Deutsch-chinesische Technik-Zusammenarbeit

Ansgar Hinz; Bild: Uwe Noelke / VDE

Ein Interview mit Ansgar Hinz, dem Vorstandsvorsitzenden des Verbands der Elektrotechnik Elektronik und Informationstechnik

VDE und State Grid China haben im vergangenen Sommer eine enge Zusammenarbeit bei den Themen Energie und Mobilität beschlossen und in Beijing ein Memorandum of Understanding unterzeichnet. Ziel dieses MoU ist es, in den Bereichen Wissenschaft, Bildung, Prüfung und Anwendung gemeinsame Ziele zu fördern und die deutsch-chinesische Zusammenarbeit in den Bereichen Smart Energy, Cybersecurity und Smart Mobility auszubauen.

Nachdem der Versorger State Grid Corporation of China (SGCC) bei seinen beabsichtigten Investitionen in deutsche Energienetze nicht zum Zuge gekommen war und die Bundesregierung sich inzwischen immer umfangreichere Möglichkeiten schafft gegen ausländische, zumeist chinesische Investoren Widerspruch einzulegen und daneben auch der amerikanisch-chinesische Handelskonflikt immer stärkere Spuren hinterlässt, stellt sich die Frage, ob sich die Kooperation zwischen dem größten öffentlichen Versorgungsunternehmen in China, das mit 1,6 Millionen Mitarbeitern 1,1 Milliarden Menschen versorgt und dem traditionsreichen deutschen VDE noch wie beabsichtigt realisieren lässt. Telepolis hat daher in einem Interview mit Ansgar Hinz, dem Vorstandsvorsitzenden des VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik und Informationstechnik, nachgehakt.

Gibt es nach dem MoU noch mögliche politische Hemmnisse, welche eine Umsetzung behindern könnten?
Ansgar Hinz: Die Vereinbarung hat die Zustimmung der Gremien auf deutscher und chinesischer Seite und bedarf keiner weiteren Autorisierung mehr. Wenn es dann um konkrete Entscheidungen hinsichtlich bestimmter Einzelmaßnahmen geht, fällt dies in den Entscheidungsprozess der jeweils davon betroffenen Einheiten. Wenn es sich beispielsweise um ein Standardisierungsthema handelt, dann wird dies im Führungsgremium der DKE, der Deutschen Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik in DIN und VDE behandelt. Das gilt entsprechend auch für andere Einheiten des VDE.
Die Zusammenarbeit zwischen dem VDE und State Grid China scheint sehr umfassend zu sein. In welchen Bereichen wollen die beiden Organisationen künftig zusammenarbeiten?
Ansgar Hinz: Die vereinbarte Zusammenarbeit schließt das breite Feld der Standardisierung und Normung mit ein. Das geschieht vor dem Hintergrund, dass sich China auf der industriellen Ebene immer stärker professionalisiert und damit werden auch die Bereiche Normung, Prüfung und Zertifizierung immer relevanter werden. Hier bietet es sich für den VDE an, der alle diesbezüglichen Kompetenzen im Haus hat, als Ansprechpartner bereit zu stehen und seine umfangreichen Erfahrungen einzubringen und die Entwicklung in China mitzugestalten. Das VDE-Institut ist im Übrigen seit einem knappen Jahr das erste europäische Prüfhaus, welches das chinesischen CCC-Siegel vergeben kann.
China gewinnt im Zusammenhang mit der Professionalisierung auch bei der IEC, der International Electrotechnical Commission immer mehr Bedeutung. Wie sieht man das im VDE?
Ansgar Hinz: Der VDE ist mit der von ihm getragenen Normungsorganisation DKE ein wichtiger Partner in der IEC und verfolgt die Entwicklung einerseits mit einem wachen Auge, andererseits auch als Kooperationspartner, der in China aufgrund seiner langjährigen Erfahrung im Bereich der technischen Normung ein hohes Ansehen genießt. China schaut hier mit lernenden Augen auf die Methodiken, die die DKE im Bereich der Entwicklung von Normen entwickelt hat. Dieses Interesse besteht übrigens nicht nur in China, sondern auch in anderen Staaten der Region.
Könnte es bei der deutsch-chinesischen Kooperation noch politisches Störfeuer im Zusammenhang mit dem Handelskonflikt zwischen den USA und China geben?
Ansgar Hinz: Deutschland kann es sich als Innovationsstandort im Zeitalter der internationalen Vernetzung gar nicht leisten, sich einer Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern zu entziehen. Daher rechnen wir nicht mit politischen Hemmnissen für die Zusammenarbeit mit unseren chinesischen Partnern. Es wäre für Deutschland zukunftsgefährdend, wenn man sich isolationistisch hier der Kooperation verschließen würde.
Inwieweit handelt es sich bei der Abmachung um eine Rahmenvereinbahrung, die noch mit Inhalten zu füllen ist oder gibt es schon konkrete Arbeitsfelder?
Ansgar Hinz: Es gibt auf der Ebene des VDE-Instituts im Bereich Prüfung und Zertifizierung schon konkrete Themen. Der VDE hat in China eine eigene Organisation mit 350 Beschäftigten aufgebaut und hat ein Jointventure mit einem chinesischen Prüfhaus abgeschlossen. Auch auf der Standardisierungsebene mit der IEC gibt es konkrete Projekte. Daneben gibt es konkret geplante Handlungsstränge hinsichtlich der Kooperation auf der Mitgliederebene im Verband VDE.
Welche Bedeutung haben die Berliner Töchter von State Grid China in der Zusammenarbeit?
Ansgar Hinz: Diese Unternehmen sind Teil der Schnittstellen zwischen State Grid China und dem VDE. Sie dienen gewissermaßen als chinesisches Frontend in Deutschland, wie auch der VDE mit seiner Organisation in China dort über ein entsprechendes Frontend verfügt.
Herr Hinz ich bedanke mich für das Interview. (Christoph Jehle)
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