Deutsche Soldaten vergewaltigen keine Frauen

Ein Musivideo von Joachim Witt erhitzt derzeit die Gemüter

Joachim Witt, der als Sänger mit dem Lied "Der goldene Reiter" in den 80er Jahren bekannt wurde, sorgt derzeit mit dem Video zu seiner neuen Single "Gloria" für Unruhe.

Das Musikvideo zeigt, wie Darsteller, die als Bundeswehrsoldaten verkleidet sind, eine Frau vergewaltigen. Die Bundeswehr, für die hier die Grenzen der künstlerischen Freiheit weit überschritten wurden, ist empört. Auch die Medien reagieren wie der Spiegel oder der stern gereizt.

Der Musiker kämpft derweil, nach eigenen Angaben, mit Morddrohungen, die gegen ihn ausgestoßen wurden, er fühlt sich, laut Bild-Zeitung, wie jemand, auf den "200.000 bissige Hunde" warten. Nun schaltet sich auch noch die Bundesregierung ein, die das Video auf den Index setzen möchte.

Screenhot aus dem Musikvideo

Joachim Witt darf derzeit die Erfahrung machen, was auf den gesellschaftlichen Schlachtfeldern Politik, Kunst und Medien erlaubt ist und was nicht. Und das alles nur, weil er in seinem Video zeigt, was jedem längst bekannt ist: Krieg ist grausam. Im Krieg gibt es viele Schuldige. Auch die Guten sind manchmal Böse. Eine simple Erkenntnis.

Doch mit dieser Botschaft hat Witt offensichtlich Teile der Bundeswehr zum Kochen gebracht. Die Vergewaltigungsszene erhitzt die Gemüter. Nun kann man das Video und den Sänger auf der Ebene des Geschmacks bewerten und sein Produkt ablehnen. Man kann aber auch vielleicht eingestehen, dass das Video eine gar nicht mal so schlechte Kritik am Krieg formuliert. Allerdings wäre es zu einfach, wenn man in den gezeigten Szenen eine grundsätzliche Kritik an der Bundeswehr oder an dem deutschen Soldaten ablesen möchte.

Die Soldaten, die hier als Unmenschen gezeigt werden, haben im Wesentlichen eine metonymische Funktion. Die gezeigten Soldaten sind ein Wirklichkeitselement, das Bestandteil des Krieges ist, aber weiter gefasst versinnbildlichen sie auf künstlerischer Ebene durch das Mittel der visuellen Gestaltung das Grauen und die sich in jedem Krieg auf ihre eigene perverse Art unweigerlich vollziehende Entmenschlichung der Kriegsteilnehmer.

Opfer und Täter

Das Musikvideo thematisiert auch implizit die schwierige Frage, wer Opfer, wer Täter im Krieg ist. Vor dem Gebäudekomplex, indem die Frau vergewaltigt wird, liegt, wie es aussieht, auch ein deutscher Soldat, tot, womöglich erschossen. Warum musste er sterben? Wer weiß in einem Krieg noch, wenn der Krieg nur erst mal eine Weile andauert, wer Opfer, wer Täter ist.

Die Grenzen verschwimmen, nicht nur zwischen Gut und Böse, sondern auch zwischen den Wirklichkeiten. In dem Video gibt es eine Reihe von stark mystisch aufgeladenen Szenen, in denen sich die Wirklichkeit mit einer Fantasiewelt vermischt und die auch ein Hinweis darauf sind, dass der einzige Ausweg für die Geschundenen des Krieges in einer Realitätsflucht, in einer Flucht in eine andere Wirklichkeitsebene besteht.

Man könnte hier auch das Thema Posttraumatische Belastungen ansprechen, unter denen viele Afghanistan-Heimkehrer leiden. Doch einige Verantwortliche der Bundeswehr scheinen die künstlerischen Zusammenhänge nicht zu erkennen.

Witt, und davon ist bisher leider kein Wort in der Diskussion zu lesen, betreibt hier alles andere als ein primitives und eindimensionales Soldaten-Bashing. Im Gegenteil: Zur These, dass Soldaten auch Verbrechen begehen, zeigt er mit sehr viel Mühe auch die Anti-These auf.

Die Soldaten in dem Video sind eben nicht alle Verbrecher. Der namenlose Soldat, der sich in einen Engel verwandelt, hat Herz, großes Herz. Er dürfte für viele, wenn nicht sogar für die Mehrheit der Soldaten stehen, die sich inmitten des Schlachtfeldes, inmitten der Zerstörung, inmitten des Leids, das sie plötzlich um sich sehen, nachdem der Lärm des Krieges verstummt ist, fragen: Was soll das eigentlich? Was mache ich hier?

Das Leid und der seelische Schmerz, den der gezeigte Soldat beim Anblick des getöteten Mädchens erfährt, ist so groß, dass der Schmerz nur noch durch eine Metamorphose, durch eine Verwandlung in ein "höheres Wesen", das über Flügel verfügt, die es ihm erlauben, rasend schnell in den Himmel empor zu steigen, um das unfassbare Grauen hinter sich zu lassen, bewältigt werden kann. Die Ärzte des Bundeswehrkrankenhauses in Berlin, die sich mit Posttraumatischen Belastungsstörungen auskennen, könnten sicher auch etwas zum Thema "Realitätsflucht" erzählen.

Der Wehrbeauftrage des Deutschen Bundestages, Hellmut Königshaus, sagte gegenüber der Berliner Zeitung (BZ): "Beim nächsten Mal sollten die Macher erst das Hirn einschalten, bevor sie ein Video mit solchen Szenen veröffentlichen."

Vielleicht sollte man sich aber auch einfach mal fragen, ob in Anbetracht des unermesslichen Leids, das Soldaten aller kriegsführenden Nationen bisher unter die Menschen gebracht haben, nicht auch im Rahmen einer freien künstlerischen Auseinandersetzung das Thema Vergewaltigung von Frauen durch eigene Soldaten dargestellt werden darf.

Dass Witt ausgerechnet deutsche Soldaten als Täter zeigt, dürfte dazu gedient haben, um das Thema zuzuspitzen und, was sicherlich auch möglich sein kann, die Verkaufszahlen anzukurbeln. Bei Lichte betrachtet hätten die Soldaten aber von jedem anderen Land sein können. Genauso gut könnten sie eine Fantasie-Uniform tragen. Doch die Tatsache, dass die Darsteller des Videos gerade deutsche Soldaten spielen, konfrontiert den Zuschauer mit etwas sehr Unangenehmen: Nun sind die "Täter" also plötzlich in unserer "Mitte". Der "brave Sohn", der "nette Schwiegersohn", der "hilfsbereite junge Nachbar", die allesamt eben doch noch "anständige Soldaten" waren, sollen nun Verbrecher sein können?

An dieser Stelle muss die Frage aufgeworfen werden: Worüber regen wir uns auf?

Ist es tatsächlich die angeprangerte Unverschämtheit, dass "der gute deutsche Soldat" als Vergewaltiger dargestellt wird? Oder ist es nicht viel mehr das Eingeständnis, irgendwo tief im Innern, dass auch bei einem Krieg, in dem "wir" die "Guten" sind, unsere "Guten" auch Böses tun könnten - zumindest theoretisch?

Eine Bundeswehr, eine Gesellschaft, aber vor allem auch Medien, die sich dieser Debatte nicht stellen, befindet sich auf keinem guten Weg. Erinnert sei auch an diese Zeilen aus dem Jahr 2006:

Berlin. Die Bundeswehr steht vor einem ihrer größten Skandale: Deutsche Soldaten haben in Afghanistan mit teilweise öbszönen Gesten vor der Kamera mit einem Totenschädel posiert. Das zeigen Fotos, die der "Bild"-Zeitung zugespielt wurden. Darauf ist unter anderem ein deutscher Soldat zu sehen, der einen Totenschädel auf eine Stahlstrebe eines Militär-Geländewagens spießt. Auf einem anderen Foto hält ein Soldat sein entblößtes Glied an den Totenkopf. Die Aufnahmen sollen im Frühjahr 2003 bei einer Patrouillenfahrt nahe Kabul entstanden sein.

Abendblatt

(Marcus Klöckner)