Der letzte Frühling des sowjetischen Jahrhunderts

Bild: @ Hype Film Kinovista 2018

Schöne Jugend: "Leto" vom russischen Dissidenten Kiril Serebrennikov ist ein mitreißender Musikfilm über die verpassten Chancen der UdSSR

Der 1969 geborene, zur Zeit in Russland verfemte, unter Hausarrest und vor Gericht gestellte Kirill Serebrennikov ist trotz einiger früherer Filme ein unbeschriebenes Blatt im internationalen Kino und bislang eher von der Bühne bekannt. "Leto" aber brachte ihm den internationalen Durchbruch und wurde bei den Filmfestspielen von Cannes gefeiert. Jetzt kommt dieser mitreißende Musikfilm in die deutschen Kinos.

"Summer!/Recently I've heard somewhere/That a comet will come soon/And we will all die" - es wird der Nachmittag sein, an dem alles anfing: Ein Sonntag am Strand, eine Gruppe Jugendlicher, mit Wein, Wodka, Musik; irgendwann wird nackt gebadet und am Lagerfeuer gesungen, und die zwei Neuen in der Gruppe gehören nun auch dazu. Eines der Lieder heißt "Sommer", auf Russisch "Leto"... Es könnte überall sein; wir aber wissen, wenn wir das sehen, bereits: Es ist "Leningrad, in den frühen 80ern", wie ein Insert erzählte, mitten in der UdSSR, aber weit weg vom Sowjetstaat.

Gleich zu Beginn war die Kamera Gast bei einem halblegalen Konzert in einem Hinterhof, ein paar Herren von der Partei sind auch da und sorgen dafür, dass Plakate und allzu enthusiastisch zur Schau getragene Emotionen schnell wieder verschwinden.

Es spielt eine Band namens "Zoopark", wir sehen den Frontmann "Mike", wir sehen Natasha, Mikes Freundin, und einen ganzen Haufen Leute, die wir bald besser kennenlernen werden in diesem Film. Zuerst bei der erwähnten Strandszene: Weil alles in der UdSSR spielt, blickt man anders hin, genauer auf scheinbar Nebensächliches, bemerkt Adidas-Schuhe, Jeans, westliche Musik, westliche Namen.

Der Westen ist Vorbild für diese Jugendlichen, ein Sehnsuchtsraum, in den alle Träume, alltäglichen Hoffnungen, auch schlichte Utopien projiziert werden. Man bemerkt dann auch gleich, wie großartig die Kamera ist, wie sie in fließenden Bewegungen sensibel beobachtet, die Blicke der Figuren aufeinander glänzend und präzis auffängt, Beziehungen stiftet, wie sie zum Teilnehmer des Geschehens wird.

Leto (13 Bilder)

Bild: @ Hype Film Kinovista 2018

Heute sind die Punk-Rock-Gruppen "Zoopark" und "Kino" Musiklegenden, Anfang der 80er Jahre waren sie der erste Vorschein einer anderen Zukunft, die unter den Begriffen "Glasnost" und "Perestroijka" bald auch den Westen verzauberte und für die neuen liberalen Seiten der Sowjetkultur einnahm. An diesem Nachmittag fing alles an.

"Leto" erzählt diese Geschichte vom Herbst des sowjetischen Jahrhunderts und von einem frühlingshaften Aufbruch unter den Leningrader Jugendlichen der frühen 1980er Jahre. Während die UdSSR gerade in Afghanistan einmarschiert, entdeckt ein Dutzend 20-Jähriger New Wave und Punk, von den Stones bis Police, von Bowie bis Blondie.

Und das System weiß, dass es mit purer Repression hier nicht mehr weit kommt, dass es Popkultur, neuartige Bands und deren Auftritte dulden muss, solange keine "Dekadenz" droht und politische Linientreue garantiert ist, denn "sowjetische Musiker müssen das Gute im Menschen finden", so erklärt eine Funktionärin augenzwinkernd.

Inmitten dieses kulturellen Tauwetters platziert der Film seine Figuren. Die Handlung basiert auf einer autobiographischen Vorlage von Natalia Naumenko, dem realen Vorbild für Natasha: Eine ebenso intelligente wie charmante junge Frau in der Mitte einer Dreiecksbeziehung zwischen Mike und Viktor, dem Sänger der Gruppe "Kino".

Es war der Augenblick der letzten Chancen. Diese sowjetischen 1980er Jahre waren das letzte Aufleuchten der liberalen Seiten der Sowjetkultur vor dem Untergang 1991 und ein Gegenpol zur politischen Erstarrung und gesellschaftlichen Not - in ihr und aus ihr als Widerspruch gegen das Etablierte geboren.

Es war der Augenblick der größten Gefahren. Im Kreml herrschte Gerontokratie: Breschnew regierte noch, war aber schon zu senil, um auch nur die Namen seiner ZK-Kollegen zu behalten. Ihm folgten sein Gegenspieler Andropow, den man trotz seiner Herkunft als Chef des KGB unter den Sowjetologen im Westen für "liberal" hielt.

Das Sowjetreich war im Zustand der "Osmanisierung", wie es Timothy Garton Ash 1988 hellsichtig zusammenfasste, ein dahinsiechendes Imperium, dessen Fliehkräfte einen unaufhaltsamen Sog entwickelten. Und Gorbatschow, der in diesem Film nicht mehr vorkommt, kam zu spät, um mehr zu werden, als ein eloquenter Konkursverwalter.

Es gab kulturellen Aufbruch, aber es war nicht genug. Der Apparat war zu langsam, ihm fehlte der Mut und wohl auch die Vision. Und die Menschen waren zu träge. Die Not des Alltags, die Müdigkeit zwischen Kohlsuppe und Trabantensiedlungen mit ihren verwahrlosten Treppenhäusern, den immer noch kaputten Stadtteilen der im Zweiten Weltkrieg belagerten Stadt, Schlangestehen für Nichtigkeiten und Arbeit an verrostenden Maschinen, war zu groß.

Der Film gibt von all dem eine Ahnung, wie von der Gemütlichkeit des Alltagslebens, die doch auch diejenigen vereinnahmt, die diese Gesellschaft eigentlich musikalisch revolutionieren oder wenigstens erschüttern wollen.

So ist dies die Geschichte einer Avantgarde, die nicht zu klein ist, um die Menschen mitzureißen - das waren Majakowski und seine Freunde in den Zwanziger Jahren auch -, aber schon zu verbürgerlicht. Genaugenommen ein erstaunliches Spiegelbild zu den Verhältnissen im Westen, wo die Kunst es in den 1980ern auch verlernte, oppositionell zu sein.

So aber wurden die letzten Chancen verpasst, um eine Systemalternative zum Kapitalismus aufrechtzuerhalten.

Die Dreiecksliebesgeschichte sorgt neben der Musik für emotionale Dynamik, doch unter dem Glück des Aufbruchs junger Menschen lauern Melancholie und tiefe Verzweiflung. Die drei Hauptfiguren werden sehr gleichberechtigt behandelt. Viktor ist der Rätselhafte, Natasha die Kluge, Gelassene, Skeptische.

Mike hat die schönsten Drehbuchsätze und er ist der großzügigste: Er schenkt Namen, Ideen, Songs, Studioverträge und rettet spontan mit seinem Charisma die missglückte Performance eines Freundes. Er verhilft sogar Viktor, obwohl der sein Rivale ist, zu einem Rendevous mit Natasha - und genau deswegen, wegen dieser Großzügigkeit, wird sich Natasha am Ende für ihn entscheiden.

Bild: @ Hype Film Kinovista 2018

Regie in diesem Film führt Kirill Serebrennikov, der mit diesem Film zu der dringend gesuchten, neuen Stimme im russischen Gegenwartskino werden könnte. Denn im Vergleich zu früheren Zeiten liegt das russische Kino darnieder.

Nikita Michalkov ist auf Seiten von Vladimir Putin in die Politik gegangen, die anderen der alten noch sowjetisch geprägten Generation sind weitgehend von der internationalen Bühne abgetreten: Alexander Sukurov, Sergeij Bodrov und Andreij Konchalowski bringen alle paar Jahre einen neuen Film heraus - meist nur mit Hilfe europäischer Fördergelder.

Unter den Mittfünfzigjährigen bleibt Andreij Zwagintsev ("Leviathan") ein Solitär. Der 1969 geborene, zur Zeit in Russland verfemte, unter Hausarrest und vor Gericht gestellte Serebrennikov ist trotz einiger früherer Filme wie dem bereits auffälligen, wenn auch noch recht schematischen "Student" ein unbeschriebenes Blatt.

Eine neue Stimme im internationalen Kino und bislang eher von der Bühne bekannt. "Leto" aber brachte ihm den internationalen Durchbruch und wurde bei den letzten Filmfestspielen von Cannes gefeiert.

Verdientermaßen: Denn "Leto" ist ganz großes Kino, das viele Elemente verbindet und in Form einer privaten Geschichte das Bild einer ganzen Gesellschaft entfaltet. Was vor allem begeistert, ist die Inszenierung: Ein Schwarzweißfilm, unterbrochen von Farbeinsprengseln und Animationselementen. Figuren sprechen in die Kamera und reißen so immer wieder die Barrieren der "vierten Wand" ein.

Die Montage ist überaus schnell und dynamisch, geprägt von der mitreißenden New-Wave-Musik von "Zoopark" und "Kino". Manche der Songs sind "gecoverte" Post-Punk-Stücke aus dem Westen - von Talking Heads, Lou Reed, Iggy Pop, David Bowie. Insgesamt ist die Inszenierung anspielungsreich, phantasievoll und vereint auch auf der Tonspur viele parallele Ebenen zu virtuosem Bewegungskino.

Ein Film, der einem hier irgendwann in den Sinn kommt, ist natürlich Francois Truffauts "Jules und Jim". "Leto" ist sein russischer Cousin. Wie "Jules und Jim" blickt "Leto" in eine verlorene und keineswegs nur verklärte Zeit zurück.

Zugleich dementieren beide Filme allen zur Zeit wieder grassierenden anti-utopischen Pessimismus: Serebrenikov zeigt schöne Menschen, die schöne Dinge machen, er zeigt Freiheit, Musik und Liebe als Quelle von Glück und einen großzügigen Umgang der Menschen untereinander. So gelingt ihm ein mitreißender Musikfilm und vielleicht überhaupt der beste Film des Jahres! (Rüdiger Suchsland)

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