Der vergessene Krieg

Desaster Afghanistan

Eine Erfolgsmeldung, die sich als fragwürdig herausstellt; schlecht ausgerüstete Sicherheitskräfte, welche unter härtesten Bedingungen ihren Dienst verrichten, deren Mitglieder zuhauf desertieren; ein Feind, der äußerst brutal vorgeht, eine Bevölkerung, deren durchschnittliche Lebenserwartung bei 44,5 Jahren liegt und zu den ärmsten der Welt gehört, ein Land, in dem das Gangstergewerbe blüht und gedeiht. Der Irak? Nein, Afghanistan.

Die Vorbereitungen laufen bereits: Im September soll in Afghanistan ein neues Parlament gewählt werden. Soweit die Erfolgsgeschichte zu Afghanistan, über dessen Desaster im Schatten des irakischen Desasters kaum mehr berichtet wird, vielleicht weil die afghanische Misere trotz der anstehenden "historischen Wahlen" so trostlos ist.

Afghanistan sei jetzt das ärmste Land in Asien, war am Montag letzter Woche zu lesen. Nach den Palästinensern würden Afghanen weltweit die größte "Flüchtlingsgruppe" stellen. Chronischer Hunger, schlechteste hygienische Bedingungen, mangelnde Gesundheitsversorgung (ein Arzt für 6 000 Menschen), der Schulbesuch als Luxus für die meisten Kinder, Landminen (zwischen geschätzten 5 bis 7 Millionen), die etwa 100 Menschen monatlich töten, Erdbeben, Dürre und Überschwemmungen: kaum ein Übel, das dem Land erspart bleibt.

Dazu kommt, dass die dringend benötigte Unterstützung und Hilfe von außen nur unter größten Schwierigkeiten erfolgen kann. Afghanistan zählt zu den riskantesten Ländern für die Hilfsorganisationen, deren Mitglieder oft genug im Visier der Militanten stehen, für die all diejenigen Feinde sind, die unter "ausländischem Einfluss" rubriziert werden können werden.

Seit drei Monaten haben sich die Kämpfe zwischen US-Truppen, die von kleineren afghanischen Einheiten ergänzt werden und ihren militanten Gegnern wieder intensiviert. Mehr als 300 "Rebellen" und 29 US-Soldaten seien seit März bei diesen Kämpfen ums Leben gekommen. Statt abzuflauen, würden sich die Auseinandersetzungen in den nächsten Wochen wahrscheinlich verschlimmern, befürchten afghanische und amerikanische Regierungsvertreter. Die meisten Konflikte finden im Süden des Landes statt, nahe der pakistanischen Grenze. Bei einem mehrtägigem Gefecht in der bergigen Region zwischen den Provinzen Kandahar und Zabul sollen diese Woche über hundert "Aufständische" ums Leben gekommen sein, das Besondere an diesem Kampf: mindestens zwei Taliban-Top-Kommandeure mit den wohlklingenden Namen Mullah Dadullah und Mullah Brader sollen sich unter den umzingelten "Rebellen" befinden.

Eine jener Erfolgsmeldungen also, welche die Regierungen in Kabul und Washington derzeit gut gebrauchen könnten, doch die die Taliban natürlich dementieren, der afghanische Kommandeur ist sich nicht sicher: "Vielleicht sind sie noch da oder sie konnten entkommen oder sie sind getötet worden" und manche zweifeln sogar daran, ob es wirklich die Taliban (oder al-Qaida) sind, die sich den Amerikanern entgegenstellen. Nicht nur die irakische, auch die afghanische Gleichung bleibt also schwierig. (Thomas Pany)

Anzeige