Deutlich mehr gewalttätige Machos in Nordeuropa

Insgesamt 62 Millionen, ein Drittel aller Frauen der EU, mussten körperliche und sexuelle Gewalt erleiden

Dass Frauen in der eigenen Wohnung, am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit Gewalt ausgesetzt sind, ist nicht neu. Doch eine Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) liefert schockierende Zahlen über das reale Ausmaß.

Die weltweit größte Erhebung über Gewalt gegen Frauen, bei der 42.000 Frauen zwischen 15 und 74 Jahren (1.500 in jedem der 28 EU-Mitgliedsstaaten) von Angesicht zu Angesicht befragt wurden, zeigt ein deutliches Nord-Süd-Gefälle.

Macho-Gewalt scheint demnach vor allem im europäischen Norden ausgeprägt zu sein. Besonders Dänemark, wo 52% der Frauen Gewalterfahrungen angaben, Finnland (47%), Schweden (46%), Holland (45%), Frankreich und Großbritannien (44%) fallen mit hohen Werten auf. Dort sind die Zahlen sogar etwa doppelt so hoch wie für Kroatien (21%) Spanien, Slowenien, Zypern und Malta (22%), Portugal (24%), Griechenland (25%) und Italien (27%). Deutschland liegt unrühmlich mit 35% über dem Durchschnitt und Österreich (20%) und Polen (19%) wären damit die Musterknaben.

Die insgesamt schmuck- und erfolglose spanische EU-Ratspräsidentschaft (EU-Präsidentschaft mit begrenzter Haftung) hatte 2010 angeregt, endlich umfassende Daten zur Gewalt gegen Frauen in ganz Europa zu erheben. Denn die sozialistische Regierung hatte sich den Kampf für Frauenrechte, Gleichberechtigung und gegen die Gewalt gegen Frauen zur besonderen Aufgabe gemacht.

Die von der EU-Grundrechteagentur erhobenen Daten der Studie, die heute vorgestellt wurde, sind erschreckend. Damit wurden nun erstmals für die gesamte EU Daten ermittelt, die einigermaßen vergleichbar sind. Neben den Zahlen der Gewalterfahrungen, die ein sehr trauriges Bild zeichnen, zeigt die Untersuchung auch, dass die Wahrnehmung über sexuelle und körperliche Gewalt gegen Frauen im eigenen Land und die tatsächlichen Lage im Vergleich zu anderen Ländern zum Teil sehr weit auseinandergehen.

Spanien

In Spanien hatten vor allem Frauenorganisationen mit Initiativen über viele Jahre das einstige Tabuthema in die Öffentlichkeit gezogen (Gewalt gegen Frauen auf dem Vormarsch). Seit Jahren wird breit in der Öffentlichkeit berichtet und das hat auch dazu geführt, dass die Zahl der Frauen, die vom Ehemann, Partner oder ihrem Ex umgebracht werden, zurückgegangen ist.

Im vergangenen Jahr waren in Spanien noch 48 Opfer zu beklagen. Die Zahl sinkt seit zehn Jahren beständig.

Da das Thema sehr debattiert wird, führt dies auch dazu, dass die für die Studie in Spanien befragten Frauen zu 84% geantwortet haben, "Gewalt gegen Frauen in ihrem Land" komme "sehr häufig" oder "ziemlich häufig" vor. Dabei haben von 1.500 per Zufall ausgewählten Spanierinnen "nur" 22% angegeben, auch real Opfer geworden zu sein.

Noch weiter auseinander geht die Schere in Portugal. Denn sogar 94% der Portugiesinnen gehen davon aus, dass sexuelle und körperliche Gewalt in dem armen Land üblich ist. Doch "nur" 24% der befragten Frauen gaben sich auch als Opfer zu erkennen.

Dänemark und Finnland

Am ganz anderen Ende der Skala steht dafür aber das Land, das im Bereich für Frauenrechte in Spanien sogar oft als Musterland gehandelt wird. Denn in Dänemark gehen nur 61% der Frauen davon aus, dass die Gewalt an der Tagesordnung ist.

Damit liegt die Zahl nur noch unwesentlich über der Zahl der Frauen, die auch angeben, tatsächlich Opfer geworden zu sein. Dänemark ist mit 52% deutlicher Spitzenreiter bei der Macho-Gewalt. Ganz ähnlich stellt sich die Lage auch in Finnland dar. Obwohl 47% der Frauen in der Studie als Opfer ermittelt wurden, gehen nur 64% der Befragten davon aus, dass Gewalt häufig vorkommt.

Österreich und Deutschland

Während Frauen in Österreich das zu 68% glauben, haben sich nur 20% als Opfer geoutet. Dabei wird Österreich nur noch von Polen (19%) unterboten. In dem osteuropäischen Land gehen aber 61% der Frauen davon aus, dass die Macho-Gewalt ein übliches Problem ist.

Deutschland liegt mit 35% eher im Mittelfeld - allerdings liegt es bei den Opfern über dem Durchschnitt von 33%. In der allgemeinen Wahrnehmung schätzen deutsche Frauen das Problem im Vergleich zu ihren Leidensgenossinnen in der EU allerdings mit 72% unterdurchschnittlich ein.

"Frauen sind weder auf der Arbeit noch zu Hause sicher"

Insgesamt muss man es als erschreckend bezeichnen, dass aus den Befragungen von Angesicht zu Angesicht der Frauen geschlossen werden kann, dass 33% aller Frauen in Europa (62 Millionen) selbst Opfer von sexueller oder körperlicher Gewalt geworden sind.

8% der Befragten gaben an, dass sie erst im Verlauf der vergangenen zwölf Monate zum Opfer von Gewalt wurden. Sogar 5% aller Frauen zwischen 15 und 74 Jahren geben an, im engeren Sinne mittels physischer Gewalt vergewaltigt worden zu sein. Das sind mehr als neun Millionen!

Davon gaben fast eine Million Frauen an, dass an dem extremen Vorgang mehr als ein Täter oder Täterin beteiligt waren. Dazu kommen noch Vergewaltigungen im weiteren Sinne, wo der Verkehr gegen den Willen der Frau stattfand und Angst eine bedeutende Rolle spielte.

"Frauen sind weder auf der Arbeit noch zu Hause sicher", resümiert deshalb die spanische FRA-Sprecherin Blanca Tapia. Sie weist darauf hin, dass es damit erstmals Datenmaterial gibt, das weder von Nichtregierungsorganisationen (NGO) noch von staatlichen Stellen stammt. "Es war ein langer Prozess", beschreibt sie den Vorgang im Interview: "Der damalige spanische Ministerpräsident Zapatero hielt uns für die einzige Institution, die mehr als 42.000 Interviews führen kann."

Die Gespräche wurden stets persönlich an einem Ort geführt, wo sich die Frauen wohlgefühlt haben. Befragt wurden sie nur von Frauen. In jedem Haushalt wurde höchstens eine Frau befragt, die zufällig ausgewählt worden war. Über mindestens 50 Minuten wurden die Frauen mit konkreten Fragen konfrontiert und die Befragungen hätten sich bis zu zwei Stunden in die Länge gezogen, wenn über Gewalterfahrung berichtet wurde, erklärt Tapia das Vorgehen.

Gewalt gegen Frauen bisher unterschätzt

Die Untersuchung legt nicht nur weit verbreitete Gewalt gegen Frauen offen, "sondern schildert auch die körperliche und sexuelle Gewalt, die Frauen in der Kindheit erfahren haben". Neben den schon dargelegten Ergebnissen, lieferte die Studie noch viele weitere Resultate. Darunter findet sich zum Beispiel, dass 22 % der Frauen körperliche und/oder sexuelle Gewalt in ihrer Partnerschaft erlebt haben. Dazu gehörten Schläge oder Angriffe mit harten Gegenständen.

Nur 15% der Vorfälle wurden tatsächlich bei der Polizei gemeldet. 67% der Opfer gaben an, dass schwerwiegende Gewaltvorfälle in der Partnerschaft weder der Polizei, noch einem Frauennotruf, Frauenhaus oder einer anderen Organisation gemeldet wurden. Das ist ein Grund, dass Gewalt gegen Frauen bisher "unterschätzt" worden sei, weil die Mehrheit der Vorfälle in keiner Statistik berücksichtigt wurden.

Der FRA-Bericht zeigt zudem einen hohen Anteil von 33% der Frauen auf, die schon in der Kindheit Gewalt durch "eine/n Erwachsenen" erleiden mussten. 12% der Frauen waren in ihrer Kindheit von sexueller Gewalt betroffen. Die wurde nur in der Hälfte aller Fälle von fremden Männern ausgeübt, während sie in der anderen Hälfte von Familienmitgliedern ausging.

"Je gerechter eine Gesellschaft ist, umso klarer wird Gewalt gegen Frauen als Problem erkannt"

Ebenfalls erschreckend sind auch die Angaben zu sexueller Belästigung. 55 Prozent aller Frauen geben an, Formen sexueller Belästigung erlitten zu haben. 32% der Opfer nannten Vorgesetzte, Kollegen und Kolleginnen oder Kunden und Kundinnen als Täter.

Dabei fällt auf, dass dies Frauen besonders betrifft, die in der Arbeitswelt in Führungspositionen aufgestiegen sind. 75 Prozent aller Frauen in leitenden Managementpositionen geben an, sexuell belästigt worden zu sein. "Sexuelle Belästigung von Frauen in hohen beruflichen Positionen ist ein ernstzunehmendes Thema", erklärte Joanna Goodey, Leiterin der Abteilung Freiheiten und Gerechtigkeit bei der FRA.

Angesichts der Kluft zwischen Wahrnehmung und tatsächlich in den Gesprächen berichteten Vorfällen vermutet Goodey, dass es kulturelle Unterschiede gebe, "über Gewalterfahrungen offen zu sprechen".

Die FRA vermutet auch, dass die Tatsache eine bedeutende Rolle spielt, welche Sensibilisierung es zu Gendergerechtigkeit im jeweiligen Land gibt: "Je gerechter eine Gesellschaft ist, umso klarer wird Gewalt gegen Frauen als Problem erkannt." Das müsse bei der Lektüre des Berichts beachtet werden, sagte auch Sami Nevala von der FRA bei der Vorstellung des Berichts.

Kukturelle Unterschiede?

In eine ähnliche Richtung argumentiert auch Karima Zahi. "Es ist nicht so, dass es weniger Gewalt gegen Frauen in einem Land als im anderen gibt", glaubt die Vertreterin der Europäischen Frauenlobby (EWL), in der 4000 Frauenorganisationen aus ganz Europa zusammengeschlossen sind. Zahi hält es sogar für "wahrscheinlich", dass Frauen, die mit derlei Befragungen nicht so vertraut seien, nicht über das Thema sprechen und deshalb in Südeuropa scheinbar weniger Fälle auftauchen.

Allerdings werfen hier die Ergebnisse Österreichs einige Fragen auf, ob diese Sichtweise haltbar ist. Hier sind sicher weitere tiefergehende Untersuchungen nötig.

"Wirkungsvoll gegensteuern"

Da die Ergebnisse "absolut alarmierend" seien, fordert Goodey, dass die Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen nun aktiv werden müssten, "um wirkungsvoll" gegensteuern zu können. Das sei höchste Zeit in einem "Europa, das sich allgemein für ziemlich fortschrittlich hält", fügte sie an. "Die Zeit ist reif, eine breit angelegte Strategie zur wirksamen Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen auf den Weg zu bringen", forderte auch die FRA-Direktor Morten Kjærum.

Eine zentrale Forderung der FRA besteht darin, dass Gewalt in Ehe und Partnerschaft als "öffentliche und nicht als eine private Angelegenheit" behandelt werden müsse. Dringlich sei auch ein verbesserter Opferschutz nach dem Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt (Istanbuler Konvention). "Dazu konnten sich bisher gerade einmal drei EU Staaten durchringen", erklärte Goodey.

Insgesamt werden Schulungen und Sensibilisierungskampagnen von Polizisten, medizinischem Fachpersonal, Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen sowie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Opferhilfe-Einrichtungen gefordert. Dazu solle die Datenerhebung zu Gewalt gegen Frauen in den EU- Mitgliedstaaten verbessert und zwischen den Mitgliedstaaten harmonisiert werden.

Gefordert wird aber auch, stärker gegen Online-Übergriffe und Stalking vorzugehen. "Internet-Provider und Plattformen für soziale Medien sollten Opfer von Online-Belästigung aktiv bei der Meldung von Missbrauchsfällen unterstützen", fordert die FRA. Schon 11% der Frauen, dabei stachen vor allem jüngere Frauen hervor, schilderten "unangemessene Annäherungsversuche" in den neuen sozialen Medien. Sie erhielten E-Mails oder SMS-Nachrichten mit eindeutig sexuellem Inhalt. (Ralf Streck)

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