"Der monotheistische Gottesglaube ist die Grundform des Ideologischen"

Hartmut Krauss zur Aktualität der marxschen Theorie, Teil 2

Im Zuge der Zunahme und Verschärfung der gesellschaftlichen und sozialen Widersprüche im Kapitalismus kommt es zu einer Renaissance religiös-irrationaler Bewegungen und Elemente, die nach dem Zeitalter der Aufklärung bereits als ad acta gelegt galten. Hartmut Krauss zeigt in seinem Buch Die Marxsche Theorie und ihre Bedeutung für eine herrschaftskritische Gesellschafts- und Subjektwissenschaft, wie diese Phänomene mit Rückgriff auf Marx grundlegend erklärt und dementsprechend kritisiert werden können.

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Herr Krauss, wie zentral waren für Marx Ideologie- und Religionskritik?
Hartmut Krauss: Marx sagt selbst unter dem Eindruck von Feuerbachs "Wesen des Christentums", dass die Kritik der Religion die Voraussetzung aller Kritik ist. Dabei ist natürlich mitbedacht, dass das Religiöse und insbesondere der monotheistische Gottesglaube die Grundform des Ideologischen im Sinne falschen Bewusstseins darstellt (religiöse Selbstentfremdung) und zugleich als zentrale Legitimationsinstanz vormoderner Herrschaftsverhältnisse wirkt. Insofern fallen Religions- und Ideologiekritik zusammen. Marx verdeutlicht diesen grundlegenden Sachverhalt anhand der "sozialen Prinzipien des Christentums":
"Die sozialen Prinzipien des Christentums haben die antike Sklaverei gerechtfertigt, die mittelalterliche Leibeigenschaft verherrlicht und verstehen sich ebenfalls im Notfall dazu, die Unterdrückung des Proletariats, wenn auch mit etwas jämmerlicher Miene, zu verteidigen. Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen die Notwendigkeit einer herrschenden und einer unterdrückten Klasse und haben für die letztere nur den frommen Wunsch, die erstere möge wohltätig sein." 1
Religionskritik als fundamentaler Teil von Ideologiekritik gehört folglich zu den Grundprämissen der Theorie von Marx und Engels. Mit der europäischen Überwindung vormoderner Herrschaftsverhältnisse und der Universalisierung der kapitalistischen Warenproduktion kommt es dann in Form der Verdinglichung des gesellschaftlichen Lebensprozesses zu einer neuen beziehungsweise zusätzlichen Form der menschlichen Selbstentfremdung.
Das bedeutet, dass im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft alle Gesellschaftsmitglieder jener Subjekt-Objekt-Verkehrung unterliegen, wie sie dem "Fetischcharakter der Warenwelt" und generell der Undurchsichtigkeit des Marktprozesses zugrunde liegt. Dabei resultiert dieser Fetischcharakter aus der Atomisierung der gesamtgesellschaftlichen Produktionstätigkeit in voneinander unabhängig und unkoordiniert betriebene private Warenproduktionen und der erst nachträglichen "wertlogischen" Vermittlung dieser isolierten Arbeitstätigkeiten im Austauschprozess.
Deshalb besitzt für die kapitalistisch vergesellschafteten Menschen ihre eigene gesellschaftliche Bewegung "die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren." 2 Vor diesem Hintergrund zielt die Marxsche Ideologiekritik im Näheren auf die Zurückweisung der Scheinrechtfertigung von Herrschaftsverhältnissen, indem Klassen- und Gruppeninteressen als Allgemeininteresse ausgegeben, im Sinne einer "höheren Moral" daherkommen oder als alternativloser "Sachzwang" verkleidet werden.
Was wir heute sehen ist eine global wirksame doppelte Entfremdung: Die gleichzeitige Wirksamkeit von postmoderner Marktreligion und unaufgeklärter Gottesreligion.

"Traditionalistischen Gesellschaftsordnungen werden nicht sozialromantisch verklärt"

Wie stand Marx zum Islam?
Hartmut Krauss: Man findet im Werk von Marx und Engels zwar keine explizit ausgearbeitete wissenschaftliche Analyse des Islam bzw. der mit dem Islam untrennbar verknüpften Herrschaftsformation. Eine solche Analyse galt es nachzuholen.
Aber bei aller Kritik an der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ist in ihrem Gesamtdiskurs kein Platz für die wie auch immer geartete Beschönigung und Verharmlosung vormodern-nichtwestlicher Herrschaftsverhältnisse sowie von deren durch und durch antiemanzipatorischen und irrationalen Legitimationsideologien. Dementsprechend werden auch die dem kapitalistischen Globalisierungsprozess ausgesetzten traditionalistischen Gesellschaftsordnungen weder sozialromantisch verklärt noch zu dürren Abstrakta (wie "Entwicklungsländer", "Peripherie", "Dritte Welt") verflüchtigt, sondern in ihrer fortschrittshemmenden Selbstbeschaffenheit als transitorische Sozialformen, also als rückständig und zu überwinden, begriffen. In diesem Sinne heißt es in Marxʼ Artikel "Die britische Herrschaft in Indien" vom 25 Juni 1853:
"Wir dürfen nicht vergessen, daß diese idyllischen Dorfgemeinschaften, so harmlos sie auch aussehen mögen, seit jeher die feste Grundlage des orientalischen Despotismus gebildet haben, daß sie den menschlichen Geist auf den denkbar engsten Gesichtskreis beschränkten, ihn zum gefügigen Werkzeug des Aberglaubens, zum unterwürfigen Sklaven traditioneller Regeln machten und ihn jeglicher Größe und geschichtlicher Energien beraubten. (…)
Wir dürfen nicht vergessen, daß diese kleinen Gemeinwesen durch Kastenunterschiede und Sklaverei befleckt waren, daß sie den Menschen unter das Joch äußerer Umstände zwangen, statt den Menschen zum Beherrscher der Umstände zu erheben, daß sie einen sich naturwüchsig entwickelnden Gesellschaftszustand in ein unveränderliches, naturgegebnes Schicksal transformierten und so zu jener tierisch rohen Naturanbetung gelangten, deren Entartung zum Ausdruck kam in der Tatsache, daß der Mensch, der Beherrscher der Natur, vor Hanuman, dem Affen, und Sabbala, der Kuh, andächtig in die Knie sank."3 In seinem Artikel "Die Kriegserklärung - Zur Geschichte der orientalischen Frage" anlässlich des Ausbruchs des Krimkrieges 1854 benennt Marx dann mit Blick auf die türkisch-osmanischen Herrschaftsverhältnisse sehr klar die grundsätzlichen (Herrschafts-)Beziehungen "zwischen Muselmanen und ungläubigen Ausländern":
"Da der Koran jeden Ausländer zum Feind erklärt, so wird niemand wagen, in einem muselmanischen Land aufzutreten, ohne seine Vorsichtsmaßregeln getroffen zu haben." 4 Im Weiteren umreißt er hinsichtlich der von osmanischen Herrschern gewährten Aufenthaltsgenehmigungen ("Kapitulationen") für europäische Kaufleute, Christen unter anderem den Tatbestand, dass der Islam keine vertragliche Gleichberechtigung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen kennt und gelangt in diesem Kontext zu folgender Kerneinsicht:
"Der Koran und die auf ihm fußende muselmanische Gesetzgebung reduzieren Geographie und Ethnographie der verschiedenen Völker auf die einfache und bequeme Zweiteilung in Gläubige und Ungläubige. Der Ungläubige ist 'harby', d.h. der Feind. Der Islam ächtet die Nation der Ungläubigen und schafft einen Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen. In diesem Sinne waren die Seeräuberschiffe der Berberstaaten die heilige Flotte des Islam." 5

"Migration wurde negativ bewertet"

Welche Position hat Marx generell zur Migration eingenommen?
Hartmut Krauss: Was Marx beobachtete war die Migration von verarmten Iren nach England. Dort fungierten sie als "Lohndrücker" beziehungsweise als Faktor der Verbilligung des variablen Kapitals. In dieser profitlogischen Perspektive ist "Migration" immer im Interesse der Kapitalverwerter (Ökonomische Nützlichkeitsmigration). Aus der Interessenperspektive der einheimischen Lohnabhängigen bedeutete diese Migration hingegen eine Verschlechterung der Verkaufsbedingungen der Ware Arbeitskraft und wurde dementsprechend aus naheliegenden und nachvollziehbaren Gründen negativ bewertet.
Zudem ergab sich im Ergebnis eine Spaltung der Arbeiterklasse, die wiederum ihre Kampfposition gegenüber den Kapitaleigentümern schwächte. Das heisst, auch politisch diente die Migration den Herrschaftssicherungsinteressen der Bourgeoisie: Teile und herrsche. Heute stellt sich die Lage natürlich erheblich zugespitzter dar.
Dass massenhaft überwiegend unterdurchschnittlich qualifizierte Personen aus vormodern-rückständig geprägten Regionen, darunter überwiegend Muslime, unreguliert immigrieren, in Form von Siedlern ihre repressive Herrschaftskultur importieren und wie in Deutschland ein - im Kontrast zum Herkunftsland - spendables Sozialversorgungssystem mit Belohnung für religiös-patriarchalisches Reproduktionsverhalten vorfinden, hätte Marx verblüfft. Auf jeden Fall, soviel steht fest, wären er und Engels keine Freunde eines islamisch geprägten, dem orientalischen "Religionsschwindel" anheimgefallenen Subproletariats und seiner pseudolinken Beschützer geworden. (Reinhard Jellen)
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