Despotenwechsel in der Elfenbeinküste

Alassane Ouattaras FRCI nehmen mit französischer Hilfe Laurent Gbagbo gefangen

Gestern scheint Alassane Ouattara den Machtkampf um die Herrschaft in der Elfenbeinküste vorerst für sich entschieden zu haben: Seine Forces Républicaines de Côte d'Ivoire (FRCI) nahmen mit tatkräftiger Unterstützung französischer Truppen seinen Rivalen Laurent Gbagbo gefangen, der sich nach den Wahlen im Oktober und November 2010 ebenso wie Ouattara zum Sieger erklärt und zum Präsidenten ausrufen lassen hatte.

Wer die Abstimmung damals tatsächlich gewann, ist schwer zu sagen: Die Wahlkommission sah Alassane Ouattara mit 54 zu 46 Prozent der Stimmen als Sieger; der (laut Verfassung für die Prüfung der Ergebnisse zuständige) Verfassungsrat dagegen mit 51 zu 49 Prozent Laurent Gbagbo. Seltsam war dabei sowohl, dass der Verfassungsrat einfach Stimmen als ungültig wertete, als auch, dass die Wahlkommission trotz der Tatsache, dass in mehr als einem Zehntel der Wahlbüros mehr Stimmen eingingen als Wähler eingetragen waren, die offensichtlich vorliegenden Manipulationen einfach als "nicht entscheidend" wertete.

Sprachgruppen in der Elfenbeinküste. Karte: Etienne Ruedin. Lizenz: CC-BY 2.5.

Trotz des unklaren Ausgangs der Wahl erkannte der UN-Sicherheitsrat im Dezember, Quattara als Sieger an. Die EU, die USA, die Afrikanische Union und die ECOWAS hatten Gbagbo bereits vorher als Präsidenten abgelehnt. Hintergrund dieser Präferenzen dürfte nicht zuletzt sein, dass Quattara in der Vergangenheit für den Internationalen Währungsfonds (IWF) tätig war, was freilich nicht unbedingt garantiert, dass er ein weniger korruptes Regiment führt als Gbagbo. Über politische Macht verfügt der Dioula bereits seit 1990, als ihn der damalige Staatspräsident Félix Houphouët-Boigny zum Ministerpräsidenten ernannte.

Der Konflikt ist nicht nur ein Fall eines Amtsinhabers, der nicht abtreten will, sondern hat eine sehr ausgeprägte ethnische Komponente, die auch beim Vormarsch von Quattaras Truppen deutlich zutage trat (und die möglicherweise dafür sorgt, dass der Konflikt mit Gbagbos Gefangennahme noch nicht beendet ist): Ende März richtete die FRCI in der Stadt Duékoué ein Massaker an, bei dem nach UN-Angaben etwa 230 Menschen, nach Berichten einer Delegation des Internationalen Roten Kreuzes ungefähr 800 und nach einer Schätzung der Hilfsorganisation Caritas sogar mehr als 1000 Menschen ums Leben kamen.

Hintergrund war ein Konflikt zwischen zwei Volksgruppen: Den zu den Kru-Völkern zählenden We, die auch in Liberia leben, und den Mandingo (Malinke), die nicht nur in der Elfenbeinküste, sondern in vielen nördlich davon gelegenen Ländern zuhause sind. Duékoué wurde für Laurent Gbagbo von Maho Gloféis We-Miliz Front de Libération du Grand Ouest (FLGO) verteidigt. Bereits seit den Wahlen, vor denen die We für Gbagbo und die Mandingo für Ouattara geworben hatten, kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Volksgruppen.

Als Quattaras FRCI am 20. März in das Gbagbo-Gebiet vorstießen, tötete die FLGO angeblich mehrere Mandingo und andere Angehörige von Volksgruppen aus dem Norden und zündete Häuser an. Allerdings wurden ihre Taten sehr bald von dem in den Schatten gestellt, was die FRCI-Krieger unter ihrem Befehlshaber Lossani Fofana bei ihrem Einmarsch im We-Viertel Carrefour verbrochen. Selbst die UN, die offen auf Ouattaras Seite in den Krieg eingegriffen hatte, sprach davon, dass Frauen und Männer beim Einmarsch getrennt und letztere "gezielt" massenhaft hingerichtet wurden.

Von Seiten des Ouattara-Lagers hieß es kurz vor der Gefangennahme Gbagbos in der ivorischen Metropoli Abidjan, man wolle ihn "vielleicht" an den Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag überstellen. Der würde allerdings auch mit dem Sieger und seinen Leuten zu tun haben: Jens-Uwe Hettmann, der ehemalige Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Abidjan meinte, dass die Franzosen mit Ouattara jemanden unterstützen "der genauso blutrünstig ist wie Gbagbo", der "das Land genauso [spaltet] wie sein Widersacher" und der ihm auch an Brutalität "in nichts nach[steht]." (Peter Mühlbauer)

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