Deutsche Ex-Kolonie stimmt für Unabhängigkeit

White Island, Bougainville. Foto: Jeremy Weate/CC BY 2.0

Bougainville: Prozess der Dekolonisierung wäre abgeschlossen, wenn das Parlament Papua-Neuguineas zustimmt. Im Hintergrund geht es auch um Rohstoffe und Umweltschäden

Deutlicher hätte die Entscheidung der knapp 200.000 Bewohner der Insel im Pazifik kaum ausfallen können. Zwischen dem 23. November und 7. Dezember haben die Bewohner der bisherigen Autonomen Region, die gemeinsam mit der Insel Buka gebildet wird, darüber entschieden, ob sie eine größere Autonomie von Papua-Neuguinea wollen, oder ob Bougainville unabhängig werden soll.

Bei dem nicht bindenden Referendum haben sich fast 98% für die Loslösung entschieden. 176.928 Menschen haben für die Unabhängigkeit gestimmt, nur 3.043 waren für eine größere Autonomie. Der Kommission für das Bougainville-Referendum stand der ehemalige Premier Irlands vor. Bertie Ahern erklärte zum Ausgang der Abstimmung: "Die Feder ist immer stärker als das Schwert."

Mit der Unabhängigkeit von Bougainville wäre der Prozess der Dekolonisierung abgeschlossen. 1886 wurde Bougainville mit weiteren Salomon-Inseln Teil der sogenannten deutschen Schutzgebiete in der Südsee, wie die Kolonien von Deutschland genannt wurden. Bis zum Ersten Weltkrieg war es Teil von Deutsch-Neuguinea.

Teil eines Friedensabkommens

Auch danach wurde die Insel nicht mit den britischen Salomonen wiedervereint, sondern blieb Teil des an Australien übertragenen Völkerbund-Mandatgebiets, denn Australien hatte die Insel zwischenzeitlich besetzt und entließ 1975 Papua-Neuguinea in die Unabhängigkeit. Dabei erklärte sich Bougainville schon einmal als unabhängiger Staat, was aber von den abziehenden Australiern und der neuen Besatzungsmacht ignoriert wurde.

Das Referendum über die Unabhängigkeit war schließlich ein Teil eines Friedensabkommens nach einem Friedensprozess unter Führung von Neuseeland. Das Abkommen aus dem Jahr 2001 sah vor, dass die Abstimmung vor 2020 stattfinden müsse. Es beendete den blutigen Konflikt zwischen der "Revolutionären Armee Bougainvilles" (BRA) und der Armee Papua-Neuguineas. Bei dem Konflikt, der ein Jahrzehnt angedauert hatte, sind etwa 20.000 Menschen getötet und viele weitere vertrieben worden.

Rohstoffe und Geld

Im Hintergrund standen auch Rohstoffe und Geld, allen voran der Konflikt um die Panguna-Mine, in der eine australische Firma Rio Tinto Kupfer, Gold und Silber abbaute.

Es kam zu massiven Sabotageaktionen und Angriffe auf die Beschäftigten der Mine, weshalb Rio Tinto die Arbeiten in der Mine 1989 einstellen musste. Eigentlich sollte aus Gewinnen auch Geld an die Bevölkerung von Bougainville fließen. Von dem Anteil der Dividenden der Gesellschaft, die an den Staat von Papua-Neuguinea flossen, kam aber nur ein Bruchteil nach Bougainville zurück.

Die Insel musste aber mit den massiven ökologischen Schäden leben, die der Tagebau angerichtet hat. Zudem hatte die australische Firma für die qualifizierte Stellen meist Beschäftigte aus anderen Teilen PNGs und aus Australien nach Bougainville gebracht, was ethnische Spannungen befeuert hatte (siehe dazu: Bald neuer Staat Bougainville?).

Der Vorgang zeigt aber, dass man tatsächlich auf demokratischem Weg einen blutigen Konflikt beilegen kann. Es ist auch ein Wink mit dem Zaunpfahl an die internationale Gemeinschaft, die sich um eine Lösung des Konflikts mit Katalonien drückt und Spanien nicht an den Verhandlungstisch zwingt.

Man lässt sich auch in der Frage der Westsahara seit vielen Jahren von Marokko an der Nase herumführen. Seit 1991 hintertreibt das autokratische Königreich die Durchführung des Referendums über die Unabhängigkeit, das Grundlage der Waffenruhe mit der Befreiungsfront "Polisario" war. Die EU und andere Großmächte schauen dabei großen Menschenrechtsverletzungen, Mord und Folter zu.

Rabat setzt auf eine "Autonomielösung", um weiter Zugriff auf die Ressourcen in besetzten Gebieten zu haben - wie Öl oder die reichen Fischgründe.

Die Frage ist, wie es nun in Papua-Neuguinea und in Bougainville weiter geht. Endgültig ausgemacht ist die Loslösung noch nicht. Das Ergebnis muss noch vom Parlament ratifiziert werden - vom Parlament Papua-Neuguineas. Als gutes Zeichen kann gewertet werden, dass der für Bougainville zuständige Minister Puka Temu von einem "glaubwürdigen" Ergebnis des Referendums sprach. Allerdings fügte er an, dass das Parlament das letzte Wort habe.

Drei Szenarien

Die Neue Zürcher Zeitung hält nun drei Szenarien für möglich: So könnten sich die Regierung in Papuas in Port Moresby und mit dem Chef der Regionalregierung John Momis "rasch auf die Modalitäten der Trennung und eine etwaige Übergangsperiode" einigen, womit Bougainville bald ein neues Land wäre. Port Moresby könnte das aber auch hinauszögern und versuchen, die Bevölkerung von Bougainville hinzuhalten.

Das dürfte zu neuen Spannungen "mit ungewissem Ausgang" führen. Das Parlament könnte den sehr klaren Referendumsentscheid ablehnen, "was mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem neuen Konflikt führen würde". Mit einem Nein würde man sich in Bougainville wohl kaum abfinden. (Ralf Streck)