Der saudische Sonderweg - ein Motiv für 9/11?

Warum fanden die Anschläge am 11. September statt?

Natürlich nahm die Planung der Anschläge allen Erkenntnissen zufolge viele Monate in Anspruch. Es ist nahezu undenkbar, dass die gesamte Aktion spontan in zwei Wochen ins Werk gesetzt wurde. Allerdings stellt sich die Frage, inwieweit die Anschlagspläne im Jahr 2001 womöglich fertig zur Ausführung vorlagen - und nur ein politisch geeigneter Moment zum Losschlagen abgewartet wurde. Es ist jedenfalls bislang kein triftiger Grund bekannt geworden, weshalb die Angriffe eigentlich Anfang September stattfanden - und nicht Anfang Oktober, Ende Mai, oder Mitte Juli.

Einschlagsschäden im Pentagon. Bild: U.S. Air Force

Bushs rasches Zugeständnis hatte die für die USA bedrohlichen Entwicklungen vorerst abgewendet und der saudische Kronprinz zeigte sich darüber erfreut und erleichtert. In seiner Antwort vom 6. September drängte er aber, dass der Präsident dies nun nicht nur ihm gegenüber, sondern auch öffentlich sagen müsse. Bush stimmte zu, in der Woche nach dem 10. September dazu eine öffentliche Erklärung abzugeben.5

Über das Wochenende vom 8. zum 9. September diskutierten Diplomaten beider Länder, was als nächstes geschehen sollte: eine Rede Bushs oder Powells? Auch ein Treffen zwischen Bush und Arafat bei den Vereinten Nationen Ende September wurde erörtert. Der US-Präsident reagierte aufgeschlossen auf den Vorschlag, was die Saudis erfreute. Auch ohne eine endgültige Entscheidung dazu war Botschafter Bandar nun in einer euphorischen Stimmung: "Ich hatte den Eindruck, dass hier wirklich eine große Initiative entstand, die uns alle retten konnte."

Die New York Times berichtete am 9. September über diese Verhandlungen und stellte ebenfalls klar, dass der "wachsende Druck" Saudi-Arabiens die USA zum Handeln zwänge. Dessen Außenminister hätte unmittelbar zuvor mehrere arabische Länder bereist, um eine einheitliche Front von Regierungen zu bilden, die beim Treffen der Vereinten Nationen in New York Ende September gemeinsam im Interesse Palästinas auftreten sollten. Die Zeitung zitierte Diplomaten, denen zufolge dieses Vorgehen sehr ungewöhnlich sei, da der Prinz nur selten reise und ein solch hochrangiger Saudi sich auch nie zuvor so offen für Palästina und gegen die USA gestellt habe.

Im gleichen Artikel zitierte die New York Times aus dem Umfeld von Präsident Bush, dass man zu einem Treffen mit Arafat bereit sei, um einen Prozess neuer ernsthafter Friedensgespräche zu beginnen, sofern "die Entwicklungen in den kommenden 10 Tagen" dies zuließen. Der israelische Präsident stimmte den Plänen, der Zeitung zufolge, nur halbherzig zu. Weiter hieß es in Bezug auf eine Rede, die US-Außenminister Powell wahrscheinlich im Umfeld der UNO-Generalversammlung im September halten sollte:

Eine derzeit vorbereitete Rede des Außenministeriums würde erstmals die Grundzüge der Politik dieser Regierung in Bezug auf den Nahen Osten erklären, wie ein Beamter sagte. Darin ginge es um Themen wie einen eigenständigen palästinensischen Staat, auch wenn die konkreten Formulierungen dazu noch nicht geklärt seien. Die Rede würde auch die Bedeutung sicherer Grenzen für Israel thematisieren, sowie möglicherweise die sensible Frage der Siedlungen.

Zu all dem kam es jedoch nicht, nachdem am folgenden Dienstag, dem 11. September 2001, mehrere entführte Flugzeuge ins World Trade Center und ins Pentagon einschlugen.

Nachdem bekannt wurde, dass 15 der 19 mutmaßlichen Entführer Saudis gewesen seien, wurde der Anschlag augenblicklich zu einer schweren Hypothek für die saudischen Herrscher. Mit einem Mal schrumpfte ihr politischer Handlungsspielraum auf ein Minimum zusammen. Forderungen zu stellen oder gar die US-Regierung zu irgendetwas zu drängen, war vollständig unmöglich geworden. Auch eine politische Abspaltung von den USA war nun undenkbar. Stattdessen hatten die Saudis alle Hände voll damit zu tun, sich von den Attentaten zu distanzieren.

Ein Motiv für 9/11?

Da die Anschläge selbst nach wie vor unaufgeklärt sind und eine Verantwortung Bin Ladens mitnichten nachgewiesen wurde, bietet die Episode des im Sommer 2001 geplanten saudischen Sonderwegs Raum für weitere Überlegungen. Gehörte es zum Kalkül der Anschlagsplaner, wer auch immer sie waren, den saudischen Kronprinzen unter Druck zu setzen, um sein Land so weiterhin an die USA binden zu können und eine drohende politische Loslösung zu verhindern? Sollte darüber hinaus der Friedensprozess im Nahen Osten, dessen Fortführung die Saudis mit massivem Druck anmahnten, gezielt torpediert werden? Falls dem so war, so kann ein Erfolg auf breiter Front konstatiert werden.

Saudi-Arabien rückte nach den Anschlägen, ebenso wie Pakistan und andere Länder, fest an die Seite der USA. Dies war keine freie Entscheidung der jeweiligen Regierungen, sondern durch die extreme Polarisierung nach 9/11 (Bush: "Wer nicht für uns ist, ist für die Terroristen") direkt erzwungen.

Nur zwei Tage nach den Anschlägen trafen sich Botschafter Bandar und Präsident Bush vertraulich im Weißen Haus, um die zukünftigen Beziehungen beider Länder zu besprechen. Von einem Dissens war keine Rede mehr.6 Die Gespräche wurden fortgesetzt bei einem Besuch des saudischen Außenministers im Weißen Haus am 20. September. In einer anschließenden Stellungnahme betonte der Minister zwar, es sei erwiesen, dass etwas mit der FBI-Liste der Namen der mutmaßlichen saudischen Flugzeugentführer nicht stimmen würde, dieser Einwand wurde jedoch von den Ermittlern - und auch der Presse - in der Folge ignoriert.

Seither schwelt der Verdacht einer saudischen Beteiligung an den Anschlägen mehr oder weniger deutlich ausgesprochen in der Öffentlichkeit. Im Jahr 2012 verabschiedete der US-Senat sogar ein Gesetz, das die juristische Verfolgung der Saudis in Zusammenhang mit 9/11 ermöglicht. Das Gesetz ist Ergebnis von Lobbyanstrengungen mehrerer einflussreicher US-Senatoren, sowie der Anwaltskanzlei Motley Rice, die einige Opferfamilien der Anschläge vertritt. Der somit aufgebaute öffentliche Druck auf Saudi-Arabien kann zugleich auch als willkommenes Mittel einflussreicher Kreise in den USA betrachtet werden, die Saudis unter Kontrolle zu behalten.

Zwar stimmt es, dass eine ganze Reihe von Saudis, teilweise mit Regierungskontakten, in Verbindung mit den mutmaßlichen Attentätern standen. Und vieles deutet in der Tat auf die Existenz eines gut organisierten verdeckten saudischen Unterstützernetzwerks in den USA vor 9/11 hin. Auch ist es richtig, dass die offiziellen Untersuchungskommissionen diesen Aspekt zu kaschieren versuchten. Ob allerdings Personen in diesem Unterstützernetzwerk auch wirklich Kenntnis von den konkreten Terrorplänen hatten, ist bislang völlig offen - genauso wie die Planung der Anschläge selbst.

Erinnert sei daran, dass die Kronzeugen der amtlichen Darstellung der Planung von 9/11, wie Abu Subaida, Ramzi Binalshibh und Khalid Scheich Mohammed, nach ihrer jeweiligen Festnahme in Geheimgefängnisse verschleppt und gefoltert wurden. Kein amtlicher Ermittler hatte je Zugang zu ihnen. Trotzdem bilden ihre Aussagen weiterhin die Grundlage des offiziellen 9/11 Commission Reports, was selbst US-Medien wie NBC schon vor Jahren - folgenlos - kritisierten Auch die bisherigen Gerichtsverfahren in Zusammenhang mit 9/11 in Guantánamo sind nach allen juristischen Standards kaum mehr als eine Farce.

Vor diesem Hintergrund sind die "Enthüllungen" über eine saudische Beteiligung an den Anschlägen mit Vorsicht zu genießen. Es gibt ein starkes politisches und ökonomisches Interesse, weiterhin Druck auf Saudi-Arabien auszuüben. Zugleich erscheint es fraglich, welches Interesse saudische Regierungskreise an den Anschlägen von 9/11 gehabt haben sollen. Wie geschildert, verloren sie durch die Angriffe beinahe vollständig ihren politischen Gestaltungsspielraum - was vorhersehbar war.

Bei der Frage nach den möglichen Motiven für 9/11 sollten daher die auf die Anschläge folgende Polarisierung, sowie der beschriebene saudisch-amerikanische Konflikt vom Sommer 2001 mit erwogen werden. (Paul Schreyer)