Des Pudels Korn

Für deutsche Bauern gibt es von Züchtern keine Garantie mehr auf gentech-freies Maissaatgut

Eigentlich ist deutsches Maissaatgut frei von gentechnischen Bestandteilen, was Stichproben immer wieder zeigen. Doch eine Garantie gibt es von den Pflanzenzüchtern nicht mehr. Die gleichen Züchterfirmen bieten aber im Nachbarland Österreich sehr wohl verbürgt gentech-freies Saatgut an. Das ärgert die deutschen Bauern. Sie befürchten hierzulande zudem Haftungsprobleme. Der deutsche Pflanzenzüchterverband wiederum gibt der Politik die Schuld an der Misere. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft hingegen spricht von einer Verunreinigungsstrategie der Gentechnik-Konzerne. Ein Blick in die USA zeigt, dass sie damit vielleicht gar nicht so unrecht haben könnten. Schließlich trug in den Vereinigten Staaten die systematische Verknappung reinen Saatguts wesentlich zur Durchsetzung von Gentech-Sorten bei.

"Bauern, kauft in Österreich!" betitelte die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) kürzlich eine Pressemitteilung, um auf die Problematik aufmerksam zu machen. Mute Schimpf vom Netzwerk gentechnikfreie Landwirtschaft schildert Telepolis ein Fallbeispiel:

Aufgrund persönlicher Kontakte lieferte die Firma RAGT - ein französisches Unternehmen mit einer Vertriebsorganisation für Österreich und Deutschland - Maissaatgut vermutlich aus ihren österreichischen Beständen an Abnehmer in Brandenburg, mit der Zusage, ein entsprechendes Zertifikat über Gentechnikfreiheit auszustellen. Als andere Bauern dann ebenfalls nach Lieferungen mit dem Zertifikat fragten, war der Geschäftsführer alles andere als begeistert und bedauerte schon fast die Lieferung nach Brandenburg. Empört sprach er sich nach der Weigerun, entsprechendes Saatgut zu liefern, gegen den Vorschlag der süddeutschen Bauern aus, künftig direkt in Österreich einzukaufen.

Tatsächlich zeigt ein Vergleich der österreichischen Homepage (www.ragt.at) und der Seite für Deutschland (www.ragt.de) Ungereimtheiten auf. So werden in Österreich gleich mehrere Sorten sogar als auch in Bio-Qualität erhältlich angepriesen, während es in Deutschland bei den selben Sorten keinen Hinweis auf eine derartige Verfügbarkeit oder überhaupt auf gentech-freies Saatgut gibt.

RAGT ist beileibe kein Einzelfall. Die AbL vermutet nun "kartell-rechtlich problematische Absprachen" zwischen den deutschen Pflanzenzüchtern. Und, wie auch der Bundesverband deutscher Pflanzenzüchter gegenüber Telepolis bestätigt, wollen die Züchter keine hundertprozentige Garantie mehr auf Gentechnik-Freiheit abgeben. Wörtlich heißt es in der Stellungnahme:

Kein Züchter und kein Landwirt kann für die Freiheit von unerwünschten Fremdeinträgen garantieren. Aus diesem Grund existieren sowohl für die landwirtschaftliche Produktion, als auch für die Produktion von Saatgut geeignete Schwellenwerte.

Allerdings räumt der Züchterverband auch ein, dass Vermischung bei vermehrungsfähigem gentechnisch verändertem Saatgut in Deutschland "derzeit kein Problem darstellt", da erst geringe Mengen von GV-Mais angebaut werden. "Eine solche Vermischung könnte generell nur beim Züchtungsunternehmen selbst erfolgen und würde durch die internen Qualitätssicherungssysteme frühzeitig entdeckt werden", so der Verband. Auch bei der Einkreuzung geben die Pflanzenzüchter Entwarnung:

Polleneinträge sind nicht zu 100 % auszuschließen. Durch Qualitätssicherungsmaßnahmen bei der Saatgutproduktion und -vermehrung sollen diese jedoch vermieden werden. Eine Einkreuzung von GVO in konventionelles Saatgut ist bislang aufgrund der geringen Anbaudichte von GVO-Pflanzen in Deutschland zu vernachlässigen.

Ein Problem sieht der Verband am ehesten - und zwar unabhängig von Kulturart - bei Vermischungen mit nicht vermehrungsfähigen GVO-Spuren, also Staub, Reste aus Futtermitteltransporten, etc... "Diese nicht vermehrungsfähigen Spuren stellen keine Qualitätsminderung des Saatgutes, auch eine Gefahr der unkontrollierten Ausbreitung in die Umwelt besteht nicht", so der Verband gegenüber Telepolis.

Eigentlich sollte es demnach kein Problem sein, garantiert gentech-freies Saatgut zur Verfügung zu stellen. Doch an diesem Punkt wird das Ganze zu einem Politikum. So betont der Züchterverband gegenüber Telepolis:

Zertifiziertes Saatgut wird heute standardmäßig mit einer Reinheit von 98-99% angeboten. Leider ist der Gesetzgeber bislang seiner Regelungspflicht hinsichtlich Schwellenwerte für GVO-Anteile in Saatgut klassisch gezüchteter Sorten trotz nachhaltiger Forderung der gesamten Agrarwirtschaft nicht nachgekommen.

Zähes Ringen um Schwellenwerte

Fakt ist, dass es in Deutschland aber auch auf EU-Ebene hinter den Kulissen ein Tauziehen zwischen verschiedenen Interessensgruppen um die Festlegung von Grenzwerten für die Kennzeichnungspflicht herrscht. So plädieren Gentech-Kritiker für einen EU-weit bindenden Schwellenwert von maximal 0,1 Prozent, andere Gruppen wiederum für 0,3 Prozent und wiederum andere überhaupt für eine Kennzeichnungspflicht, die erst ab 0,8 Prozent GV-Einmischung greifen würde. De facto gilt heute in Deutschland Nulltoleranz. Das heißt, dass Saatgut ohne Ausweisung als GV-Saatgut tatsächlich gentechnikfrei zu sein hat. Wie verschiedene Stichproben zeigen, ist es das auch der Fall mit Ausnahme eines Ausreißers in Hessen, wie Benedikt Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft gegenüber Telepolis betont. Garantiert wird das aber nicht mehr, was für Bauern Probleme aufwirft.

Es besteht also derzeit die absurde Situation, dass eine Garantie der Einhaltung der rechtlichen Bestimmungen der EU in dem vom Bundeskartellamt - gegen den damaligen Protest des Bauernverbandes - genehmigten AVLB (Allgemeine Verkaufs- und Lieferbedingungen für Saatgut) expressis verbis ausgeschlossen wurde. Dennoch halten sich die Saatgut-Unternehmen grundsätzlich an diese gesetzlichen Bestimmungen. Allerdings entsteht durch die Formulierung eine zivilrechtliche Haftungslücke, die möglicherweise private Schadensersatzklagen von betroffenen Landwirten erschwert, falls ihnen gentechnisch verunreinigtes Saatgut verkauft wurde.

Benedikt Haerlin

In Hessen flog erst kürzlich der bislang ziemlich einmalige Fall auf, dass statt einer herkömmlichen Maissorte des Pflanzenzucht-Konzerns Pioneer Mais verkauft wurde, der mit "beachtlichen Mengen" des insektenresistenten GV-Mais Mon810 belastet war. Wie die AbL berichtet, nahm das hessische Landwirtschaftsministerium darauf hin aber die Bauern in Pflicht, welche die Vorgaben des Gentechnikgesetzes einzuhalten hätten, obwohl ihnen der verunreinigte Mais "illegal untergejubelt" wurde.

"Nicht die betroffenen Bauern sind hier in der Pflicht, die Fehler Gentech-Industrie zu bezahlen sondern Pioneer lieferte ein fehlerhaftes Produkt und hat somit für die Folgen aufzukommen", fordert AbL-Bundesgeschäftführer Georg Janßen. Der Fall zeigt jedenfalls drastisch, wie sehr Landwirte auf eine klare Deklaration von Saatgut angewiesen sind.

Bauern in Bedrängnis

Auch beim Verkauf der Ernte kommt es zu einer rechtlich schwierigen Situation für Bauern:

Brisanz bekommt das Ganze noch dadurch, dass viele Bauern verpflichtet sind, gentechnikfreies Saatgut anzubauen, dafür aber keine Bestätigung bekommen. Wenn sie ihre Ernte aber an die gleichen Landhändler (Zwischenhändler zwischen Züchtern und Bauern) verkaufen, sollen sie unterschreiben, dass ihre Ware gentechnikfrei ist, zumindest bei Raps.

Mute Schimpf

Insgesamt würde die Nachfrage Tausender deutscher Bauern ausgehebelt, die für Markenprogramme garantiert gentechnikfrei produzieren müssen, und ebenso für die 15.000 Bauern, die sich in den mittlerweile 67 gentechnikfreien Regionen freiwillig für den Verzicht auf Gentechnik ausgesprochen haben, kritisiert die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft.

Interessanter Weise schränkt die gängige Praxis der Züchter auch Entwicklungsmöglichkeiten der eigenen Branche in gewisser Weise ein. Zumindest in den Bereichen biologisch-dynamischer und konventioneller Pflanzenzüchtung.

Gravierender als für die Landwirte wirkt sich die organisierte und generelle Verweigerung einer Garantie der Saatgutreinheit für Züchter aus, die für das in kleinsten Mengen ausgetauschte Zuchtmaterial ebenfalls keine entsprechenden Garantien erhalten und bei denen sich auch kleinste Verunreinigungen am Anfang einer Zuchtlinie theoretisch verheerend auswirken könnten.

Benedikt Haerlin

Möglich, dass sich die Züchter mit den ABLV in jeder Richtung schadlos halten wollten. Ganz nachvollziehbar ist die Sache aber nicht. Schließlich könnten über kurz oder lang viele kleinere und mittlere Züchter auf der Strecke bleiben. Einen Verdrängungswettbewerb will der Pflanzenzüchterverband zwar definitiv nicht sehen, wer aber außer den großen Gentech-Konzernen kann sich die aufwändigen Entwicklungs-, Genehmigungs- und Prüfverfahren für genmanipulierte Pflanzen leisten?

"Wissenschaftler der North Carolina State University schätzen die Kosten für die Entwicklung einer transgenen Maissorte auf 1.300.000 US-Dollar, während die traditionelle Züchtung einer neuen Sorte 52.000 US-Dollar kostet", berichtet Craig Holdrege, Leiter des Nature Institute in New York.

USA: Verdrängung mit System

In der Saatgutfrage tut ein Blick über den großen Teich zwar nicht unbedingt gut, aber wohl Not. In den USA wurden binnen weniger Jahre kleinere und mittlere Züchter von Gentech-Konzernen bei bestimmten Sorten fast gänzlich aus dem Markt gedrängt. Die Durchsetzung von Gentechnik in den USA hatte wesentlich damit zu tun, dass Bauern schlichtweg kaum mehr an gentechnik-freies Saatgut für Mais, Baumwolle und Soja gelangen. Die Entwicklung wird in einem erst kürzlich erschienenen Bericht des Centers for Foodsafty in Washington "Monsanto gegen Bauern" eindrucksvoll geschildert (vgl. Haltet den Dieb?):

Indem Monsanto Saatgutfirmen aufkaufte und kontrolliert, ist es gelungen, den Wettbewerb klein zu halten und zu gewährleisten, dass seine gentechnischen Pflanzensorten diejenigen sind, die für die US-amerikanischen Bauern am leichtesten zu erhalten sind. Mit seiner beherrschenden Rolle auf dem US-amerikanischen Saatgutmarkt hat Monsanto die Bauern in die Zange genommen. Für viele Bauern überall im Land ist es schwierig, wenn nicht sogar unmöglich geworden, qualitativ hochwertige, konventionelle Mais-, Soja- und Baumwollsorten zu bekommen. Und was die Sache noch schlimmer macht, die Ausrichtung der öffentlichen Agrarforschung hat sich allmählich von der Entwicklung neuer konventioneller Saatgutsorten hin zur Gentechnik verlagert. Forschungstätigkeiten im Bereich konventioneller Nutzpflanzen sind gering und diejenigen Pflanzensorten, die neu entwickelt werden, stehen nicht mehr im öffentlichen Eigentum, sondern sind patentiert.

Man kann nur hoffen, dass es in Deutschland nicht so weit kommt. Ohne reines Saatgut gibt es selbstredend auch keine GV-freie Ernte. (Brigitte Zarzer)