Der schleichende Genozid an den Kurden

Ein geschichtlicher Hintergrund zur aktuellen Politik der Türkei

Im Irak wurde ein neues Massengrab mit mindestens 70 ermordeten kurdischen Frauen und Kindern im Alter von 2 bis 40 Jahren aus der Zeit Saddam Husseins gefunden. Hunderte weitere Tote wurden in drei Massengräbern in Samawa gefunden.

DNA-Recherchen sollen nun die Identität der Toten ermitteln, damit die Überlebenden der Massaker von Halabja 1988 endlich ihre seit Jahrzehnten vermissten Angehörigen bestatten können. In der Türkei demonstrieren seit über zwanzig Jahren die Samstagsmütter, darunter viele kurdische Mütter, um Aufschluss über den Verbleib ihrer verschwundenen Söhne und Töchter aus den 1990er Jahren zu bekommen. Im nordirakischen Shengal-Gebiet werden immer wieder neue Massengräber von ermordeten Eziden (Jesiden) gefunden. Die Eziden gehören ebenfalls der kurdischen Ethnie an.

Am 3. August 2014 überfiel der IS das Shengal-Gebiet und ermordete tausende Eziden, verschleppte und versklavte tausende Frauen und Mädchen. Nach der auch in der Türkei weit verbreiteten islamistischen Interpretation des Islam, gelten die Mitglieder der ezidischen Religionsgemeinschaft als Teufelsanbeter. Im nordsyrischen, von der Türkei besetzten Afrin wurden allein im letzten Monat in zwei Wochen 300 kurdische Zivilisten verschleppt, Tausende sind "verschwunden".

Im Iran werden fast jede Woche kurdische Oppositionelle oder Schmuggler hingerichtet. In Deutschland werden Kurden, die sich für ihr Volk und ihre Kultur engagieren, zunehmend kriminalisiert. Der lange Arm aus Ankara zeigt Wirkung.

Selbst die eher konservative Kurdische Gemeinde, deren Vorstandsmitglied ein Mitglied der CDU ist, beklagt sich über die zunehmenden Repressionen gegenüber den Kurden und berichtet auf ihren Portalen vor allem über Menschenrechtsverletzungen der türkischen Regierung gegen die kurdische Bevölkerung und über das Wegtauchen der Bundesregierung.

In den USA, in Deutschland und in der Türkei wird gerade über eine Pufferzone diskutiert. Die Türkei fordert die Beteiligung türkischer Soldaten. Verhandlungen zwischen den USA und der Türkei sind bis dato gescheitert. Nun droht Erdogan mit einem Einmarsch in Nordsyrien, um einen 30 km breiten Streifen südlich seiner 900km langen türkischen Grenzmauer auf syrischem Territorium zu besetzen und mit syrischen Flüchtlingen aus der Türkei zu besiedeln.

Das werden dann vor allem arabische Syrer sein, welche die ethnische und konfessionelle Struktur dieses Gebietes komplett verändern würden. Die Kurden sollen aus diesem fruchtbaren Gebiet in die syrische Wüste bzw. zur Flucht nach Europa gedrängt werden.

Das weckt schreckliche Erinnerungen an die Zeit vor 100 Jahren als nach 1915 ein ganzes Volk, die Armenier, durch die Jungtürken in die syrische Wüste deportiert wurde. Geostrategische Gründe des Deutschen Reiches ließen diesen Völkermord an den Armeniern 1915/16 zu.

Massaker und Genozide an Minderheiten in der Türkei

Die Liste der Massaker an den Kurden im Nahen Osten ist lang. Doch auch Christen, Armenier und Griechen gedenken alljährlich ihrer Zigtausend Toten, die Massakern im Nahen Osten zum Opfer gefallen sind. In einer Spitzenposition, was Verfolgung, Vertreibung und Ermordung von Minderheiten betrifft, steht von allen Ländern der Region nach wie vor die Türkei.

Genozid an den Armeniern: Ohne das unendliche Leid der Armenier und anderer Christen nach 1915 verharmlosen zu wollen, drängen sich doch Vergleiche zwischen dem Genozid an ihnen und der Situation der Kurden in der Türkei in den letzten 80 Jahren auf. Schon vor dem großen Exodus 1915/16, dem ca. 1,5 Millionen Armenier und ca. 500.000 Aramäer (Assyrer) zum Opfer fielen, gab es auf dem Boden der heutigen Türkei Massaker an den Armeniern.

Schaut man sich historische Quellen an, lebten auf dem heutigen Gebiet der Türkei in der Ägäisregion und in großen Teilen der Schwarzmeerregion überwiegend Griechen. Im Südosten lebten überwiegend Armenier, Kurden, und Aramäer. In der gesamten Türkei verstreut siedelten sich viele von den Russen vertriebene Angehörige von muslimischen Kaukasusvölkern an. Im Süden und Südostanatolien lebten auch muslimische arabische Stämme.

Im Zuge der Balkankriege wanderten auch viele in den Jahrhunderten zuvor islamisierte Slawen aus dem Balkan ins Osmanische Reich ein. Die Turkstämme, die über die Jahrhunderte in das Gebiet der heutigen Türkei einwanderten, stammten ursprünglich aus Zentralasien. Im Osmanischen Reich fanden alle Ethnien mehr oder weniger ihren Platz, es gab verschiedene Gesetze, die versuchten, allen dort lebenden Völkern, den Griechen, Kurden, Juden, Tscherkessen, Turkmenen etc. versuchten gerecht zu werden.

Die Islamisierung führte dazu, dass kurdische Stämme damals zum Islam übertraten, aber Armenier und andere Christen, Juden und die kurdischen Aleviten konnten ihren Glauben weitgehend unbehelligt praktizieren. Das änderte sich mit der Machtübernahme der "Jungtürken".

Enver Pascha als Kriegsminister, Talaat Pascha als Innenminister und Djemal Pascha, erst als Marineminister, danach als Kommandeur der IV. Armee, die für die osmanische Provinz Syrien zuständig war, kooperierten anfänglich mit den Armeniern. Diese waren in der Regel gut gebildet, sie waren oft wohlhabende Handwerker und Händler, ganz im Gegensatz zu den türkischen Bauern und den teilweise nomadischen kurdischen Stammesangehörigen.

Das Bürgertum des sich auflösenden Osmanischen Reiches

Die Armenier und die anderen Christen bildeten quasi das Bürgertum des sich auflösenden Osmanischen Reiches, während die Türken und die noch in Stammesgesellschaften organisierten Kurden überwiegend Bauern, Nomaden und Tagelöhner waren. Anfänglich setzten die Armenier in die Jungtürken große Hoffnungen. Doch gerade während der Balkankriege und während des 1. Weltkrieges wuchs der Neid auf die reichen und westlich orientierten Armenier, auf ihre schönen Steinhäuser und deren Interieurs.

Die türkische, arabische und kurdische Landbevölkerung starrte neidisch auf Kommoden, Spiegel, Geschirr aus Keramik statt aus Blech, auf gefüllte Vorratskeller im Gegensatz zu den eigenen spärlichen Vorräten. Man machte die Armenier für die eigenen Unzulänglichkeiten verantwortlich. Die Propaganda der Jungtürken schürte den Neid immer weiter.

Die Haltung der Jungtürken wird in einem überlieferten Gespräch zwischen Enver Pascha und dem deutschen Pastor Lepsius deutlich, das Franz Werfel in seinem Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" beschreibt. Lepsius kritisiert im Gespräch mit Enver Pascha die Deportationen: "Kann man ein Volk von Bergbauern, von Handwerkern, Städtern, Kulturmenschen mit einem Federstrich in der mesopotamischen Wüste und Steppe ansiedeln, in einer ozeanweiten Einöde, die sogar von den Beduinenstämmen geflohen wird?"1

Schon vor Jahren habe er, "Lepsius, auf seinen Reisen … die Erfahrung gemacht, dass die armenische Landwirtschaft in Anatolien turmhoch über dem türkischen Bauerntum stehe … Die armenische Millet (dt. Gemeinde, Anm. d. Verf.) … mache seit Jahrzehnten die Riesenanstrengung, das Reich aus altertümlicher Naturalwirtschaft herauszuführen in eine neue Welt zeitgemäßer Bodenkultur und beginnender Industrialisierung … Wer ersetzt die vielen armenischen Ärzte, die an den besten Universitäten Europas studiert haben und die osmanischen Kranken mit gleicher Sorgfalt pflegen…Wer ersetzt die vielen Ingenieure, Anwälte, …?"2

Die Antwort von Enver Pascha ist deutlich: "Das Reich wartet. Wir müssen es nur ergreifen. Unter den Armeniern gibt es gewiss eine beängstigende Menge von Intelligenz … Wir Türken besitzen von dergleichen Intelligenz wenig. Dafür aber sind wir die alte heroische Rasse, die zur Errichtung und Beherrschung des großen Reiches berufen ist. Über Hindernisse werden wir deshalb hinwegsteigen … Zwischen dem Menschen und dem Pestbazillus … gibt es keinen Frieden."3

Im anschließenden Gespräch zwischen Enver Pascha und Talaat Bey erteilt Talaat Bey den unmissverständlichen Befehl: "Das Ziel der Deportation ist das Nichts … Im Herbst werde ich…mit der größten Aufrichtigkeit sagen können: La question arménienne n’existe pas."4 Der türkische Historiker Taner Akçam veröffentlichte kürzlich eine neue Studie über die systematische Vernichtung der Armenier.

Akribisch wurden alle Siedlungsgebiete der Armenier systematisch von türkischen Soldaten "gesäubert". Kilometerlange Todesmärsche zogen durch das Land Richtung Syrien. Leichen säumten die Ränder der Straßen. Die Propaganda der Jungtürken und der ausgefeilte Plan der Führungsriege, sich der armenischen Bevölkerung zu entledigen, fand bei der ländlichen Bevölkerung großen Zuspruch. So kam es dann auch, dass manch eine heutige reiche türkische Familie ihren Reichtum der Vertreibung und Deportation der Armenier zu verdanken hat.

Denn die stattlichen Häuser und Ländereien fielen per Dekret an den türkischen Staat und daraus bedienten sich viele - auch muslimische Kurden. So mancher kurdischer Aga (Großgrundbesitzer) kann demnach ebenso seinen Reichtum in Anatolien auf die Deportation der Armenier und Christen zurückführen. Dabei seien vor allem die kurdischen Hamidiye-Milizen genannt, die von Enver Pascha direkt für die Deportation der Armenier und Christen eingesetzt wurden.

Von der UN zur Untersuchung aufgefordert: Nichts passiert

Lange schwiegen die kurdischen Parteien und Organisationen dazu, erst in den 1990er Jahren haben sich führende Vertreter der Kurden dafür offiziell bei den Armeniern entschuldigt Eine türkische Entschuldigung blieb bis heute aus.

Noch immer wird der Völkermord in der Türkei offiziell geleugnet. Zuletzt wurde die türkische Regierung am 25. März 2019 in einem gemeinsamen Schreiben der Vereinten Nationen aufgefordert, die Vernichtung der Armenier in den Jahren 1915 bis 1923 zu untersuchen. Die Wahrheit solle herausgefunden und es solle Wiedergutmachung geleistet werden. Innerhalb von 60 Tagen sollte die Türkei die Aufforderung beantworten. Passiert ist bis heute - nichts.

Ein Blick in den Roman von Franz Werfel: "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von 1933 sei nochmals empfohlen. Die Familiensaga berichtet über eine armenische Bourgeoise-Familie, der Mann Armenier, die Frau Französin, die sich auf dem Berg Musa Dagh mit 5.000 Armeniern gegen die Deportation durch die Türken verschanzt hatten. Der Musa Dagh liegt in der Nähe des 2018 von der Türkei annektierten kurdischen Kanton Afrin und gehörte damals zum Osmanischen Reich, kurz danach zu Syrien.

Im Gebiet lebten überwiegend Armenier und Assyer. Heute gehört das Gebiet zur türkischen Provinz Hatay, in der noch ein einziges armenisches Dorf mit den Nachfahren der von den Franzosen geretteten Armeniern vom Musa Dagh existiert. Der Roman, er stützt sich auf Berichte von Lepsius und von Überlebenden, beschreibt die damalige geschichtliche Erstmaligkeit einer so straff staatlich organisierten Deportation und Vernichtung.

Diese Erstmaligkeit mag einer der Gründe gewesen sein, warum es keinen organisierten Widerstand der Armenier gegeben hat. Man konnte es sich schlicht nicht vorstellen. Die weitgehend widerspruchslose Vernichtung der Armenier auf Befehl der Jungtürken war dann auch die Blaupause für Hitler, der die "Germanisierung des osteuropäischen Raumes" durch "Bevölkerungsverschiebungen" vorschlug. "Wer spricht heute noch von der Vernichtung der Armenier?", fragte Adolf Hitler am 22. August 1939, als seine Militärs Skrupel äußerten.

Schon am Armeniergenozid war allerdings das Deutsche Reich beteiligt. Jürgen Gottschlich zeigt dies in seinem 2015 erschienen Buch "Beihilfe zum Völkermord". 2016 bekannte sich die Bundesregierung zur deutschen Mitschuld und der Bundestag verfasste eine Resolution, in der zum ersten Mal die Massaker an den Armeniern als Völkermord bezeichnet wurden. Die Türkei protestierte aufs Schärfste.