Design oder Nicht-Sein

Ein Gespräch mit Luigi Colani über die europäische Lethargie, das Ende der weißen Welt und die Notwendigkeit, mit weniger auszukommen

Luigi Colani, geboren 1928, ist weltweit einer der bekanntesten und auch umstrittensten Designer. Colani hatte nicht nur Malerei und Bildhauerei, sondern anschließend auch Aerodynamik studiert. Diese ingenieur-orientierte Kompetenz ermöglichte ihm den Schritt in den Fahrzeug- und Flugzeugbau. Anfang der 90er Jahre wurde er überdies Berater der NASA. Was der "Kanten-Phobiker" auch in die Hand nimmt, ob Flugzeug, Handy, Stuhl oder Hochgechwindigskeitszug, wird aerodynamisch kurvig oder rund. Bis Ende Jahres kann man in Karlsruhe sein Gesamtwerk in Form von über 1000 Projekten, Modellen und Entwurfszeichnungen besichtigen. Anlässlich der Ausstellung sprachen Markus Ginsig und Artur Schmidt mit Ciolani über die mangelnde Innovation, die Zukunft und das Ende der weißen Welt.

Deutschland gilt gerade als der kranke Patient in Europa. Niemand scheint sich hier für wirklich neues Design und Innovationen zu interessieren. Das Land ist in einer völligen Lethargie. Wie ist diesem Land zu helfen?
Luigi Colani: Diesem Land ist nicht zu helfen. Solange man nicht auf Menschen hört, die neue Lösungen entwickelt haben, die wirklichen Wandel wollen und umsetzen können, ist dieser Wirtschaftsstandort dem Tode geweiht. Was dieses Land benötigt, sind Designterroristen wie ich, die täglich den ewig Gestrigen und den Sachverwaltern den Schweiß auf die Stirn treiben.
Stromlinienförmiges Container-Frachtschiff
Hat diese Lethargie damit zu tun, dass der Mut zu innovativen Lösungen von Wirtschaft und Politik nicht mehr gewollt wird ?
Luigi Colani: Genau so ist es! Wenn sich heute Spitzenmanager Abfindungen in Millionenhöhe bezahlen lassen, indem sie Tausende von Mitarbeitern auf die Strasse setzen, dann haben diese Leute völlig die Bodenhaftung verloren. Es braucht wirklich innovative Querdenker in Wirtschaft und Politik und keine heutigen Manager, denen der Kalk aus den Hosen rinnt. Die Lethargie führt zu Mutlosigkeit und Zerstörung durch die Entlassungsmentalität. Wenn eine Gesellschaft am Ende Ihres Lateins ist, sollte sie sich bewegen, sonst wird sie niedergerannt.
Während in unseren Breiten zementiert wird, werden im asiatischen Raum Innovationen umgesetzt. Wie lässt sich wieder ein nachhaltiges Innovationsklima schaffen ?
Luigi Colani: Solange die Maulhelden in Führungspositionen behaupten, sie wollen Fortschritt, in Wirklichkeit jedoch nicht anderes tun, als den Nachlass zu verwalten und eine riesige Blase vor sich her tragen, bleibt die Zukunft Deutschlands ein riesiger Luftballon. Diese Konformisten bauen die Autos des 2. Jahrtausends und haben noch gar nicht begriffen, dass wir bereits mitten im 3. Jahrtausend sitzen.
Querdenken, neue Wege und die Akzeptanz von Vielfalt fehlen. Statt dessen regieren Ignoranz und Arroganz. Sind wir in einer Krise der Immunsysteme?
Luigi Colani: Da Europa meine innovativen Lösungen nicht realisieren wollte, ging ich nach China. Die Menschen dort brennen darauf, etwas Neues zu machen. Aktuell realisiere ich ein Nurflügler-Projekt für die chinesische Regierung. Wir werden ja sehen, ob Airbus oder Boeing in 20 Jahren noch die größten Flugzeugbauer sein werden. Es ist alles nur eine Frage des Willens zur Veränderung, ob man ein intaktes Immunsystem hat oder nicht.
Die Zukunft der chinesischen Luftfahrt
Private Investoren kämpfen um den X-Price, also um die Privatisierung der Weltraumflüge in den USA. Wird diese Kommerzialisierung einen ähnlichen Boom auslösen wie nach dem Atlantikflug von Charles Lindbergh ?
Luigi Colani: Ich halte den Designer Burt Rutan des führenden Space-Ship-One Projekts für einen exzellenten Ausführer technologischer Projekte. Das Geld, das er investiert hat, ist allerdings wesentlich höher als der Preis, den er für die Weltraumflüge erhält.
Ihr besonderes Steckenpferd ist ja die Luftfahrt. Welche Innovationen werden wir hier in den nächsten Jahren erleben?
Luigi Colani: Als Aerodynamiker beschäftigt mich natürlich die Luftfahrt. Ich sehe ein riesiges Potential in der Wiederentdeckung des Propellers. Mit diesem lassen sich erhebliche Einsparungen beim Treibstoffverbrauch erzielen, wodurch sich die Reichweiten oder die Nutzlasten von Flugzeugen erheblich ausweiten lassen. Interessant ist hierbei die Verbindung von Nurflüglern, die ebenfalls Leistungssteigerungen von bis zu 40 % zulassen mit der Propellertechnologie. Tupolev fliegt heute mit seinen Riesenflugzeugen mit Propellern 920 km/h. Das ist 60 km/h schneller als unsere heutigen Verkehrsflugzeuge und das mit großer Wirtschaftlichkeit.
Nurflügel-Propellerflugzeug
Vom Blazer, Schuhabsatz, über die effiziente Kugelküche zum Nurflügler. Welche sind für Sie die entscheidenden Merkmale von gutem Design?
Luigi Colani: Beim Autodesign sind beispielsweise 4 Anforderungen zu erfüllen: es muss langsam, leise, lustig und leicht sein. DaimlerChrysler ist heute der größte Waffenhersteller der Welt. Deshalb haben sie kein Interesse, Geld in derartige Automobile zu investieren. Das verdienen sie mit dem Jäger-90 locker rein. In einem Smart-Gaspedal steckt heute eine ganze gehirnlose Elektronikfabrik.
Sie verkaufen heute den Entwicklungs- und Schwellenländern neueste Technologie. Die europäischen Konzerne versuchen jedoch ihr altes Know-How zu exportieren. Diese umweltfeindliche Strategie kann doch nicht aufgehen?
Luigi Colani:: Wenn Autohersteller versuchen, ihre Flops nach China zu verkaufen, so ist dies deren Sache. Die Chinesen wissen jedoch, den Wert der angebotenen Technologie einzuschätzen und haben an diesen Flopautos der Autobauer gelernt. Ich verkaufe den Chinesen allerbeste Technologien. Seit 25 Jahren baut der Prof. Colani LKWs, welche bis zu 40% weniger Treibstoff verbrauchen. Stellen sie sich vor, wenn die Chinesen einen solchen Truck in Serie bauen und diesen dann zu einem wesentlich geringeren Preis auf den Weltmarkt bringen. Dann können sie die LKW-Industrie der weißen, gemäßigten Hemisphäre einsargen lassen.
Stromlinienförmiger LKW
Man könnte den Eindruck haben, dass gewisse politische Kreise kein wirkliches Interesse haben, den Treibstoffverbrauch zu senken.
Luigi Colani: Keiner stellt sich vor, dass wie von Fachleuten errechnet, wir den Scheitelpunkt der Erdölförderung zwischen den Jahren 2008 bis 2010 erreicht haben werden! Danach wird durch Salzwasser-Injektion der Druck in den unterirdischen Ölkavernen erhöht, um die Erdölförderung zu ermöglichen . Dadurch gehen die Energiepreise steil in die Höhe. Kein Mensch hat für diese Problemzeit Vorsorge getroffen. Da bin ich alleine auf weiter Flur. Entsetzlich.
Jährlich werden Millionen Tonnen an Schadstoffen in die Luft gejagt, was jedoch ohne Schwierigkeiten verhindert werden könnte. Das Problem an der ganzen Situation ist, dass viele Politiker und die Mineralölkonzerne eine Emissionsverhinderung gar nicht wollen, weil dies zu erheblichen Einnahmeausfällen bei der Mineralölsteuer führt. Meine These ist, dass die Menschen lernen müssen wieder mit 50% weniger auszukommen. Wir werden alle nur überleben, wenn die westlichen Industrienationen lernen wieder etwas von ihrem Wohlstand abzugeben.
: In der Formel 1 geht es wie bei den alten Römern nur noch um die Unterhaltung der Massen. Während früher 4 Pferdestärken den Menschen Brot und Spiele gaben sind es heute etwa 900 PS. Bringt die Formel 1 heute irgendeinen Beitrag für wirkliche Innovationen in der Automobilindustrie?
Luigi Colani: Die Formel 1 ist längst kein Testfeld für die Automobilindustrie mehr. Die Formel 1 ist in ein 400seitiges Regelwerk gepresst, ausgearbeitet von den Dummköpfen an der Place de la Concorde in Paris, die nie in einem Cockpit gesessen haben. Sie haben jegliche Innovation im Keime erstickt. Diesem Regelwerk setzte man in früheren Zeiten einen einzigen Satz entgegen: das Auto durfte z.B. im Jahr 1934 maximal 750 kg wiegen. Das war die ganze brillante Formel, welche ein sensationelles Feuerwerk an Ideen auslöste.
Corvette-Entwurf
Die heutige Jugend schaut diesem Treiben in Wirtschaft und Gesellschaft mutlos und gelangweilt zu. Welchen Ratschlag geben Sie der heutigen Jugend ?
Luigi Colani: Es gibt nur zwei Methoden: Revolution oder Verweigern. Da die erste Lösung wegen der Schlaffheit der jungen Leute wegfällt, gilt es zu verweigern. Den Mist nicht kaufen, der angboten wird. Diese harten Worte verstehen die Produzierenden. Wenn die Käufer streiken, haben wir die 68er Revolte auf die Konsumgesellschaft übertragen. Es gilt, die großen Lügen der Konsumgesellschaft endlich zu überwinden, die Wahrheit auszusprechen und der Jugend den Mut zum Aufbruch zu geben.
Wir stehen vor einer Phase der Massenarbeitslosigkeit in den Industrieländern, der Zerstörung der Wirtschaft. Einige Wirtschafts-Kolosse, die von Idioten regiert werden, sind dem Untergang nicht mehr fern. Es braucht innovative Querdenker, wenn man verhindern will, dass diese weiße Welt sich selbst vernichtet. Ein Team von Fachleuten hat festgestellt, dass diese Beendigung der Vormachtstellung der weißen Welt erst in 200 Jahren fällig wäre. Warum nicht heute schon ?
Neue ICE-Generation
Was ist es, was Sie den Menschen mit Ihrer aktuellen Ausstellung zu Ihrem Lebenswerk mit auf den Weg geben wollen?
Luigi Colani: Wir sind das einzig übriggebliebene Widerstandsnest in dieser weißen Welt. Es kommt darauf an, zu agieren und nicht zu reagieren, und dies am besten jeden Tag aufs Neue.
QMarkus R. Ginsig/Artur P. Schmidt: Lieber Prof. Colani, wir danken für Ihre Offenheit in diesem Gespräch.

Das Gesamtwerk: Ausstellung in der Nancyhalle am Kongresszentrum in Karlsruhe. 1.Mai bis 31.Dezember 2004

(Markus R. Ginsig und Artur P. Schmidt)

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