Der virtuelle Diebstahl des Präsidentensessels

Ein Video über den Raub des Sessels des Ministerpräsidenten aus dem Parlament in Madrid sorgt für großen Wirbel in Spanien

Vier vermummte Gestalten schleichen durch die Gänge des spanischen Parlaments, rauben den Sessel von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero (ZP) und hinterlassen eine Nachricht. Als ein Video dazu im Blog Levántate ZP von den 4 Gatos veröffentlicht wurde, überschlugen sich Kommentare im Internet. Das führte dazu, dass sich Zehntausende das Video ansahen und in allen Medien über den "Raub" berichtet wurde. Ein Lehrstück, gegen das nun die Justiz ermittelt.

"Wir schreiben aus unserem neuen Sessel, der sich wirklich abgefahren im Zimmer macht. Habt ihr das Video gesehen, wir haben den Sessel und flippen noch immer darüber aus. Aber wir sind weder Diebe, noch Fetischisten, noch haben wir Bock auf Popularität, egal was die Sicherheitstypen des Parlaments erzählen." So beginnt das Bekennerschreiben über den "Raub" von Zapateros Parlamentssessel. Das Video, das ursprünglich auf YouTube gestellt wurde und dort jetzt nur registrierten Nutzer zugänglich ist, zeigt die Aktion. Die Bilder, auf denen vier vermummte Gestalten durch lange Parlamentsgänge schleichen, sind echt.

Sie hinterlassen an einem Parlamentsplatz die Nachricht: „Zapatero, am 16. Oktober gegen die Armut aufstehen". Dann nehmen sie einen Sessel, der später aus einem Fenster nach draußen gereicht, in ein Auto verfrachtet und entführt wird. Im Bekennerblog heißt es erklärend:

Wir haben es gemacht, damit der Präsident des spanischen Staates gegen die Armut aufsteht und ihm die übrigen Politiker folgen.

Langsam fand, über die begeisterten Kommentare in beliebten Blogs wie Escolar.net oder Píxel y Díxel die Nachricht den Weg in traditionelle Medien. Da die den Braten schluckten und groß über den "Raub" berichteten, sah sich das Parlament zur Reaktion gezwungen. In einer Erklärung heißt es, es handele sich um eine Fälschung, aber es musste zugegeben werden, dass einige Sequenzen tatsächlich im Parlament gedreht wurden.

Durch eine Überprüfung der Aufnahmen der Überwachungskameras stellte sich heraus, dass die Bilder im Inneren des Parlaments am letzten Donnerstagnachmittag gemacht worden waren. Den Parlamentsangestellten, der sich mit der Aktion solidarisiert und die vier „gatos“ heimlich in das Parlament schleuste, habe man ebenso wie die Aktivisten, die eigentlich Schauspieler sind, identifizieren können. Echte Bilder wurden also geschickt mit falschen gemischt. Es handelte sich weder um den Sessel von Zapatero, noch stiegen die „Gatos“ über ein Fenster ins Parlament ein oder schafften den Sessel nach draußen. Nach Sensation heischend prüften die Medien zunächst die Echtheit der Bilder nur dürftig, während in Blogs schnell berichtet wurden, dass das gezeigte Fenster ein anderes Gebäude ziert. Durch Informationen aus dem Parlament wurden such schnell weitere Unstimmigkeiten deutlich, z.B. dass kein Stuhl fehlte und auch niemand hätte auf diese Weise einbrechen können.

Hinter der Aktion stand tatsächlich die Werbeagentur Tiempo BBDO, welche sie im Rahmen einer Kampagne der UN und im Auftrag der NGO Levantate gegen den Hunger durchgeführt hat. "Es ist eine Werbung, die etwas an die Grenzen gezogen wurde, aber man musste etwas riskieren", begründete der Kreativdirektor Siscu Molina der Agentur in Barcelona den gelungenen Einsatz, um eine "große Zahl an Menschen zu erreichen". Es geht um Werbung für die UN-Millenniumskampagne, sie wirbt für eine Beteiligung an den Aktivitäten zum "Internationalen Tag der Armutsbekämpfung" am 15. und 16. Oktober, wonach es "keine Ausreden mehr" gäbe, den Hunger von Millionen auf dieser Welt nicht zu bekämpfen. Die Regierungen von 189 Staaten hatten sich 2000 auf dem Millenniumsgipfel der UN darauf verpflichtet, bis 2015 die Armut entscheidend zu verringern. In der Praxis sieht das sechs Jahre später dürftig aus. (Acht gute Vorsätze und die ernüchternde Realität). Auch das Versprechen Zapateros, die Entwicklungshilfe auf 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben, steht weiter aus. Ein Ziel, das von der UN seit fast vier Jahrzehnten formuliert wird.

Traurig ist, dass über das Lehrstück zum Umgang von Medien mit Wahrheit, Fälschung und Sensationslust nun die Generalstaatsanwaltschaft wegen schwerwiegender strafbarer Handlungen ermittelt. Der Parlamentshelfer sieht sich für die Unterstützung eines ehrenvollen Anliegens disziplinarischen Sanktionen gegenüber. Molina fragt sich in einem Interview, ob man denn nun auch für eine Montage, noch dazu für einen guten Zweck, eine Genehmigung einholen müsse. Die Verantwortlichen für die Kampagne haben darum gebeten, von Strafen abzusehen, da es doch primär um den Zweck gegangen sei, auf die vielen Millionen Menschen aufmerksam zu machen, die jährlich verhungern müssen. Die Vereinten Nationen selbst weisen jede Beteiligung an der Aktion „kategorisch“ zurück. Nach dem UN-Mitarbeiter Carlos Jiménez habe man zwar die Millenniumskampagne gestartet, aber man sei nicht für „die Aktivitäten einer NGO verantwortlich, die sich diesen Namen zu eigen gemacht hat“. (Ralf Streck)