Der letzte Held der Silberhalogenide

Eugen W. Smith und das Quecksilber von Minamata

Die Kodoji-Bar liegt im Shinjuku-Viertel in Tokyo und ist eines der vielen Themenlokale des Viertels. Sie gilt als "Photographers Bar", weil hier sowohl Fotografen-Legenden verkehren, als sie auch vielmals fotografiert wurde; Stammgäste haben eigene Flaschen.

Und hier wollte ich mich eigentlich mit Takeshi Ishikawa treffen. Das hat aber nicht funktioniert, weil wir mit dem Flugzeug aus Sapporo kamen und am nächsten Tag nach München weiterfliegen mussten, die Zeit war zu kurz. So muss ich also die Geschichte erzählen, ohne Takeshi persönlich getroffen zu haben.

Die Geschichte ist die von Eugene W. Smith (1918 - 1978), einem Fotografen, den man auch als das lichtbildgebende Gegenstück von Walter Benjamin (1892 - 1940) bezeichnen könnte, jedenfalls was die finanzielle Situation betrifft. Und es ist die Geschichte des ersten, weltweit bekannten ökologischen Desasters von Japan, als vor mehr als einem halben Jahrhundert in den 1960er Jahren die Bucht von Minamata mit Quecksilber aus einer ansässigen Chemiefabrik verseucht wurde und an die 2000 Opfer forderte.

Eugen W. Smith fotografierte und machte die Katastrophe im Westen bekannt, dafür wurde er 1971 von Arbeitern der Fabrik zusammengeschlagen. Takeshi war damals sein Assistent. Und meine Geschichte handelt auch von der Liebe und Besessenheit zum Erkenntnisweg der Fotografie und ihrem derzeitigen Niedergang, dem Verschwinden der Lichtbilder in den Gehäusen und elektronischen Speichern der Smartphones, Tablets und Clouds einerseits und der Monstrosität anerkannter "Foto-Kunst" andererseits.

Also Minamata. Die Industriestadt liegt an der westlichen Küste von Kyushu, der südlichsten der fünf Hauptinseln von Japan. Im Frühjahr 1945 starteten von hier aus die Kamikaze-Flieger, um sich in letzter Mission auf die US-Kriegsschiffe zu stürzen. Die meisten der blutjungen, unerfahrenen Piloten gaben ihr Leben umsonst, folgt man jedenfalls der damaligen militärischen Doktrin.

Heute rühmt sich Minamata seiner ökologischen Ausrichtung, hat an der Stelle ehemals verseuchter Küstenstreifen einen "Öko-Park" errichtet, in der Stadt wurde 2013 eine Anti-Quecksilber-Botschaft formuliert. Man stellt sich der Vergangenheit und der Katastrophe mit einem "Minamata-Desease-Museum", einem Forschungsinstitut und einem Archiv. Heute sind am Hafen unten noch immer die Fabrikgebäude zu sehen und Minamata ist eine Fabrikstadt geblieben, mit einer Hauptstraße und den dortigen Kaufhäusern und Bars, Spielsaloons mit Automaten und Auto-Reparaturwerkstätten. Beim Öko-Park gibt es regelmäßig Märkte mit regionalen Produkten.

Vor gut 60 Jahren war das Yatsushiro Meer um die Bucht von Minamata reich gesegnet mit Fischen aller Art, die für die Fischer der Stadt eine anständige Lebensgrundlage boten. Das meiste, was auf die Essteller der örtlichen Familien kam, war Reis und Fisch, das Nachkriegsjapan dieser Zeit war ein armes Land. Doch in den 1950er Jahren geschahen seltsame Dinge in der Bucht. Die Krebse begannen zu sterben, Fische trieben an der Wasseroberfläche, die Algen wuchsen nicht mehr und Katzen zeigten ein merkwürdiges Verhalten, bevor sie aus mysteriösen Gründen starben.

Am 21. April 1961 wurde ein Kind aus Minamata mit ernsthaften Beschwerden in das örtliche Hospital gebracht, es konnte nicht mehr gehen, sprechen und essen. Andere Einwohner folgten. Am 1. Mai 1961 unterrichtete der Krankenhausdirektor das Gesundheitsamt, dass sich vier Patienten mit zerebralen Schädigungen in Behandlung befänden, die Ursache sei unbekannt. Das war der Zeitpunkt der offiziellen Wahrnehmung der "Minamata Disease".

Sieben Jahre und viele wissenschaftliche und medizinische Untersuchungen später, am 26. September 1968, gab die Regierung ihre offizielle Stellungnahme bekannt. Danach war die "Minamata Disease" eine Schädigung des zentralen Nervensystems, hervorgerufen durch eine Methylquecksilberverbindung. Das Quecksilber stamme aus der örtlichen Chemiefabrik, wo es als ein Nebenprodukt der Herstellung von Acetaldehyd entstand und als Abwasser ungefiltert in das Meer geleitet wurde. Das Quecksilber habe sich in Fischen und anderen Meerestieren angesammelt und führte bei den Einwohnern, die viel von den vergifteten Meeresfrüchten aßen, und bei Neugeborenen zu Schädigungen. Insgesamt waren mehr als 2200 Menschen betroffen.

Das Auftauchen der Krankheit führte zur sozialen Spaltung zwischen den Opfern und ihren Familien einerseits und dem Unternehmen und seinen Unterstützern andererseits. Die Opfer kämpften gegen die Macht des Unternehmens, versammelten sich zu Protesten vor den Werkstoren und klagten vor Gericht. Bei Kundgebungen zeigten Angehörige die Bilder der Verstorbenen und trugen Fahnen mit der Aufschrift "Wut".

Auf diese aufgeheizte Situation traf der Fotograf Eugene W. Smith, als er 1971 nach Minamata kam, um die ökologische Katastrophe und ihre Opfer zu dokumentieren. Smith war damals 53 Jahre alt, hatte als Kriegsfotograf im Pazifik überlebt und sich einen Namen als sozial engagierter, unabhängiger - und immer in Geldschwierigkeiten steckender - Bildberichterstatter gemacht. Sein Foto der verkrüppelten 15-jährigen Tomoko ging um die Welt. Im Januar 1972 wurde Smith bei einem Angriff von Beschäftigten des Chemieunternehmens so schwer verletzt, so dass er jahrelang unter heftigen Schmerzen litt und Selbstmord begehen wollte.

Das Museum in Minamata informiert heute über die Folgen der Öko-Katastrophe: Die Quecksilbervergiftung verursachte Sehstörungen, das Hörvermögen war eingeschränkt, ebenso die Koordinationsfähigkeit von Händen und Füßen. Manche verloren den Geschmackssinn und das Gefühl in den Fingerspitzen, Babys wurden verkrüppelt geboren. Insgesamt wurden bis 2015 in den Präfekturen Kumamoto und Kagoshima 2278 Opfer der Krankheit identifiziert. Die Ausstellung thematisiert auch den Kampf dieser Opfer um ihre Anerkennung und um Entschädigungen durch das Unternehmen und durch den Staat.

In 2009 wurden Entschädigungen an über 60.000 Angehörige gezahlt, doch der Minamata-Fall schwelt noch immer und ist noch nicht beendet. Eine Abteilung schließlich zeigt die Lehren, die Minamata aus den Vorfällen gezogen hat. Die Stadt versteht sich heute als ökologische Modellstadt und hat sich den Kampf gegen die Umweltverschmutzung durch Quecksilber auf die Fahnen geschrieben.

Folgt 2: Eugen W. Smith und Walter Benjamin.

(Rudolf Stumberger)

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