Der moderne Mensch Ursprache sprach

Vor 50.000 Jahren dürfte sich die Sprache entwickelt haben, aus der sich alle späteren Sprachen ableiteten. Wahrscheinlich ist, dass sie die Folge Subjekt - Objekt - Prädikat bevorzugte

Da siedelt sich, man weiß nicht so genau, wann, ein Volk im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris an, in der Ebene Schinar im heutigen Irak. Man arbeitet fleißig, hat eine Menge neuer Ideen, entwickelt Ziegel aus Schlamm und Stroh, die die Sonne zu hartem Stein bäckt. Erdpech, ein Abkömmling des Erdöls, dient als Mörtel. Man beschließt, einen Turm zu bauen, wie die Welt ihn noch nicht gesehen hat. Bis zum Himmel soll er reichen, beschließen die Menschen. Der Turmbau scheitert, schuld sind aber nicht die Architekten und Ingenieure oder dass der Himmel einfach zu hoch ist, sondern ein gewisser Herr Gott. Das Volk verteilt sich in alle Himmelsrichtungen und spricht fortan nicht mehr adamitisch wie sein Stammvater, sondern alle möglichen Dialekte.

Die Geschichte ist historisch überraschend korrekt, so scheint es heute. Nur die Zeiträume haben die Schreiber anscheinend nicht ganz hinbekommen, oder sie verliefen sich im Prozess der jahrhundertelangen mündlichen Weitergabe. Die Kultur des modernen Menschen jedenfalls, heute über den ganzen Erdball verstreut, wurzelt in einer verhältnismäßig kleinen Gemeinschaft, die vor rund 50.000 Jahren in Kleinasien beheimatet war.

Sie verfügte über ausgereifte Werkzeuge, gravierte, malte und schuf Skulpturen. Dass sich die spätsteinzeitliche Gruppe im Laufe der Geschichte durchsetzte, hängt mit einer ihrer wichtigsten Erfindungen zusammen: Der Sprache, einer Ursprache, aus der sich (wenn die Theorie stimmt, von der viele Linguisten überzeugt sind) alle anderen Sprachen entwickelten. Ob es sich dabei um einen geradlinigen Prozess handelte, weiß man nicht: Ebenso wäre es möglich, dass frühe Sprachzweige wieder ausstarben und sich modernere Sprachen dann erneut aus einem gemeinsamen Ursprung entwickelten.

Dabei haben es die Linguisten bei der Aufstellung eines Stammbaums aller Sprachen erheblich schwerer als etwa die Archäologen. Aus der Zahnstellung eines urmenschlichen Kiefers sind Vokabular und Grammatik, in der sich der Besitzer mit seinen Mitmenschen verständigte, auf keine Weise abzuleiten. Am einfachsten fällt da noch der Blick in die jüngere Vergangenheit. Wie sich Sprachen in den letzten einigen Tausend Jahren entwickelten, lässt sich meist gut durch einen Vergleich des Vokabulars ermitteln. Ähnliche Klänge - man denke an "Vater" und "father" - deuten auf Verwandtschaften hin. Natürlich sind umfangreiche statistische Analysen nötig, um die gegenseitige Abhängigkeit aufzuklären.

So gelang es unter anderem, die deutsche und die englische Sprache, aber auch Russisch, Persisch und Hindi der indoeuropäischen Sprachfamilie zuzuordnen, deren Urform vor rund 6000 Jahren von anatolischen Bauern gesprochen wurde. Mit dem Altaiischen (umfasst etwa Türkisch, Japanisch und Koreanisch), Uralischen (Finnisch, Ungarisch, Estnisch) und der afro-asiatischen Sprachfamilie (Eritreisch, Semitisch, Alt-Ägyptisch...) könnte Indoeuropäisch Wurzeln in einem Dialekt haben, den die Forscher Nostratisch nennen und der vor 12000 Jahren in Südwestasien üblich war.

Spätestens hier wird es aber schwierig, Klänge erhalten sich nicht lange genug, deshalb muss man sich nun der Grammatik widmen. Auf diese Weise konnte man zum Beispiel 2005 die Verwandtschaftsverhältnisse von Papua-Sprachen klären, die sich vor über 10.000 Jahren getrennt haben müssen.

Je weiter die Forscher jedoch in die Vergangenheit sehen, desto grundlegender sind die grammatikalischen Regeln, die ihnen noch zum Vergleich dienen können. Wer - wie Forscher in einem Aufsatz in den Veröffentlichungen der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS) - in dieser Woche gar Rückschlüsse auf die Ursprache selbst ziehen will, braucht ein Merkmal wie die Reihenfolge der Satzglieder.

Im Englischen stets Subjekt - Prädikat - Objekt (SPO, "Der Hund beißt den Briefträger") haben wir in der Schule gelernt. Das Deutsche ist nicht ganz so kleinlich. Im Russischen ist die Reihung fast völlig dem Sprecher überlassen. Die Wissenschaftler haben nun 2135 Sprachen aus aller Welt unter Einbeziehung ihrer Verwandtschaftsbeziehungen analysiert.

Weltweit, das zeigt die Statistik, überwiegt SOP ("Der Hund den Briefträger beißt"), relativ dicht gefolgt von SPO und, mit deutlichem Abstand, PSO ("Es beißt der Hund den Briefträger"). Selten sind die Kombinationen POS ("Es beißt den Briefträger der Hund"), OPS ("Den Briefträger beißt der Hund") und OSP ("Den Briefträger der Hund beißt"). Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass die bevorzugte Form auch die Stammform ist, aus der sich alles entwickelte. Sprachen entwickeln sich - und die Forscher zeigen, dass sich SOP oft zu SPO verändert, aber SPO fast nie zu SOP. Die seltenen Kombinationen leiten sich ebenfalls von SOP ab. Daraus ergibt sich, dass die gemeinsame Ursprache wohl die Reihung Subjekt - Objekt - Prädikat bevorzugte.

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