das "Ausschalten" gegnerischer Anlagen und Angriffe auf Fahrzeuge in Bewegung. Am Ende entschied sich die Bundesregierung jedoch gegen das System. Etwa zur gleichen Zeit hat Rheinmetall sein Drohnengeschäft mit EADS in einem Gemeinschaftsunternehmen zusammengelegt.

Airbus profitierte von "Reißleine"

Die Einführung des Wabep hätte sich laut dem Verteidigungsministerium auf mindestens 2019 verzögert, nach dessen Einschätzung wäre es dann "technisch veraltet" gewesen. Vor ungefähr zehn Jahren haben das Ministerium und das Beschaffungsamt der Bundeswehr deshalb die Entwicklung einer "europäischen Drohne" ins Visier genommen.

EADS hatte den damaligen Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) hartnäckig bearbeitet, das von dem Rüstungskonzern entwickelte Entwicklungsprojekt Talarion weiterzuführen, für das Airbus nach eigenen Angaben bereits 600 Millionen Euro ausgegeben hatte.

Erst viele Jahre später gab de Maizière zu, in dieser Zeit sogar den Rücktritt erwogen zu haben. Grund war das gescheiterte Projekt "Euro Hawk", mit dem ursprünglich drei Spionagemodule von EADS befördert werden sollten. Die Riesendrohne erhielt jedoch keine Zulassung in Deutschland, weshalb der Minister 2013 (Anm. d. Red. Hier stand zunächst irrtümlich eine falsche Jahreszahl) die "Reißleine" zog und den einzigen gelieferten Prototyp der Resterampe überließ.

Die für den "Euro Hawk" bestimmte "signalerfassende Aufklärung" sollte den neuen Plänen zufolge in die noch zu entwickelnde "europäische Drohne" eingebaut werden. Zur gleichen Zeit brachte de Maizière auch deren Bewaffnung ins Spiel. Dafür hätten auch Kostengründe gesprochen, denn auf dem Weltmarkt hätte es damals angeblich hauptsächlich bewaffnete Drohnen zu kaufen gegeben. Wolle die Bundeswehr ein ausschließlich unbewaffnetes Luftfahrzeug, müsse sie dieses "womöglich teuer umrüsten".

Steuerung von weit entfernten Bodenstationen

Zunächst firmierte das europäische Drohnenprojekt als Female ("Future European Male"), als Partner gewann EADS die Rüstungskonzerne Dassault aus Frankreich und Leonardo (damals Alenia Aermacchi) aus Italien. 2014 haben die Firmen die staatliche Finanzierung einer Definitionsphase angeregt, in der die Anforderungen an die gemeinsam gebaute Drohne festgelegt werden sollten.

2016 haben die Regierungen Deutschlands, Frankreichs und Italiens die "Eurodrohne" mit einer zweijährigen Definitionsphase schließlich auf den Weg gebracht. Sie soll mit einem Abfluggewicht von über zehn Tonnen verfügen rund 2,3 Tonnen Nutzlast transportieren, darunter Lenkraketen und -bomben.

Nach derzeitigem Stand verfügt die "Eurodrohne" über eine "Remote-Split-Fähigkeit" und kann auf diese Weise mithilfe einer Relaisstation von weit entfernten Bodenstationen gesteuert werden.

Zunächst muss aber der Bundestag entscheiden, ob er Gelder zur Entwicklung der "Eurodrohne" freigibt, die Abstimmung soll voraussichtlich am 24. März erfolgen. Die Kosten hierfür sind noch nicht bekannt, das gilt auch für die Verteilung auf die mit Spanien inzwischen vier Entwicklernationen.

Frühestens 2028 ist dann die Auslieferung an die Bundeswehr geplant. Das Verteidigungsministerium will 21 Luftfahrzeuge und 16 Bodenkontrollstationen beschaffen und auf dem Luftwaffenstützpunkt Jagel in Schleswig-Holstein stationieren.