Der "urbane Ballungsraum" der Bundeswehr

Schnöggersburg, in dem die Bundeswehr den Stadtkampf üben soll, hat nichts von einer Smart City und scheint in der Vergangenheit zu verharren

Während man sich anderen Orts bereits für den Cyberwar vorbereitet und dafür wie das Pentagon Miniatur-Modellstädte verwendet, um das Hacken und Manipulieren der Systeme sowie die Abwehr von Cyberangriffen in Smart Cities zu proben, wird in Deutschland für die Bundeswehr eine riesige Phantomstadt erbaut. Man will den physischen Stadtkampf trainieren und lässt sich das mehr als 100 Millionen Euro kosten, um auf 6 Quadratkilometern auf dem Truppenübungsplatz Altmark in der Colbitz-Letzlinger Heide eine Stadt nachzubauen, um möglichst realistisch in Zeiten der Simulation zu üben. Einige Siedlungen gibt es dort schon, aber man will eben eine richtige, kleine, moderne Stadt, in der ab 2017 geübt werden soll.

Auch einen Namen hat die Stadt erhalten, der sehr provinziell und norddeutsch klingt: Schnöggersburg - exakt: "Urbaner Ballungsraum Schnöggersburg" - besteht noch ganz nach traditionellem Urbanismus aus einer alteuropäischen Altstadt und einer Neustadt, einer Hochhaussiedlung, einem Regierungsviertel und einer Einkaufsstraße, einem Industriegebiet, einer Landebahn für Flugzeuge und - zukunftsweisend? - einer Art Slum, einer Müllhalde und einem Trümmerfeld, auch "zerstörte Infrastruktur" genannt. Auch ein Friedhof ist geplant, selbst eine Moschee, ganz am Rand, neben dem Müllplatz, ist ein Bahnhof. Was braucht man noch: eine Hochschule, eine Tankstelle, einen Radio-/TV-Sender, selbst in einem Museum soll der Stadtkampf geübt werden.

Stadtplan Schnöggersburg. Bild: Bundeswehr/Jörg Jankowsky

Und weil Städte oft an einem Fluss liegen, gibt es auch den 1,5 km lang, mitsamt einem Stadtwald, daneben ein Sportstadion. Straßen sind selbstverständlich, eine Autobahn auch, dazu gibt es noch ein Stück U-Bahn. Vor der Stadt liegen ein paar Bauernhöfe, gibt es eine Kaserne und finden sich das Wasserwerk und ein Umspannwerk. Üben sollen dort bis zu 1500 Soldaten nach einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei im Jahr 2012.

Im Pentagon sorgt man sich neben Cyberwar-Szenarien eher weniger um die Kontrolle von Kleinstädten, sondern um militärische Strategien von Megacities, deren Dimensionen in allen Hinsichten von der Infrastruktur, dem umbauten und öffentlichen Raum, den Dimensionen unter dem Boden und in die Höhe bis hin zu den unübersehbaren Menschenmengen angeblich die traditionellen Konzepte außer Kraft setzen. Gut vernetzte Städte auf dem Weg zu Smart Cities ließen sich auch ohne massiven Einsatz von Bodentruppen und schwerem Gerät durch Eingriffe in die Infrastruktur, Überwachung und andere Cybermanipulationen lahm legen, am radikalsten, wenn man den Stecker zieht, beispielsweise mit einem EMP-Angriff oder dem Ausschalten des Stromnetzes. Schwierigkeiten aber machen den Militärstrategen die riesigen Megacities und urbanen Korridore, zumal wenn sie noch wenig technisiert sind. In den USA sitzt noch das Trauma von Mogadischu fest, aber man hat auch die Schwierigkeiten erfahren, dass sich wie in Bagdad oder Kabul große Städte kaum in den Griff kriegen lassen.

Die Bundeswehr hat es offenbar für die "hochkomplexe Aufgabe 'Operation im urbanen Umfeld'" lieber überschaubar in dem urbanen "Gefechtszentrum", dessen Ballungsraum aus 500 Häusern bestehen soll. Hier soll nach den Verteidigungspolitischen Richtlinien auch international "Einsätze der Konfliktverhütung und Krisenbewältigung" geübt werden. Dazu gehören etwa Befreiung von Geiseln im Ausland, aber auch der "Heimatschutz, d.h. Verteidigungsaufgaben auf deutschem Hoheitsgebiet sowie Amtshilfe in Fällen von Naturkatastrophen und schweren Unglücksfällen, zum Schutz kritischer Infrastruktur und bei innerem Notstand". Zur Ausbildung der Bundeswehr gehört auch der "Kampf in urbanen Räumen".

Die Linken befürchteten schon 2012, dass die Phantomstadt dazu dienen könne, die Bundeswehr auf einen Einsatz im Inneren vorzubereiten (Bundeswehr will Häuserkampf auch für Inlandseinsätze trainieren). Im Telepolis-Gespräch hat Rolf Gössner, Anwalt, Publizist und Vizepräsident der Internationalen Liga für Menschenrechte, noch einmal vor dieser Möglichkeit gewarnt (Das politische System Russlands). Für ihn findet eine "schleichende Militarisierung der Inneren Sicherheit" statt. In Schnöggersburg würden, so vermutet er, "Bundeswehr-, EU- sowie NATO-Kampfverbände gemeinsam den 'asymmetrischen' Krieg und Häuserkampf in Großstädten proben - für bewaffnete Konflikte der Zukunft, für Auslandseinsätze, aber auch für künftige Bürgerkriegs- und Militäreinsätze in europäischen Städten und im Innern des Landes".

Aus den Berichten lässt sich nicht ersehen, wie komplex die Infrastruktur ist. Ein Kraftwerk scheint zu fehlen, wie es mit dezentraler Energieversorgung aussieht, weiß man auch nicht. Ein Rechenzentrum, mittlerweile digitales Herz der Stadt, scheint zu fehlen, überhaupt scheint die Smart City der Zukunft weit entfernt zu sein in der "modernsten Übungseinrichtung Europas", es ist nur leeres Gelände mit umbauten Raum, ein Potemkinsches Dorf, dem das Wichtigste im Stadtkrieg fehlt - die Menschenmassen, die für Kollateralschaden sorgen.

Aber vielleicht hat nur niemand danach gefragt. Auch der aktuelle Bericht der tagesschau bleibt vage. Es heißt lediglich, dass Rheinmetall für ein technisches Upgrade der Simulationstechnik sorgt. Das dürfte sich aber darauf beschränken, die übenden Soldaten mit GPS zu verfolgen und Treffer mit Laser zu markieren, anstatt zu üben, wie die Computer-, Strom- und Kommunikationsnetze übernommen oder verteidigt werden können. Aber dazu bräuchte man kein gebaute Spielstadt.

Aber einen interessanten Aspekt gibt es doch. In der Antwort auf die Anfrage der Linkspartei antwortete die Bundesregierung 2012 noch, dass eine Übung mit der Polizei nicht vorgesehen sei. Jetzt zitiert tagesschau.de den Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses des Bundestages, den SPD-Politiker Wolfgang Hellmich, dass die modernisierte Simulationstechnik nicht nur zur Übung von Soldaten dienen soll: "Dies bieten wir auch unseren Bündnispartnern in der NATO und der EU, sowie der Polizei an." Das lässt natürlich wieder die Alarmglocken schrillen, dass auch Einsätze der Bundeswehr und der Polizei in den Städten in Deutschland geübt werden könnten.

Von Florian Rötzer gerade zum Thema Stadt erschienen: Smart Cities im Cyberwar.

Je "smarter" ein Land oder eine Stadt, je digitaler die Infrastruktur, je größer das Internet der Dinge, je mehr Daten und Prozesse in die Cloud, also in Rechenzentren, ausgelagert werden, desto anfälliger werden sie auch für Cyberangriffe und Cyberwar.

(Florian Rötzer)