Der neue Taliban-Chef Akhundzada

Zahlreiche Taliban-Kämpfer in Paktika leisten ihren Treueschwur auf den neuen Führer, will zumindest das Foto der Taliban demonstrieren.

Die Ermordung von Mansour mittels einer US-Drohne wird den Friedensprozess nicht voranbringen

Vor zwei Wochen wurde Taliban-Führer Mullah Akhtar Mohammad Mansour für tot erklärt. Nach einigen weiterhin bestehenden Ungereimtheiten bestätigten die afghanischen Taliban die Ermordung ihres Anführers durch einen Drohnen-Angriff in der pakistanischen Provinz Belutschistan. Damit wurde Mansours "Amtszeit" in weniger als einem Jahr beendet. Erst im vergangenen Sommer war bekannt geworden, dass der Gründer der Bewegung und bis dahin auch ihr damaliger Führer, Mullah Mohammad Omar, verstorben sei.

Nach dem Bekanntwerden von Omars Tod erlebte die Taliban-Führung eine kurzzeitige Krise in der Diskussion um die Nachfolgeschaft. Es dauerte einige Zeit, bis man sich auf Mansour einigte. Nicht alle waren damit zufrieden. Einige kleine Fraktionen der Gruppierungen wendeten sich ab und wollten Mansours Führung nicht anerkennen.

Um dieses Szenario zu vermeiden, wurde dieses Mal jedoch schnell gehandelt. Während viele Beobachter sich noch immer fragten, ob es sich bei dem Drohnen-Opfer aus Belutschistan tatsächlich um Mansour handelte, verkündeten die Taliban schon seinen Tod und machten gleichzeitig den Namen ihres neuen Anführers bekannt: Maulawi Haibatullah Akhundzada.

Dass die Entscheidung auf Akhundzada fiel, kam überraschend. Viele Beobachter konnten mit diesem Namen kaum etwas anfangen. Auch das Bild des hageren Mannes, das die Taliban in Umlauf brachten, war diesbezüglich keine große Hilfe. Im Laufe der letzten Tage kamen allerdings immer mehr authentische Informationen zur Person Akhundzadas ans Licht. So wurde bekannt, dass der neue Taliban-Führer wie bereits seine beiden Vorgänger aus der südafghanischen Provinz Kandahar stammt und dort als Sohn eines Dorfmullahs aufwuchs.

Taliban-Kämpfer legen Treueeid für Akhundzada ab. Bild: Taliban

Wie zahlreiche andere Führungsfiguren der Taliban kämpfte Akhundzada in den 1980er-Jahren als Mudschaheddin-Kämpfer gegen die sowjetische Besatzung Afghanistans. Mehreren Quellen zufolge war er während dieser Zeit hauptsächlich in der Fraktion des bekannten Mudschaheddin-Führers Mohammad Yunus Khalis tätig. Khalis gehörte zu den Gründern der Hizb-e Islami, jener Widerstandsfraktion, die sich im Laufe des Krieges gegen die Sowjets als besonders schlagfertig erwies und dementsprechend sowohl von der CIA als auch vom pakistanischen Geheimdienst ISI massiv unterstützt wurde. Khalis selbst wurde damals unter anderem auch im Weißen Haus empfangen. Ein Foto, welches ihn neben US-Präsident Ronald Reagan zeigt, wird bis heute gerne verbreitet, um auf die gescheiterte US-Politik in der Region aufmerksam zu machen.

In den 90er-Jahren, während der Errichtung des Taliban-Emirats, machte sich Akhundzada einen Namen als islamischer Geistlicher. Damals war er unter anderem in der Justizabteilung der Taliban tätig, wo er auch islamische Rechtsgutachten erließ. Dieser Punkt in Akhundzadas Vita ist entscheidend. Im starken Kontrast zu Omar und Mansour ist Akhundaza in erster Linie nämlich kein Mann des Schlachtfeldes, sondern ein geistlicher Führer und Ideologe. Allein sein Titel "Maulawi" macht dies deutlich und weist auf eine höhere religiöse Ausbildung hin. Währenddessen trugen seine Vorgänger lediglich den Titel "Mullah". Allein aufgrund dieser Tatsache genießt Akhundzada innerhalb der Taliban ein hohes Ansehen. Selbst Mullah Omar soll ihn als Lehrperson betrachtet haben.

Falsche Erwartungen

Sowohl Washington als auch Kabul geben nun vor, sich durch Haibatullah Akhundzadas Führung Fortschritte im Friedensprozess mit den Taliban zu erhoffen. Inwieweit sich dies verwirklichen wird, bleibt zum gegenwärtigen Zeitpunkt allerdings mehr als fragwürdig. Bereits vor dem Anschlag auf Mansour hat die Nato verkündet, ihren Einsatz am Hindukusch bis 2017 verlängern zu wollen. Ein Datum für das Ende des Einsatzes wurde nicht genannt. Zu einem ähnlichen Schluss wird wohl auch das Pentagon in diesen Tagen kommen. Der Kommandeur der US-Truppen in Afghanistan prüft die Lage.

Nach derart gezielten Mordanschlägen - anders kann man den Tod Mansours in einem Land, mit dem sich die USA nicht im Krieg befinden, nicht bezeichnen - kam es immer wieder zu einer Radikalisierung der Führung. Mehreren Aussagen zufolge galt Mansour etwa als Pragmatiker, der es in den 90er-Jahren etwa schon in Erwägung zog, mit ehemaligen afghanischen Kommunisten zusammenzuarbeiten. Außerdem wird ihm nachgesagt, die meisten Taliban-Kommandanten unter seiner Kontrolle gehabt zu haben. Beides kann man von Akhundzada nicht behaupten.

"Ich denke nicht, dass wir in naher Zukunft Friedensverhandlungen mit Akhundzada erleben werden. Der neue Taliban-Führer ist wirklich kein Mann des Geldes und auch wirklich kein militärischer Mensch. Vielmehr ist er ein religiöser Führer. Wir erwarten ihn nicht am Verhandlungstisch", meint etwa Charles Cleveland, ein ranghoher General der US-Armee.

Als Ideologe, so heißt es zumindest, hat Akhundzada einen starren Blick nach vorne und duldet keinerlei Abweichungen. Abgesehen davon soll er in militärischer Hinsicht nur wenig Einfluss haben. Auf dem Schlachtfeld spielt Akhundzadas Stellvertreter, Sirajuddin Haqqani, der gegenwärtige Chef des sogenannten Haqqani-Netzwerkes, eine weitaus bedeutendere Rolle. Analysten gehen gegenwärtig davon aus, dass Haqqani in militärischer Hinsicht den eigentlichen Kopf der Gruppierung ausmacht. Als Gleichgewicht dazu wurde Mullah Mohammad Yaqub, der Sohn Mullah Omars, zum zweiten Stellvertreter Akhundzadas ernannt. Diesem wurde jedoch des Öfteren nachgesagt, leicht beeinflussbar zu sein - vor allem seitens des pakistanischen ISI. Pakistan wird seit Jahren eine Nähe zu den afghanischen Taliban vorgeworfen.

Offene Fragen und mögliche Erklärungen

Die Frage, inwieweit diese Nähe tatsächlich besteht, bleibt vor allem nach dem Tod Mansours offen. Ohne eine Zusammenarbeit des ISI mit der CIA wäre eine Koordinatenübergabe bei Drohnen-Angriffen in Pakistan kaum möglich. Abgesehen davon war Mansour auf pakistanischem Gebiet in einem ungeschützten Taxi, und nicht etwa in einem Militärkonvoi der pakistanischen Armee, unterwegs.

Abgesehen davon stellen sich im Fall Mansour weiterhin noch andere Fragen. So wurde etwa kurz nach dem Drohnen-Anschlag bekannt, dass nahe der Leiche des Mannes namens Wali Mohammad, den man für Mansour hielt, dessen pakistanischer Reisepass gefunden wurde. Das Dokument machte unter anderem deutlich, dass Mohammad alias Mansour sich in den letzten Wochen vor seinem Ableben im Iran aufhielt. Zwischen den Jahren 2006 und 2012 soll der Mann außerdem mehrmals in die Vereinigten Arabischen Emirate sowie einmal nach Bahrain gereist sein.

In diesem Kontext wurde nun mehrmals darauf hingewiesen, dass Mansour nicht nur als Führungsfigur der Taliban tätig war, sondern auch als Händler im Import-Export-Geschäft aktiv gewesen ist. Demnach wären derartige Reiseunternehmungen sehr wohl nachvollziehbar. Von iranischer Seite wurde die Einreise Mansours dennoch dementiert.

Währenddessen wollte die pakistanische Regierung überprüfen, ob es sich bei dem Drohnen-Opfer, dessen Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verbrannt wurde, tatsächlich um Mansour handelte. Vor wenigen Tagen hieß es aus Islamabad, ein DNA-Test habe Mansours Identität bestätigt. Demnach seien Wali Mohammad und Akhtar Mohammad Mansour tatsächlich ein und dieselbe Person gewesen. Die Vergleichsprobe stammte der Regierung zufolge von einem nahen Verwandten Mansours.

Desinteresse für getöteten Taxifahrer

Im Hintergrund geriet bei all der Berichterstattung jedoch die Tatsache, dass es zwei Opfer gab. Der unschuldige Taxifahrer, der von der Identität seines Fahrgastes nichts wusste, wurde von der US-amerikanischen Drohne ebenfalls getötet.

Berichten zufolge war der Taxifahrer ein Mann namens Mohammad Azam und stammte aus der Stadt Quetta. "Mein Bruder war unschuldig und sehr arm. Er hatte vier Kinder und war der Haupternährer seiner Familie", meinte ein Bruder des Opfers. Die Familie hat bereits angekündigt, aufgrund der Ermordung Azams rechtliche Schritte gegen die USA einleiten zu wollen. (Emran Feroz)

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