Der letzte Tag

Staatsgeheimnisse und Rätsel um ABLE ARCHER 83

Am letzten Tag der NATO-Übung ABLE ARCHER 83 endeten im Osten die vermutlich kritischsten Wochen des Kalten Kriegs. Freigegebenen Dokumenten zufolge verschwiegen die USA und Großbritannien die Krise ihren NATO-Partnern, um die Akzeptanz der Pershing II-Stationierung nicht zu gefährden. Eine deutsche Fernsehdokumentation machte ausgerechnet Hardliner Reagan zum Helden des Dramas.

Pershing II. Bild: U.S. Army

Am 11.November 1983 endete die NATO-Übung ABLE ARCHER 83. Im Anschluss an das traditionelle NATO-Herbstmanöver spielten 40.000 US- und NATO-Soldaten in Westeuropa weiterhin Weltkrieg. Die Kommunikation war verschlüsselt, bei den Missionen selbst wurde tagelange Funkstille eingehalten. Die Sowjets verfolgten die Übung denkbar aufmerksam und registrierten etwa die kurzfristige Änderung der Atombomben-Codes. Aus Sicht östlicher Strategen waren die Manöver die Tarnung für einen Überraschungsangriff auf die kürzlich von Reagan als "Reich des Bösen" geschmähte Sowjetunion.

Am 9. November scheiterte in der Simulation die konventionelle Verteidigung gegen den Warschauer Pakt, so dass die Befehlskette zum beschränkten Nuklearangriff gegen taktische Ziele geübt wurde. Da auch dies nicht zielführend war, simulierten die Krieger am 11. November schließlich den nuklearen Vernichtungsschlag. Die ausgewählten Ziele folgten dem aktualisierten SIOP-Plan des Pentagons, was das KGB deshalb beurteilen konnte, weil diesen im Oktober ein Spion KGB geliefert hatte. Das intensivierte, jedoch verschlüsselte Kommunikationsaufkommen zwischen Washington und London entsprach dem erwarteten Abstimmungsszenario vor einem Nuklearschlag. Der taktisch geschickteste Zeitpunkt für einen Angriff auf den möglichst arglosen Gegner wäre ein sowjetischer Feiertag gewesen, etwa der Revolutionsfeiertag am 7./8. November - der ausgerechnet mit dem Beginn der kritische Phase von ABLE ARCHER 83 zusammenfiel.

Schach im Dunkeln

Während die Feldherren im Westen nur ein gigantisches Sandkastenspiel veranstalteten, um ihre Kommunikationsstrukturen zu optimieren, machten die Militärs im Osten ernst. Der sowjetische Oberbefehlshaber verlegte das Kommando in einen unterirdischen Bunker und erhöhte die Alarmstufe. Die strategischen U-Boote der Nordmeerflotte tauchten mit ihren ballistischen Atomraketen unter das Eis der Arktis, wo sie nicht beobachtet werden konnten. 70 mobile SS-20-Raketen wurden an ihre vorgesehenen Abschusspositionen gebracht; eine unbekannte Anzahl an SS-19-Raketen wurde in den Silos in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Auf Flugbasen in der DDR und Polen machte die Rote Armee etwa ein Dutzend Bomber gefechtsbereit und bestückte sie erstmals mit scharfer Nuklearmunition. Wäre der wenige Wochen zurückliegende Fehlalarm vom September 1983 über einen vermeintlichen Raketenangriff in diesen dramatischen Tagen passiert, vielleicht hätte der Staatschef, der vom System automatisch nach dem Alarm über den dritten Raketenstart geweckt wurde, nicht erst die Beurteilung des diensthabenden Kommandanten abgewartet. Wie der Historiker Dmitry Dima Adamsky detailliert beschreibt, war der Kalte Krieg im November 1983 so heiß wie nie zuvor.

Einsatzbereite SS-20 Startrampen. Bild: Edward L. Cooper, U.S. Department of Defense

Wann wer was wusste, ist heute unklar. Ganz offiziell hatte der Generalsekretär Andropow 1983 vier Mal die USA vor missverständlichen Situationen gewarnt, welche einen irrtümlichen Nuklearkrieg hätten provozieren können. Die US-Strategen hielten jedoch an ihren 1981 von Reagan autorisierten besonders aggressiven Provokationen ("PsyOps") fest, mit denen sie die Reaktion auf Grenzverletzungen testete. Auch im Westen hatten mehrere Beteiligte auf eine Missverständlichkeit der Übung ABLE ARCHER 83 hingewiesen. Während inzwischen nach und nach etliche Dokumente zur "Soviet War Scare" freigegeben wurden, sind noch viele Akten teilgeschwärzt oder ganz unter Verschluss, darunter auch die des engsten US-Verbündeten Großbritannien.

Gordijewski Geheimnisse

Nach eigener Darstellung griff der Doppelagent am 8. oder 9.November in das Drama ein. Der Londoner KGB-Agent, der seit 1974 heimlich auch für die Briten arbeitete, berichtete über ein Telegramm aus Moskau, das eine Falschmeldung über eine angebliche Mobilmachung von US-Einheiten in Europa verbreitete. (Das von Gordijewsky berichtete Telegramm liegt der Forschung nicht vor, lediglich eine möglicherweise nur rekonstruierte englische Fassung.) Moskau habe vermutet, dass das Attentat von Beirut vergolten werden solle, denkbar sei aber auch der Beginn des befürchteten Überraschungsangriffs auf die Sowjetunion. Umgekehrt habe man in Polen und der DDR Flugzeuge in Alarmbereitschaft versetzt. Die Agenten wurden aufgefordert, nach Anzeichen für eine Verifizierung dieser Thesen zu suchen.

Ohnehin waren die im Westen operierenden Agenten in das RJaN-Programm involviert gewesen, die größte Geheimdienstoperation überhaupt. Flächendeckend waren Agenten im Westen aufgefordert worden, jegliches Anzeichen zu melden, das auf Vorbereitungen eines Überraschungsangriffs schließen ließ, etwa Unregelmäßigkeiten wie erhöhte Nutzung von Parkplätzen militärischer Einrichtungen. Zwangsläufig stieg mit RJaN auch das Risiko von Fehlalarmen.

Ronald Reagan und Oleg Gordievsky (1987). Bild: Mary Anne Fackelman, US Government

1983 stand Gordijewski in Person den USA zunächst offenbar nicht zur Verfügung. Da aus Sicherheitsgründen nur fünf Personen im britischen Geheimdienst von Gordijewski Kenntnis hatten, dürfte der MI6 allenfalls gefilterte Informationen geliefert haben. Allerdings hatten die USA offenbar einen Agenten in der Tschechoslowakei gehabt, der ebenfalls eine erhöhte Alarmbereitschaft und die Angst vor einem Überraschungsangriff berichtete. Die Quelle nahm ausdrücklich Bezug auf die Erfahrung mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion von 1941.