Der nächste Hohmann kommt bestimmt

Hohmann und der Antisemitismus in den deutschen Medien

Eins ist unstrittig: Der CDU-Abgeordnete Martin Hohmann ist ein Antisemit. Man darf ihn so nennen, ohne dass er juristisch dagegen vorgehen könnte. Hohmann selbst würde sich aber nicht so bezeichnen. Er hat es nicht so gemeint, wie alle Antisemiten, die glauben, sie seien keine Neonazis, sondern Demokraten. Das spielt keine Rolle. Ein Antisemit kann Kommunist, liberal oder ein politischer Rechtsaußen sein: die Textbausteine, die jahrhundertealte Klischees bedienen, sind immer die gleichen, zwar nicht unbedingt Leit-, aber doch Teil deutscher Kultur.

Die Affäre um den CDU-Politiker ist ein deutsches Lehrstück: es beweist, dass der Diskurs in den Medien Meinungen nicht ändert, sondern vorhandene politische Einstellungen nur verstärkt - bei allen Beteiligten. Die einen - wie die Taz - folgern: Antisemitismus komme in allen Schichten und Milieus der Gesellschaft vor, im Bundestag wie bei Skinheads. Man kann das Phänomen "Rechtsextremismus" nennen, muss aber nicht. Die anderen fassen ihre dumpfen Emotionen in dem Satz zusammen: "Ich habe nichts gegen Juden, aber man wird doch noch sagen dürfen ..." Und, wie auch Hohmann: "Es war und ist nicht meine Absicht, Gefühle zu verletzen." Wir sind nach Hohmann so klug wie vor Hohmann.

Worum es jetzt im Diskurs geht, lässt sich mit der Frage umschreiben: Was könnte bei einer kontroversen gesellschaftlichen Diskussion über antisemitische Parolen als Fazit herauskommen? Die Antwort ist einfach: nichts. Oder nicht viel. Oder nicht mehr, als schon vor zwanzig Jahren zum Thema gesagt worden ist. Antisemiten haben wenig Fantasie. Die These, Juden seien ganz besonders oft bolschewistische Kader, unterscheidet sich qualitativ nicht vom antijüdischen Vorurteil des christlich geprägten Mittelalters, "die Juden" schändeten Hostien.

Verbindendes Element des Bolschewismus und des Nationalsozialismus war also die religionsfeindliche Ausrichtung und die Gottlosigkeit.

Zitat aus der Der Wortlaut der Rede von MdB Martin Hohmann zum NationalfeiertagRede von Hohmann

Dass die Jude "gottlos" seien, behauptete schon Kaiser Theodosius im Jahre 388.

Auch nicht neu ist, dass die Medien vom Antisemitismus immer wieder überrascht zu sein scheinen. Die Zeit bemüht den Komparativ und spricht von einer "neuen Qualität in der langen Reihe antisemitischer Ausrutscher deutscher Politiker." Bisher habe es sich um "dumpfe Klischees und Affekte" gehandelt, die im "Vor- oder Unbewussten des Sprechers gespeichert waren."

"Neu" sei, dass Hohmann absichtlich auf "antijüdische Geschichtsmythen" zurückgegriffen habe. Das ist eine gewagte These: Wie kamen denn die Klischees und Affekte in die Köpfe hinein, aus denen sie angeblich mehr oder minder zufällig bei bestimmten Gelegenheiten hervorquollen? Kühn ist auch die psychologisierende Behauptung, antisemitische Vorurteile seien eine Art emotionale Konstante, die dem Deutschen an sich als natürliche emotionale Ausstattung zu eigen seien und seinem Ich "unbewusst" entschlüpfen könnten, ohne dass er das wirklich wolle. Dem entspricht die merkwürdige Idee, jemand könne sich für antisemitische Tiraden im nachhinein entschuldigen oder sich von ihnen distanzieren, als habe er sich nur nicht genug beherrscht, als sei ihm nur die Hand "ausgerutscht."

Übrigens - und das haben alle deutschen Medien offenbar übersehen: Eine Kritik der Rede Hohmanns fand sich zuallererst auf dem größten jüdischen Online-Portal hagalil.com - geschrieben von der in Tel Aviv lebenden Journalistin Andrea Livnat (Telepolis hatte den Artikel übernommen: "Gerechtigkeit für Deutschland"). Und es brauchte eine ganz Weile, bis sich der Mainstream der Berichterstattung vom "vermeintlichen" Antisemitismus Hohmanns dazu durchgerungen hatte, die Angelegenheit beim Namen zu nennen. Die deutsche Öffentlichkeit pflegt weniger die Kontroverse statt vielmehr den moralisierenden Schulterschluss: Alle wollen von nichts gewusst haben, obwohl das Hohmannsche Weltbild unstrittig weder ein Einzelfall ist, noch zum ersten Mail in dieser Hinsicht einschlägig auffällt.

Was lehrt uns das? Der nächste Hohmann kommt bestimmt wie das christliche Amen in der Kirche. Kulturpessimistische Komparative, er werde immer alles schlimmer, die Antisemiten und andere "Rechtsextremisten" immer dreister, sind aber auch fehl am Platz. Man sollte das "Positive" antisemitischer Ressentiments betonen, die entlastende Funktion, die schlichte Aussage, die hinter den verquasten sprachlichen Klischees steckt: Je mehr Schuld die Juden haben, um so weniger Schuld haben die Deutschen. Das ist das eigentliche Anliegen des Antisemitismus nach 1945.

Der moderne Antisemitismus, der sich als solcher nicht direkt zu outen wagt, ist ein politisches Versprechen, die deutsche Nation neu definieren, die lästige Vergangenheit zu den Akten legen zu können. Der mediale Diskurs, einzelne Vertreter zu entlarven und sie soziale zu marginalisieren, hat einen kathartischen Effekt: Er enthebt die Mehrheit von der irritierenden Pflicht, sich über die Ursachen des Antisemitismus in Europa Gedanken machen zu müssen. Die sind nicht zwischen den Jahren 1933 und 1945 zu finden.

Der Sturm medialer Entrüstung über jemand, der unstrittig das ausgesprochen hat, was viele nur zu denken wagen, passt zur Entsorgung deutscher Geschichte in Form großflächiger Gedenkstätten. Die empörte Attitüde, jemand habe etwas gesagt, was sich nicht geziemt, und müsse dafür abgestraft werden, bleibt letztlich folgenlos, weil sie vom eigentlichen Problem ablenkt: Kann man sich auf die deutsche Nation nach der Shoah überhaupt positiv beziehen?

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