Deutsche Schützenhilfe für Krieg gegen Kurden?

Karte: Elke Dangeleit

Die politisch fragwürdige Unterstützung der Türkei mit Waffen und Material. Indizien für eine Zusammenarbeit zwischen der Türkei und IS häufen sich. Erdogans Pläne, Afrin anzugreifen

Das Treffen des deutschen Außenministers Sigmar Gabriel mit dem türkischen Außenminister Cavusoglu in Goslar brachte Sigmar Gabriel wegen seines Gebarens als "Cayci" (Teejunge) gegenüber dem türkischen Amtskollegen allerlei spitze Kommentare ein. Allerdings müsste es einen weitaus größeren Aufschrei in der deutschen Medienlandschaft darüber geben, dass die in Aussicht gestellten Waffenlieferungen an die Türkei wahrscheinlich im türkischen Krieg gegen die kurdische Bevölkerung in der Türkei und Nordsyrien zum Einsatz kommen werden.

Am vergangenen Wochenende kündigte der türkische Präsident Erdogan an, dass in der kommenden Woche ein türkischer Angriff erfolge, wenn sich der Kanton Afrin im Nordwesten Syriens nicht umgehend der türkischen Armee ergeben würde. Die amtierende Bundesregierung in Berlin argumentiert derweil mit Erdogan-Argumenten: Die Türkei brauche die Waffen im Kampf gegen den IS.

Nur - wo soll dieser Kampf überhaupt stattfinden? In Nordsyrien ist der IS nicht mehr relevant. Guido Steinberg, Terrorismusexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), sagte im Faktenfinder der Tagesschau:

Dass die Türkei in Zukunft noch den IS bekämpfen könnte, ist einfach falsch.

Guido Steinberg

Die letzten Gebiete der Terrormilizen würden östlich der Stadt Deir ez-Zor, fernab der türkischen Grenze und außerhalb der Reichweite türkischer Bodentruppen liegen, präzisiert Steinberg. Statt den IS zu bekämpfen, bezieht die Türkei die versprengten IS-Kämpfer in ihre Operation Euphrat-Schild in Nordsyrien mit ein. Doch dazu später.

Mit der Operation Euphrat-Schild marschierte die Türkei 2016 in Nordsyrien ein und besetzt seitdem das Dreieck Azaz - Jarablus - Minbic sowie einen Streifen im Süden des Kantons Afrin. Doch die türkische Vorherrschaft im von der Türkei kontrollierten Gebiet in Nordsyrien wackelt. In Jarabulus begehrt die Bevölkerung gegen die Türkisierungspolitik im Alltag auf. Dort wird in den Schulen mittlerweile Türkisch gelehrt. Öffentliche Gebäude sind mit türkischen Fahnen bestückt. Auf Werbetafeln wird für türkische Produkte geworben - man könnte meinen, man sei in der Türkei.

In Jarabulus leben überwiegend Turkmenen. Diese fordern nun, dass die türkischen Verwaltungsinstitutionen in turkmenische Hände gegeben werden. In Azaz hat sich eine "revolutionäre Gruppe" gegen die türkischen Proxytruppen gebildet, bestehend aus Mitgliedern verschiedener lokaler Organisationen. Innerhalb der Milizen des türkischen "Euphrat-Shields" gibt es ebenfalls zunehmend Konflikte.

Ein Grund dafür ist die Einstellung der finanziellen Unterstützung durch Katar, die über türkische Banken abgewickelt wurde. Die Nachrichtenagentur ANF berichtete, dass Katar rund 400.000 Dollar für Dienstleistungen und militärisches Equipment zur Verfügung gestellt hatte.

Im Kampf um ein Stück vom Kuchen zerlegen sich die islamistischen Milizen nun selbst. Die Türkei versucht deshalb aus ehemaligen Al-Nusra-Mitgliedern (al-Qaida) eine neue Proxytruppe aufzubauen. Zu diesem Zweck sollen am 24. Dezember 2017 nach Agenturangaben rund 100 Mitglieder einer Spezialeinheit in Azaz stationiert worden sein, die in sieben Gruppen in militärischen Taktiken ausgebildet werden. Einer ihrer Aufgaben besteht darin, Tunnel in den Kanton Afrin zu graben.

Neben der Sicherung des türkischen Korridors im Dreieck Jarablus - Azaz - Minbic, der eine Verbindung zwischen dem westlichsten Kanton Afrin in den östlichen Gebieten der nordsyrischen Föderation verhindern soll, ist der Kanton Afrin selbst Objekt der Begierde der Türkei.

Der türkische Präsident Erdogan kündigte im Parlament in Ankara in der ersten Januarwoche einen Militäreinsatz gegen Afrin und die nordsyrische Föderation an:

Jetzt ist es soweit, das Projekt der separatistischen Terrororganisation, einen Syrien-Terrorkorridor zu errichten, vollkommen zunichte zu machen.

Erdogan

Mit "Terrororganisation" meint Erdogan mitnichten den IS; er zielt auf die nordsyrische Föderation mit ihrer Armee SDF (Syrian Democratic Forces) ab. Guido Steinberg von SWP hält offensive Einsätze von türkischen Panzern in den kurdischen Gebieten Nordsyriens für realistisch.

Am vergangenen Samstag kündigte Erdogan in der türkischen Stadt Elazig einen Angriff auf Afrin und Minbic in dieser Woche an. In seiner Rede machte er unmissverständlich klar, dass es ihm nicht um den Kampf gegen islamistische Milizen geht, sondern um einen Feldzug gegen die demokratische, nordsyrische Föderation.

"Wir werden sie in der Nacht plötzlich überfallen", sagte Erdogan. "Unsere Idlib-Operation wird den westlichen Flügel kappen und in Minbic werden wir die Macht übernehmen, bis dort keine Terroristen (gemeint sind die SDF und der demokratisch gewählte Volksrat, Anm. d. Verf.) mehr sind. Das wird alles innerhalb einer Woche passieren", kündigte Erdogan an.

Salih Muslim, der ehemalige Vorsitzende der nordsyrischen Partei PYD und jetzige TEV-DEM Abgesandte für internationale Angelegenheiten warnte die Türkei vor diesem Schritt. Ein Angriff auf Afrin würde den Krieg in die Türkei tragen. Afrin sei für die Kurden genauso wichtig wie seinerzeit Kobane. Daher würde ein Angriff auf Afrin auch viele Kurden in der Türkei zur Verteidigung des Kantons mobilisieren.

Muslim warf Erdogan vor, die Probleme mit rivalisierenden islamistischen Gruppen in der Provinz Idlib, von der zum Jahreswechsel auch russische Stützpunkte in der Nähe betroffen waren, selbst verursacht zu haben. Islamistische Gruppen griffen nämlich den russischen Luftwaffenstützpunkt Khmeimim nahe Idlib innerhalb weniger Tage zwei Mal an.

Niemand will die Türkei in Syrien haben, die syrische Regierung will dies nicht und auch nicht die internationale Allianz, so Muslim. Bevor die Türkei eingriff, war in der Region einigermaßen Ruhe. Die Astana-Gespräche hatten der Türkei die Aufgabe übertragen, in Idlib für Frieden zu sorgen. Stattdessen sei der Konflikt wegen der Türkei eskaliert, so das Resümee Muslims.

Auch die USA sind anscheinend über das Agieren der Türkei rund um Afrin wenig begeistert. Ein über Twitter verbreitetes Video zeigt den sichtbar genervten US-Diplomaten Brett McGurk, der die Frage stellt, wie es sein kann, dass massenhaft Waffen an die Islamisten von al-Nusra über die Türkei nach Idlib kamen, und diese Region nun dank der Türkei zu einem großem Problem geworden sei.

Die von Sigmar Gabriel in Aussicht gestellten Waffenlieferungen beinhalten äußerst nützliches Equipment im Kampf gegen die SDF (Syrian Democratic Forces). Die Nachrüstung türkischer Panzer mit Minenschutzkomponenten würde nämlich die Kampffähigkeit der türkischen Proxytruppen gegen die SDF deutlich erhöhen.

Gabriel nannte dies eine "defensive Schutzausstattung", die die Türkei im gemeinsamen Kampf mit der Bundeswehr benötige, - tatsächlich sind die versprochenen Komponenten für Panzer aber Teil einer Offensivwaffe, die im Südosten der Türkei ganze kurdische Städte in Schutt und Asche geschossen haben. Oder zählen Panzer neuerdings zu den Defensivwaffen? Und wo soll der gemeinsame Kampf mit der Bundeswehr stattfinden?

Im Hamburger Abendblatt warb der türkische Außenminister Cavusoglu in einem Gastkommentar mit der jahrhundertelangen Freundschaft zwischen den beiden Ländern. Es wäre rational, so Cavusoglu, "unsere Beziehungen, wie schon seit 300 Jahren, in Freundschaft und Zusammenarbeit fortzuführen".

Gemäß dieser "Rationalität" der wechselseitigen Interessen handelt die Bundesregierung immer noch so, wie Paul Rohrbach, deutscher Kolonialstratege im Kaiserreiches, es im Jahr 1902 deklarierte: "Einzig und alleine eine politisch und militärisch starke Türkei" könne Deutschland, "die großen Aussichten, welche sich in den Ländern am Euphrat und Tigris für die Vergrößerung unseres Nationalvermögens und die Verbesserung unserer wirtschaftlichen Bilanz bieten", ermöglichen. "Für eine schwache Türkei keinen Pfennig, für eine starke, soviel nur irgend gewünscht wird."

1915 äußerte sich Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg zur Vernichtung und Vertreibung der Armenier: "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht." An dieser brachialen Haltung hat sich bis heute anscheinend nicht so viel geändert, wie man es erwarten sollte.

Für die Bundesregierung zählen nicht in erster Linie Menschenrechte, Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit, sondern es zählt die Stabilität der Türkei als Markt-, Investitions- und Produktionsstandort von rund 6.000 deutschen Unternehmen sowie als militärische Basis für den Nahen Osten, gleichgültig, ob darüber Kurden zugrunde gehen oder nicht.

Im Jahr 2017 hat Deutschland Waffenexporte in die Türkei mit einem Gesamtwert von mehr als 25 Millionen Euro genehmigt. Das Wirtschaftsministerium teilte auf eine Anfrage der Grünen mit, dass von Januar bis Ende August 2017 insgesamt 99 Genehmigungen zur Ausfuhr von Rüstungsgütern mit einem Wert von insgesamt 25,36 Millionen Euro erteilt wurden.

Dabei soll es sich um Infrarot-Wärmebildausrüstungen, Marinespezialausrüstung und -zubehör, militärische Luftfahrzeuge/-technik, sowie ABC-Schutzausrüstung, Reizstoffe, um militärische Elektronik, um Feuerleitanlagen und um Handfeuerwaffen handeln.

Im Jahr 2016 seien von Januar bis August 158 Genehmigungen für Waffenlieferungen mit einem Gesamtwert von 69,32 Millionen Euro erteilt worden. In der Debatte um Rüstungsexporte in die Türkei machte Niels Annen, außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, deutlich, dass die Türkei für Europa ein zentraler außenpolitischer Akteur in Nah- und Mittelost ist.

Allerdings, so äußerte er gegenüber dem Deutschlandfunk, orientiere sich die Türkei Richtung Russland und China, woran Deutschland kein Interesse haben könne. Denn je enger die Türkei mit Russland kooperiere, desto weniger dürfte sie für die deutsche Mittelostpolitik zur Verfügung stehen, folgert daraus Jörg Kronauer in der Jungen Welt.

Je dichter die Kontakte der Türkei nach China sind, desto schlechter sind die Absatzchancen für die deutsche Exportindustrie. Also müsse man Ankaras Annäherung an Moskau und Beijing bremsen und die eigene Stellung wieder stärken - "um jeden Preis."

Bundeskanzlerin Merkel, Verteidigungsministerin van der Leyen und nun auch der Sozialdemokrat Gabriel - alle wollen der Türkei im vermeintlichen Kampf gegen den IS unter die Arme greifen. Dass dies ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver und Rechtfertigungsargument der Bundesregierung ist, zeigen kürzlich bekannt gewordene Aussagen gefangen genommener oder übergelaufener IS-Kämpfer. Videoaufnahmen und Interviews bestärken Vorwürfe, die nicht erst seit kurzem eine Zusammenarbeit zwischen Türkei und IS nahelegen.

In einem auf YouTube veröffentlichtem Interview berichtet nun der französische Dschihadist Thomas Barnouin ausführlich, wie leicht es war, über die Türkei zum IS zu gelangen, obwohl er ein polizeibekannter IS-Anhänger war und schon drei Jahre in Frankreich im Gefängnis saß. Es wird vermutet, dass er hinter den Anschlägen in Toulouse 2012 und in Paris 2015 steckt. Bei dem Attentat in Paris verloren 130 Menschen ihr Leben.

Abdullah Osman Ismet, IS-Mitglied aus der Region Turkestan, stellte sich den SDF und berichtet, dass uighurische Türken aus seiner Heimatregion mit Hilfe des MIT in die Türkei gebracht werden. Dort werden sie in Gruppen auf den Kampf im IS oder in der al-Nusra vorbereitet. Ismet durchlief in Ankara eine fünfmonatige Ausbildung, an der vor allem Menschen aus Turkestan und Usbekistan teilnahmen. Der turkmenische IS-Emir Ebû Elî Tirkistanî warb Ismet und seine Freunde 2015 in Ankara für den IS an:

Geht in den Islamischen Staat. Dort ist Wohnen, Bildung und Nahrung kostenlos. Im Islamischen Staat ist alles viel besser als hier. Alle Frauen sind verschleiert. Wenn ihr den islamischen Glauben leben wollt, dann geht dorthin, denn dort ist der wahrhaftigste Islam.

Ebû Elî Tirkistanî

Über den Grenzübergang Çobanbey nahe Gaziantep konnten sie problemlos die Grenze passieren. Nach Aussagen von Ismet verfügte der IS-Emir über ausgezeichnete Kontakte zur türkischen Grenzpolizei. "Die türkische Grenze war offen, wir hatten keinerlei Probleme. Wir haben nicht einen Soldaten gesehen. Auf der syrischen Seite erwartete uns jemand mit dem Namen Mihemed Tirkistanî." Abdullah Osman Ismet konnte später gegen eine Zahlung von 1.000 US-Dollar mit Hilfe eines Schmugglers aus Rakka fliehen und ergab sich den SDF.

In einem Interview mit der Nachrichtenagentur ANHA berichtet ein IS-Kämpfer aus Bahrain, der sich ebenfalls den SDF ergeben hatte, über die Zusammenarbeit zwischen dem IS und der Türkei. Auch er traf in der Türkei auf den Emir Ebû Elî Tirkistanî. Der junge Bahrainer Eyub Mihemed Mirbati wird am Flughafen in Istanbul in Empfang genommen und in das Heran Hotel gebracht. Dort traf er auf eine ganze Gruppe Gleichgesinnter.

Auch er berichtet über den problemlosen Grenzübertritt: "Nachdem wir das Hotel verlassen hatten, brachte ein Koordinator uns vor aller Augen in ein Haus in der Nähe der syrischen Grenze. Der Hausbesitzer arbeitete mit dem IS zusammen. Es gibt in der Türkei ein großes IS-Netzwerk und sie alle arbeiten, um den IS zu unterstützen. Es gab hier keine türkischen Soldaten oder Sicherheitskräfte. Frauen waren auch unter uns. Wir fuhren mit einem Auto nach Syrien und wurden in Syrien in der zu Gire Spi gehörigen Gemeinde Siluk in einem Gästehaus untergebracht. Unser Grenzübertritt war so, als wenn man von einem Zimmer ins andere geht."

Mirbati berichtet auch, dass die Türkei dem IS Sprengstoff zur Verfügung stellte: "Alle Materialien kamen aus der Türkei. Wir bauten Raketen, Mörser und Patronenvorrichtungen, Spezialläufe erhielten wir aus der Türkei. Materialen wie Pulver und TNT wurde uns aufgrund einer Vereinbarung mit der Türkei zur Verfügung gestellt. Es gab auch ein Abkommen zum Ölverkauf zwischen dem IS und der Türkei."

Der von den SDF verhaftete tunesische IS-Kämpfer Yasin Boxatim Osman berichtet, dass die Reisewege zum IS von Afrika über die Türkei nach Syrien führen. Unter der Kontrolle des MIT (türkischer Geheimdienst) würden Anwerbung, logistische und militärische Unterstützung des IS über die Türkei stattfinden, so Osman. Nach seiner IS-Ausbildung in Libyen sei er mit dem Flugzeug in die Türkei nach Istanbul gebracht worden.

Aufgrund einer Verletzung musste er in einem Krankenhaus behandelt werden. Aber alles sei gut organisiert gewesen, er sei direkt vom Flughafen mit dem Krankenwagen in das Medicana Krankenhaus gebracht worden. Nach seiner Genesung sei er nach Urfa gebracht und von dort über die Grenze gefahren worden - unter den Augen von türkischen Grenzsoldaten.

Osman berichtet, dass ihre Grundversorgung beim IS über den türkischen Grenzübergang Akçakale-Tell Abyad und den Karkamış-Cerablus Grenzübergang erfolgte. "Waffen, Kleidung, Ausrüstung und Nahrung wurden über diese Grenzübergänge transportiert." Auch das in den vom IS kontrollierten Gebieten geförderte Öl wurde nach seinen Angaben mit Tankfahrzeugen von Syrien in die Türkei gebracht.

Musheb Ebdilfetah Mihemed Sudan, ein IS-Kämpfer aus dem Sudan, ergab sich ebenfalls den SDF und berichtet über seine Arbeit als Ingenieur an den Euphrat-Staudämmen und über die Zusammenarbeit mit der Türkei bei Wasser und Elektrizität:

Meine Aufgabe waren Wasser und Strom. Als der IS die Kontrolle über die Euphrat-Staudämme errungen hatte, war der Wasserstand sehr niedrig … Dann unterschrieb der IS ein Abkommen mit der Türkei und der Wasserstand im Euphrat wurde erhöht. Das war für den IS sehr nützlich, denn Aufgrund dieses Abkommens konnte der IS die Wasser- und Stromprobleme in der Region lösen.

Musheb Ebdilfetah Mihemed Sudan

Er kam über den türkischen Grenzort Kilis nach Azaz, das zu diesem Zeitpunkt unter der Kontrolle des IS stand. Über seinen Grenzübertritt sagte er: "Eigentlich wusste ich gar nicht, dass ich in Syrien war, denn nach Azaz über die Grenze zu gehen, war ganz normal und einfach, wir wurden weder von türkischen Soldaten noch von türkischen Sicherheitskräften behindert und konnten vor ihren Augen völlig entspannt die Grenze passieren."

ANF berichtet von einem Abkommen zwischen verschiedenen islamistischen Gruppen und der Türkei zur Gründung eines "Nationalen Heeres". Oberstes Gründungsziel: die Bekämpfung der SDF. In dieses Heer sollen mit einer Zahlung von 5.000 Dollar "Aufwandsentschädigung", IS-Mitglieder in den Reihen der Gruppen Ehrar El Şerqiye und Şaidat aufgenommen werden.

Mittlerweile sollen sich 100 ehemalige IS-Kämpfer dem Euphrat-Schild angeschlossen haben. Das "Nationale Heer" wurde von der Türkei gegründet, um die in der Provinz Idlib und in der türkisch kontrollierten Region im Dreieck Azaz - Jarablus - Minbic befindlichen Gruppen der Freien Syrischen Armee (FSA) zusammenzubringen. Die Finanzierung übernehmen die Türkei und Katar.

Am 24. Oktober 2017 trafen sich die Führer der verschiedenen beteiligten Milizen, der Kommandeur der türkischen Spezialkräfte, MIT-Vertreter und die Gouverneure von Gaziantep und Kilis aus der Türkei. Auf dem Treffen wurde besprochen, die Grenzübergänge (Bab el-Havva und Karkamiş) für die Übergabe der Gelder für die Ausgaben des Nationalen Heers zu nutzen und das Heer in der Form von drei Kolonnen zu organisieren.

Zudem wurde die Einrichtung weiterer militärischer Ausbildungscamps in der Türkei in Ankara, Urfa, Antakya, Kilis und Mersin beschlossen. Erste Waffenlieferungen der Türkei gab es nach ANF-Angaben bereits: Artilleriegranaten, Panzer, Panzerfahrzeuge, BKC-Maschinengewehre, Flugabwehrraketen, Raketen, Wärmebildgeräte, Granatwerfer, wärmegelenkte Raketen - weitere Lieferungen werden in den nächsten Tagen erwartet.

Die Liste könnte noch beliebig weiter fortgeführt werden. Mittlerweile gibt es so viele Indizien, die auf eine Zusammenarbeit zwischen der Türkei und dem IS sowie zur al-Nusra hinweisen, dass man auch nicht mehr von Unwissenheit oder Gutgläubigkeit unserer Politiker sprechen kann, wenn sie behaupten, die Türkei kämpfe gegen den IS.

Eine Studie der amerikanischen Militärakademie besagt, dass 93 Prozent der IS-Kämpfer über die Türkei nach Syrien einreisten. Auch das ARD-Fernsehen berichtete über die Beziehungen des IS zur Türkei.

Die kurdische Zeitung Yeni Özgür Politika veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom Sonntag eine Liste von IS-Stützpunkten in der Türkei, eine Liste von türkischen Organisationen, die den IS direkt unterstützen, sowie von Krankenhäusern in der Türkei im Dienste des IS, darunter auch die Erdogans Ehefrau Emine gehörenden Krankenhäuser "Medical Park" und "Medical Park International".

Zurück zu den aktuellen Entwicklungen in Nordsyrien. Warum hat Erdogan es plötzlich so eilig, in Nordsyrien einzumarschieren? Ein Blick auf die USA liefert die Antwort: Im Tauziehen um künftige Einflussgebiete stellten die USA die Anerkennung der nordsyrischen Föderation in Aussicht:

Dies impliziert neben Waffenlieferungen auch Wiederaufbauhilfe. Das könnte das politische "Aus" für Erdogan bedeuten, denn innenpolitisch versucht er seine inflationsgebeutelte Wählerschaft mit vermeintlichen außenpolitischen Erfolgen bei der Stange zu halten. Würden er und die AKP ihre Wählerschaft und damit die Macht verlieren, würden Erdogan und seine Clique wegen der zahlreichen Verfassungsbrüche und kriminellen Machenschaften im Gefängnis landen.

Die von den USA angeführte internationale Koalition hatte Ende Dezember 2017 Gespräche mit der SDF über die Bildung einer multiethnischen "Armee des Norden Syriens" geführt. Diese Armee soll unter anderem auch die Grenze zur Türkei und zum Irak sichern. Dazu haben die USA militärische Instrukteure und US-Diplomaten in die Region geschickt. Dies scheint nun umgesetzt zu werden.

Die amerikanische Zeitung The Defense Post schrieb am vergangenen Sonntag, dass eine 30.000 Mitglieder starke Truppe, bestehend aus SDF-Veteranen als neue nordsyrische Grenztruppe, "Syrian Border Security Force" (BSF) genannt, unter der Leitung der SDF ausgebildet werden soll.

Russland scheint dies zu billigen, denn es gibt eine Absprache zwischen den USA und Russland, dass westlich des Euphrats Russland und nordöstlich die USA für die Gebiete der Nordsyrischen Föderation zuständig sind. Damit wären Erdogans Tage in Syrien gezählt.

In dieser Situation agieren seine Truppen immer aggressiver: In Rakka wurde vermutlich vom türkischen Geheimdienst MIT ein Attentat auf den kurdischen Leiter des US-gestützten Wiederaufbauprogramms für die Stadt verübt:

Der Türkei passt die Programm gar nicht ins Konzept. Wie ein hochrangiger türkischer Regierungsmitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters mitteilte, sei die Ausbildung der neuen Truppe durch die USA der Grund dafür gewesen, warum ein US-Geschäftsträger am Mittwoch in Ankara vorgeladen worden sei.

Am Samstag, den 13. Januar, griffen dann die türkische Armee und die Al-Qaida-Gruppe Heyet Tahrir El Şam (Jabhat al Nusra) von mehreren Punkten der türkischen Grenzprovinz Hatay aus mit Artillerie den Kanton Afrin an. Mehrere Dörfer und Agrarflächen waren davon betroffen.

Am Sonntag begann dann das türkische Militär, massiv Panzer an die Grenze zu Afrin zu verlegen und die Dörfer Ferferkê und Pira Heşrekiya in den Gebieten Raco und Qere Babat anzugreifen: Im westlich von Aleppo gelegenen Cebel El Şêx stationiert das türkische Militär schwere Waffen und Munition.

Laut regionaler Quellen gibt es eine Absprache zwischen dem türkischen Militär und der Proxytruppe Heyet Tahrir El-Şam (HTŞ), den Kanton Afrin vom Dorf Babisqa im Norden des Berges Barîşa, von Heyam im Südosten und von Darit Izê im Süden von drei Seiten aus anzugreifen.

Schon Tage zuvor hatte das türkische Militär in Vorbereitung eines Angriffs die selbst errichtete Grenzmauer an einigen Stellen geöffnet. Woher die Angriffspanzer stammen? Ein Schelm, wer Böses denkt….

Man muss hoffen, dass es Putin und die USA in letzter Sekunde schaffen, Erdogans Plan zu verhindern. Letztlich können weder Russland noch die syrische Assad-Regierung noch die USA eine Annektion Afrins durch die Türkei akzeptieren.

Und das könnte dann der berühmte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt und die ganze Region endgültig destabilisiert und dabei alle Akteure zu Handlungen zwingt, die sie nicht gewollt haben. Nicht auszuschließen, dass auch Deutschland davon betroffen sein wird.

Anzeige