Deutsche Bahn lenkt ein

Ausstellung "11.000 Kinder - Mit der Reichsbahn in den Tod" demnächst doch auf deutschen Bahnhöfen zu sehen

Der Vorstand der Deutschen Bahn AG und der Zentralrat der Juden haben vorige Woche einen Schlussstrich unter eine recht unwürdige Geschichte gesetzt. Bis Ende Mai soll mit dem Bundesverkehrsministerium und der Initiative „11.000 Kinder“ ein Konzept für die Ausstellung„11.000 Kinder – Mit der Reichsbahn in den Tod“ erarbeitet werden, die anhand zahlreicher Fotografien, Briefe und Dokumente an das Schicksal von elftausend aus Frankreich in die Vernichtungslager verschleppten Kindern erinnert. Resultat: die Ausstellung wird zunächst im Verkehrsministerium in Berlin und danach auf den großen Publikumsbahnhöfen zu sehen sein, die damals Durchgangsstationen für die Menschentransporte waren: Saarbrücken etwa, Frankfurt, Köln, Berlin, Freiburg, Weimar u.a.. Schließlich soll sie dann als Dauerausstellung ins Eisenbahnmuseum Nürnberg gehen. Vorab kann man sie schon in einigen deutschen Städten betrachten. Möglich wurde diese Einigung allerdings erst durch eine massive Intervention von Politikern.

Seit über einem Jahr hatten Beate Klarsfeld, die Nazi-Jägerin und Repräsentantin der Organisation „Fils et Filles des Déportés Juifs de France“ (FFdDJ) und die Initiative „11.000 Kinder“, versucht, die Deutsche Bahn AG dazu zu bewegen, die Ausstellung auch in deutschen Bahnhöfen zu zeigen.

Die Reichsbahn verdiente mit den Transporten

Pro Kilometer der Menschentransporte in den Tod erhielt die Reichsbahn vier Pfennig. Bei weit mehr als 6 Millionen Menschen aus aller Herren Länder kann man sich ausrechnen, wie viel das war. Manche mussten sich auch noch die Fahrkarten selbst kaufen. Die Reichsbahn erst ermöglichte mit ihrer Logistik den massenhaften Transport in die Vernichtungslager, und sie verdiente daran.

An den Transporten von Gefangenen aus ganz Europa verdiente das Vorgängerunternehmen der Deutschen Bahn AG ein Vermögen. Gemessen auf 20.000 Züge pro Tag mit Material und Truppen allerdings waren die Deportationstransporte ein verschwindend geringer Teil des gesamten Transportaufkommens, wie der Historiker Klaus Hildebrand schätzt.

Der Streit um den rechten Ort

Die Deutsche Bahn weigerte sich, die Ausstellung auf Reisebahnhöfen zu zeigen, und bot schließlich als Ort das Bahnmuseum Nürnberg an. Dort sind neben technischen und geschichtlichen Exponaten rund um die Eisenbahn auch Sonder- und Dauerausstellungen zu sehen, z.B. eine Dokumentation der Geschichte der Reichsbahn im Nationalsozialismus mit museumspädagogischer Betreuung.

Die Initiatoren hatten dies aber stets abgelehnt, weil sie gerade an den Orten des Geschehens, den Durchgangsbahnhöfen für die Todestransporte, mit der Ausstellung der Opfer gedenken wollen. Auf französischen Bahnhöfen, die Stationen auf der Reise in den Tod waren, ist die Ausstellung bisher gezeigt worden, unter breiter Anteilnahme der Öffentlichkeit.

Auch die dürfte bei der Intention der Initiative eine Rolle spielen: Pro Jahr kommen etwa 200.000 Besucher ins Eisenbahnmuseum, die dort auch museumspädagogisch betreut würden, wie die Bahn in einem Schreiben an die Bundestagsabgeordnete Iris Gleicke (SPD) hervorhebt. Auf den großen Publikumsbahnhöfen würden aber wesentlich mehr Besucher die Ausstellung mitbekommen. Deshalb hatten Anfang dieses Jahres die Unterstützer der Initiative auch schon mit Aktionen in Bahnhöfen und Demonstrationen die Öffentlichkeit gesucht.

Ursprünglich hatte die Bahn, neben finanziellen Gründen und Sicherheitsbedenken, sogar argumentiert, ein Bahnhof sei kein angemessener Gedenkort. Sie hatte auch nicht vergessen, darauf hinzuweisen, dass die Deutsche Bahn AG nicht Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn sei, aber auch das Mahnmal Gleis 17 am Bahnhof Grunewald angeführt, um zu zeigen, dass ihr die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Reichsbahn am Herzen liege.

Was könnten die Nachbarn denken? Oder: Die Angst der Bahn vor einem schlechten Image

Hinter dieser Fürsorglichkeit dürfte aber auch etwas anderes gesteckt haben: die Angst des Bahnvorstandes, bei der internationalen Expansion ins europäische Ausland unheilvolle Erinnerungen wachzurufen.

In der Tat hat die Reichsbahn bei der Eroberung und Ausplünderung der Länder Europas eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt.

Rückendeckung vom Parlament

Nun hat die Politik sich eingeschaltet. Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan J. Kramer, wandte sich Anfang März an Politiker aller Parteien und an Bundesverkehrsminister Tiefensee (SPD) mit der Bitte, die Bahn zum Einlenken zu bewegen. Das half. Die Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Fraktion, Iris Gleicke, schrieb an Mehdorn:

Aus dem Schreiben geht hervor, dass sich die Deutsche Bahn AG den Initiatoren der Ausstellung „11.000 jüdische Kinder. Mit der Reichsbahn in den Tod“ gegenüber bereit erklärt hat, diese wichtige Ausstellung im Nürnberger DB-Museum zu zeigen. Dieses Angebot begrüße ich ausdrücklich.

Darüber hinaus erscheint es mir jedoch sinnvoll und notwendig, eine solche Ausstellung einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und nicht nur in musealer Umgebung zu zeigen. An die Deportation der 11.000 jüdischen Kinder nach Auschwitz und somit in den Tod, sollte meines Erachtens auch an den Tatorten erinnert werden. Zu diesen Tatorten gehören auch deutsche Bahnhöfe. Bahnhöfe als Orte der Begegnung, Kommunikation und Offenheit eignen sich zudem hervorragend für eine Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte.

Angesichts des Erstarkens rechtsradikaler Tendenzen insbesondere unter Jugendlichen sollte keine Möglichkeit versäumt werden, an die Verbrechen der Nazis zu erinnern.

Ähnlich äußerten sich Oskar Lafontaine und Gesine Lötzsch (Linkspartei/PDS) sowie der Abgeordnete Jerzy Montag (Bündnis 90/Die Grünen). Die ausschlaggebende Intervention erfolgte jedoch durch Verkehrsminister Tiefensee.

Tiefensee forderte in einem Brief Mehdorn auf, die Haltung des Bahnvorstandes zu überdenken. Der Verkehrsminister hat vor, die Verstrickung des eigenen Hauses in die NS-Verbrechen und die enge personelle Verflechtung zwischen Reichsverkehrsministerium und Reichsbahn aufarbeiten zu lassen. Sein Vorschlag an den Bahnvorstand ist die Grundlage des nun gefundenen Kompromisses. Zunächst einmal wird er im Rahmen dieser Aufarbeitung die Ausstellung im eigenen Hause beherbergen. Später solle sie dann auf den Bahnhöfen, durch die die Todeszüge gefahren waren, zu sehen sein. Endstation: das Eisenbahnmuseum Nürnberg. (Annette Hauschild)

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