Der vergessene Krisenherd

Auch im pakistanisch-iranischen Grenzgebiet brodelt es

In der letzten Zeit gerieten der Iran und Pakistan in den Blickfeld der Medien, wobei zahlreiche Themen über diese Länder abgehandelt wurden. Aber in der Region Belutschistan finden Konflikte statt, die sofern überhaupt von den Medien beachtet, lediglich als regionale Ausschreitungen dargestellt werden. Doch in Wirklichkeit kreuzen sich in der Wüste Belutschistans die Interessen der Welt- und Regionalmächte.

Die Belutschen sind in Stämme gegliedert; ihr heutiges Siedlungsgebiet ist zwischen Iran, Afghanistan und Pakistan aufgeteilt. Im Südosten des Iran leben 1.4 Millionen, in der westpakistanischen Provinz Belutschistan rund 7.5 Millionen Menschen. Bei den Belutschen in Afghanistan handelt es sich um eine sehr kleine und politisch schwache Minderheit.

In allen drei Staaten ringen die belutschischen Stammesoberhäupter um möglichst wenig Einmischung in ihre Herrschaftsansprüche. Im pakistanischen Teil führten aufständische Belutschen schon seit 1947 mehrfach Kriege gegen die Zentralregierung, wobei in der letzten großen Auseinandersetzung von 1973 bis 77 rund 8000 Menschen starben.

Unterfüttert werden die traditionellen Herrschaftsansprüche durch wirtschaftliche Interessen. Denn in der pakistanischen Provinz Belutschistan lagern verhältnismäßig viele Bodenschätze – unter anderem Kupfer, Eisen, Zink, Gold und Uran. Darüber hinaus kommen 36 % der nationalen Erdgasproduktion Pakistans aus dieser Provinz.

Trotz der Ressourcen hat Belutschistan von allen pakistanischen Landesteilen das niedrigste Pro-Kopf-Einkommen und den geringsten Gasverbrauch. Lediglich vier der 26 Distrikte dieser Provinz verfügen über eine Gasversorgung. Belutschische Separatisten führen dies gerne auf eine angebliche Dominanz der Punjabi- und der Muhadschir-Volksgruppen in Politik und Wirtschaft zurück, welche dazu führe, dass die Profite aus dem Abbau der Bodenschätze in den Norden des Landes flössen. 2003 brachen erneut heftige Kämpfe zwischen der belutschischen Separatistenorganisation "Balutchistan Liberation Army" BLA (die von vielen belutschischen Stammesführern unterstützt wird) und der pakistanische Armee aus. Die Auslöser waren diesmal nicht nur die Mineralkonzessionen und die Verteilung der Gewinne aus dem Gasgeschäft, sondern ein Großprojekt an der belutschischen Südküste zum arabischen Meer.

Mit dem 2002 begonnen Bau eines Tiefsee- und Containerhafens, in der auf einer Halbinsel gelegenen Hafenstadt Gwadar, leiteten die chinesische und pakistanische Regierung ein monumentales Gemeinschaftsprojekt ein, das noch bis 2010 laufen soll und dessen Kosten bald die Marke von einer Milliarde Dollar überschreiten wird. Im März 2007 wurde ein Teil dieses Tiefseehafens eröffnet, von dem aus in naher Zukunft das aus dem Nahen Osten kommende Öl eingeschifft und mit Hilfe geplanter Straßenverbindungen von Gwadar aus über den Karakorum Highway in die energiehungrige Volksrepublik transportiert werden soll.

Als ein Tor zum Nahen Osten verkürzt Gwadar nicht nur den Seeweg des Öls zu den chinesischen Hafenstädten am Gelben Meer, sondern erleichtert auch den Warentransfer mit den immer wichtiger werdenden Märkten Ostafrikas. Gwadar hat einen enormen geostrategischen Wert für Beijing, da China in den letzten zehn Jahren viele Investitionen im den Nahen Osten tätigte und inzwischen einen Großteil seiner Energie von dort bezieht. Daher beabsichtigen die Chinesen auch die Errichtung eines Marinestützpunktes in Gwadar, der ihre vorwiegend energiepolitischen Interessen in der instabilen Region auch auf militärischer Ebene in Zukunft sichern helfen soll.

Die Tatsache, dass die chinesische Volksbefreiungsarmee in Kürze nur 70 km vor der iranischen Grenze in der Nähe zur Straße von Hormus stationiert sein wird, ist für die Konkurrenten USA und Indien sicherlich gewöhnungsbedürftig. Für die pakistanische Regierung dagegen kommt die Präsenz der neuen „chinesische Freunde“1 gelegen, denn der neue Hafen verspricht ein gigantisches Geschäft zu werden.

Pakistan möchte aus der Hafenstadt am Golf vom Oman eine neue Handelsmetropole a la Singapur oder Dubai entwickeln. Aus diesem Grund wurden zahlreiche Bauprojekte an finanzstarke Investoren im In- und Ausland vergeben. Doch belutschische Unternehmer fühlten sich bei der Vergabe von Bauprojekten benachteiligt, was wiederum die in enger Beziehung zu ihnen stehenden Stammesoberhäupter auf die Barrikaden trieb. Als der pakistanische Staatspräsident Pervez Musharraf 2003 mehrere Garnisonen in der chronisch instabilen Provinz errichtete, darunter auch eine in Gwadar, um die gewaltigen Investitionen zu sichern, eskalierte die seit dem Jahr 2000 angespannte Lage erneut.

Es kam zu zahlreichen militärischen Auseinandersetzungen mit der pakistanischen Armee in deren Folge bis jetzt, hunderte von Menschen starben. Darüber hinaus wurden Bombenanschläge gegen die pakistanische Armee verübt, bei denen auch Zivilisten zum Opfer fielen. Auch Gwadar selbst geriet ins Fadenkreuz der Ausschreitungen. Die Hafenstadt war Ziel zahlreicher Raketenangriffe. 2004 wurden drei, 2006 weitere drei chinesische Ingeneure entführt und von belutschischen Extremisten ermordet. Vor zwei Monaten erlitten die belutschischen Rebellen jedoch einen Rückschlag, als (einem BBC-Bericht zufolge am 21.11.2007) der BLA-Anführer Balach Marri in Afghanistan getötet wurde.

Anders als das pakistanische Belutschistan, verfügt die iranische Provinz Sistan- Belutschistan über keine wertvollen Bodenschätze. Sie gilt als die ärmste Provinz des Iran. Vor kurzem ließ der für Sistan-Belutschistan zuständige Stellvertreter für das Sozial- und Gesundheitswesen verlauten, dass 76% der Einwohner dieser Provinz unterhalb der Armutsgrenze lebten. Neben dem Belutschistankonflikt in Pakistan besteht auch zwischen den sunnitischen Belutschen des Iran und den schiitischen Mullahs in Teheran eine Divergenz, wobei die politischen Köpfe der iranischen Belutschen, anders als ihre Verwandten in Pakistan, nicht nach einer Abspaltung streben, sondern für einen föderaleren Staat kämpfen, der ihrer Provinz mehr Autonomie gewährt.

Allerdings kam das Konfliktpotenzial auch in den Blickwinkel einer Supermacht. The New Yorker berichtete am 17.4.2006 davon, dass unter dem ehemaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld im Zuge eines geheimen Kleinkrieges gegen Teheran militärische Sonderkommandos den Kontakt mit Vertretern der wichtigsten iranischen Minderheiten (Aserbaidschanern, Kurden und Belutschen) aufnahmen und diese finanziell zur „Unterminierung“ Teherans unterstützten. Auffällig ist hierbei, dass in den letzten beiden Jahren der Widerstand ausgerechnet in der vollkommen veramten Provinz Sistan-Belutschistan massiv zunahm. So kam es zu zahlreichen und schweren Attentaten gegen die erst kürzlich von den Vereinigten Staaten als Terrororganisation verurteilten iranischen Revolutionsgarden (Pasdaran), wobei auch zahlreiche Zivillisten starben. Zu diesen Angriffen bekannte sich die religiös motivierte belutschische Gruppe Dschundallah (Armee Gottes), die am 23.12.2007 von der farsi-sprachigen Abteilung der "Stimme Amerikas" als Terrororganisation bezeichnet wurde. Jedoch wies der amerikanische Belutschistanexperte Selig S. Harrison, der eigenen Angaben zufolge über interne Quellen in Belutschistan verfügt, erst kürzlich in einem Artikel darauf hin, dass diese Organisation von der Bush-Administration zumindest indirekt Unterstützung erhielt. Diese bediente sich dabei angeblich ihrer alten Beziehungen zum pakistanischen Geheimdienst ISI, der schon zu Zeiten der Sowjetinvasion in Afghanistan religiöse Extremisten mit Geld und Waffen unterstützte.

Auch die Mullahs haben auf die Ereignisse reagiert. So kündigte der oberste geistliche Führer im Iran Ayatollah Ali Khamenei 2006 an, dass „diese Verschwörungen niedergeschlagen werden“. Noch im selben Jahr war ein neuer harter Kurs Teherans zu spüren. Die iranischen Geheimdienste fingen damit an, in Belutschistan und in anderen Provinzen Hunderte von Verdächtigen festzunehmen. Kurze Zeit später wurden einige der Inhaftierten als angebliche „US-Kollaborateure“ hingerichtet. Doch seit dem Geheimdienstbericht vom 3.12.2007 scheint eine Politik des Dialoges mit dem Iran, als denen Vertreterin die US-Außenministerin Condoleeza Rice gilt, den aggressiven Kurs des Vizepräsidenten Richard Cheney zunehmend zu verdrängen – trotz des Vorfalls an der Straße von Hormus vom 7.1.2008, der das Verhältnis zwischen den beiden Staaten erneut belastete. Auch deshalb stellt sich jetzt die Frage, ob die nationalistischen Gruppierungen innerhalb der iranischen Minderheiten nach dem CIA-Bericht weiterhin Unterstützung von Seiten des Weißen Hauses erhalten - und ob diese Politik nach der Bush-Ära fortgesetzt wird.

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