Der letzte Indianerversteher

"Last Samurai" - Gegenentwurf zur quietschfidelen Ausrottungs-Folklore

Gewiss ist es verständlich, wenn das amerikanische Action-Kino derzeit erst mal fröhlich zeigt, was die Computergraphik halt so hergibt. Doch weil die wenigsten Regisseure von 100-Millionen-Produktionen zugleich auch geniale Maler sind, ist es erfreulich, wenn Handwerker wie Edward Zwick sich vor dem Drehen mal wieder ein paar sinnvolle Grundfragen stellen. Zum Beispiel: Was wirkt stärker? Wenn Tausende anonymer Viecher, Wächter oder Weltall-Soldaten virtuell verhackstückt werden, weil sie eben irgendwie böse sind, oder, wenn zumindest ein paar psychologische Motive glaubwürdig erläutert werden, bevor die Gewalt losgeht?

Einmal wird einem Menschen feierlich der Kopf abgehackt. Genauer gesagt: Ein Samurai hebt über dem Delinquenten das Schwert, die Kamera bewegt sich nach rechts, der Hieb selbst verschwindet hinter einem Baum. Wenn der Blick wieder frei wird, ist eine kauernde Gestalt und ein kullernder Kopf zu sehen. Man könnte fragen: Wozu noch der Umstand? "Last Samurai" ist ein teurer, moderner Film. Eine computer-animierte Enthauptung wäre wohl kein Problem gewesen. Nun kommt Zwicks Samurai-Western ja keineswegs ohne deftige, pathetische oder auch prahlerische Bilder daher, aber er lässt des Zuschauers Phantasie doch mehr mitmachen als derzeit im Action-Kino üblich ist, und zwar in kurzen Momenten wie auch auf lange Sicht.

Um den Kontrast von gediegenem Handwerk und reinem, gedankenlosen Aufwand geht es mitunter auch in der erzählten Geschichte, die im ausgehenden 19. Jahrhundert spielt. Captain Nathan Algren ist Veteran von Bürgerkrieg und Indianerfeldzügen, ein Held, der seinen Ruhm nicht genießen kann, weil er die wahren Ereignisse nie verwunden hat. Aus dem Alkohol-Sumpf, sowie aus seinem besudelten Land holt ihn ein japanischer Gesandter. Algren soll zunächst die Truppen Japans auf Vordermann bringen, wird aber bald verstrickt in Feldzüge gegen die Armee des sagenumwobenen Samurai-Führers Katsumoto. Wie zuvor bei den Indianern steht Algren nun wieder vor der traumatischen Aufgabe, eine fremde Kultur militärisch auszurotten. Als er jedoch in Katsumotos Gefangenschaft gerät, lernt Algren einen Winter lang die Samurais kennen und schlägt sich auf ihre Seite. Und wie einst bei den bleichgesichtigen Indianerverstehern der Filmgeschichte, etwa James Stewart, Dustin Hoffman oder Kevin Costner, ist auch hier ein Frauenzimmer im Spiel, und zwar Katsumotos nicht minder ehrenhafte Schwester.

Komischerweise ist es wieder mal Tom Cruise (vgl. 70 blaue Flecken), der eine derart gebrochene Figur verkörpert. In seinen Rollen traut er sich oft mehr als viele vergleichbar prominente Kollegen. Das verdächtige Scientology-Grinsekatz-Image scheint Cruise sich möglichst wegschuften zu wollen, sei es mit Marathon-Dreharbeiten bei Kubrick, mit grenzwertigen Schauspiel-Exzessen in "Magnolia" oder eben mit Samurai-Training. Und auch, wenn man sich für seine Filme manchmal einen interessanteren Schauspieler wünschen würde: Wenn Cruise nun einen Alkohol-Entzug durchspielt, beflissen seine Schwertübungen macht und beim Stockkampf tüchtig verdroschen wird, möchte man ihm tröstlich den Kopf tätscheln und ihm sagen: Nein, Tom, du bist nicht mehr das Arschloch aus "Cocktail" und "Top Gun".

Sein Regisseur Edward Zwick indessen, bekannt durch ""Ausnahmeszustand" oder "Glory", hat sich schon immer mal haarige Themen gesucht. Wie Hauptfigur und Hauptdarsteller hat auch er für "The last Samurai" fleißig trainiert und Hausaufgaben gemacht. Die angeeigneten Kenntnisse über den klassischen Samurai-Film, vor allem jene von Akira Kurosawa, nützt er einerseits für beherzte, fein motivierte Kampf-Szenen, andrerseits um vorsichtig über die USA und nur sehr oberflächlich über Japan nachzudenken. Tom Cruise könnte, wenn man so will, dabei für das Amerika stehen, das einst Kämpfer in Afghanistan und Irak ausgebildet hat, um sie später großmächtig zu bebomben. In jedem Fall ist er auch hier der handelsübliche liberale Weiße, den das US-Kino nun einmal braucht, um sich andere Völker genauer anzusehen.

Die Gegenüberstellung der Samurai-Tradition und der modernen Streitmächte weckt dabei allerlei Assoziationen. In Steven Spielbergs Indiana Jones-Filmen ist die Begegnung von Revolverheld und traditionellem Schwertkämpfer ein schneller, wirkungsvoller Gag. Einen umständlich sein Schwert schwingenden Fremdling knallt Indie einfach um, wobei er höhnisch grinst. "The last Samurai" ist der beflissene Versuch eines Gegenentwurfs zu solcher quietschfidelen Ausrottungs-Folklore. Die Samurais stehen dabei für eine Tradition und Ehre, die Algren und wohl auch Zwick zuhause vermissen. In der Fremde schwört der amerikanische Soldat dem Alkohol ab und findet zu sich selbst, während sein japanischer Auftraggeber zunehmend westlicher und vulgärer wird und gar sein kulturelles Erbe zerstören will.

Im leicht wunderlichen Schluss zeigt Zwick schließlich die totale Unterwerfung des Amerikaners unter die andere Kultur, einschließlich zuvorkommender Kamikaze-Option. Damit geht er einen Schritt weiter als viele ähnlich geartete Filme. Allein der junge Kaiser darf sich noch kurz vom Westen kindlich fasziniert zeigen, bevor er dann allerdings den amerikanischen Botschafter hinauswirft. Die genauen politischen Hintergründe Japans und wen sich das Land später so alles als Verbündeten geholt hat, interessiert "Last Samurai" dann schon nicht mehr. (Richard Oehmann)

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