Der nächste Kollaps? Große Existenzsorgen im Gastgewerbe

Bild: Redaktion

Corona, Kostenexplosionen und Arbeitskräfte, die der Branche den Rücken kehren: Sie erwartet das dritte Jahr mit Verlusten in Folge.

In den Gärten, die gleich neben dem Paradies liegen, den "Biergärten", tragen sich in diesem Sommer Szenen der Verblüffung zu: Gäste am Ufer des Starnberger Sees, wo es ein paar lauschige Plätze gibt, wundern sich laut darüber, dass das Schnitzel doch erheblich geschrumpft sei im Vergleich zum Vorjahr und dabei auch noch um einiges teurer geworden sei. Die einzige Bedienung in dem Garten am Seeufer brachte das ersehnte Gericht erst dann, als es auf eine Temperatur abgekühlt war, die man bei mitgebrachten Speisen aus der Kühlbox erwartet. Der Kellner war überfordert.

Zum Glück waren die Gäste einsichtig, sie gaben Trinkgeld. Einer aktuellen Debatte zufolge, an der sich auch Gesundheitsminister Lauterbach beteiligte - "Schon alleine wegen der dauernden Gefahr der Ansteckung mit dem Coronavirus ist es unverständlich, dass nicht großzügiger Trinkgeld bezahlt wird" -, gibt es einen Trend zum Geiz, wenn es um das Extrageld von Dienstleistern geht, die im Niedriglohnbereich arbeiten.

Die Gastronomie stehe "vor dem Kollaps", wird derweil aus dem Osten Deutschlands gemeldet. Die Preissteigerung bei Fleisch und Fisch sorge bei Gastronomen für Angebotsbeschränkungen, heißt es in Leipzig. Der Kommentar dazu spricht davon, dass eine Hiobsbotschaft in der Gastronomie die nächste jage.

Fachkräftemangel und hohe Kosten setzen die Hotel- und Gastronomie in Deutschland unter Druck. Die Branche erwartet das dritte Jahr mit Verlusten in Folge.

"Den Umsätzen stehen weitaus höhere Kosten entgegen als vor der Corona-Krise, insbesondere die explodierenden Gas- und Strompreise bereiten den Betrieben sehr große Sorgen", sagt der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Guido Zöllick. Er beruft sich dabei auf eine aktuelle Umfrage seines Verbandes.

Das Statistische Bundesamt von Januar bis Mai weist nach Angaben des Verbandes einen realen Umsatzverlust von 25,4 Prozent aus. Nun sorgt sich Zöllick um die Energieversorgung und die Preise:

Wir erwarten, dass jetzt alles unternommen wird, um die Sicherheit der Energieversorgung zu gewährleisten und die Kostenexplosion bei Gas und Strom einzudämmen.

Guido Zöllick, Dehoga-Präsident

In Hessen spüren laut einer ebenfalls aktuell durchgeführten Befragung knapp zwei Drittel der Betriebe eine Konsumzurückhaltung der Gäste. Zwar gebe es erstmals wieder stabile Umsätze, aber steigende Kosten belasteten die Branche. So seien im Juli dieses Jahres die Preise für Lebensmittel um 26 Prozent, für Strom um 42 Prozent und für Gas um 66 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen.

"Ein Schnitzel für neun Euro ist heute nicht mehr machbar"

Der brandenburgische Dehoga-Präsident Olaf Schöpe rechnet angesichts der Lage mit Hotelschließungen. "Die Branche wird es so, wie sie sich jetzt darstellt, im nächsten Frühjahr nicht mehr geben", sagt Schöpe. Neben den hohen Kosten und der Zurückhaltung der Gäste, die lieber warm duschten, als ins Restaurant zu gehen, sind die fehlenden Mitarbeiter ein großes Problem.

Nach einer Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung (IW) verließen allein im Jahr 2020 gut 216.000 Personen das Gastgewerbe.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) spricht unter Berufung auf Daten der Bundesagentur für Arbeit sogar von 275.000 Beschäftigen und damit jedem sechsten Arbeitnehmer der Branche, die 2020 ihren Arbeitsplatz verloren haben.

"Es muss jetzt gelingen, abgewandertes Personal zurückzugewinnen. Ein entscheidendes Mittel dabei sind höhere Löhne und attraktivere Arbeitsbedingungen", sagte der NGG-Vorsitzende Guido Zeitler zur diesjährigen Haupturlaubszeit.

Und er appellierte an die Gäste, höhere Preise zu akzeptieren.

Wichtig ist, dass jetzt auch die Gäste Verständnis zeigen und bereit sind, für ein ordentliches Essen und eine gute Bewirtung etwas mehr auszugeben. Ein Schnitzel für neun Euro ist heute nicht mehr machbar.

Guido Zeitler, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG)

Der Geschäftsführer der Gewerkschaft für Berlin-Brandenburg, Sebastian Riesner, ergänzt: "Schon vor der Pandemie gab es zu wenig Fachkräfte in der Gastronomie." Das ganze Hotel- und Gaststättengewerbe habe sich seinen Ruf als "Niedriglohnbranche" verdient. Er fordert neben höheren Löhnen den Verzicht auf Minijobs.

Eine weitere Sorge: Das angekündigte neue Infektionsschutzgesetz mit Maskenpflicht, weiteren Maßnahmen und einem Kontrollaufwand. "Wir appellieren an die Bundesregierung und die Landesregierungen alles dafür zu tun, dass Auflagen und weitere Corona-Maßnahmen im Herbst nicht erforderlich sind", sagt Dehoga-Präsident Zöllick.

Auch der NGG-Vorsitzende Zeitler sieht die angekündigten Maßnahmen kritisch. Er fürchtet unter anderem ein Kontroll-Chaos und eine zusätzliche Arbeitsbelastung für die Beschäftigten in Zeiten, in denen das Gastgewerbe extreme Personalprobleme habe.

Im teuren Süden des Landes werden die Personalprobleme noch weiter durch zu wenig bezahlbaren Wohnraum verschärft.

Diese Meldung erscheint in Kooperation mit dem Magazin hintergrund.de.

(Redaktion Telepolis)