Deutschen ist soziale Ungleichheit zu groß

Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung geht der Frage nach, welchen Wohlfahrtsstaat die Bürger sich wünschen

Es ist eine Zahl die aufhorchen lässt: 82 Prozent der Deutschen gehen davon aus, dass die soziale Ungleicheit in ihrem Land zu groß ist. Das belegt eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). Unter dem Titel "Wachsende Ungleichheit als Gefahr für nachhaltiges Wachstum - Wie die Bevölkerung über soziale Unterschiede denkt", setzt sich die FES mit den sozialen Verwerfungen in Deutschland auseinander.

Die Autoren der Studie, Steffen Mau (Professor für Makrosoziologie an der Berliner Humboldt-Universität) und Jan-Ocko Heuer (Postdoc am Lehrbereich Makrosoziologie an der Berliner Humboldt-Universität), wollten mit Hilfe einer repräsentativen Umfrage von den Bürgern des Landes wissen, "welchen Wohlfahrtsstaat sie sich wünschen, wie gut sie sich abgesichert fühlen und wo sie besonderen Handlungsbedarf sehen", wie es im Vorwort zur Studie heißt.

Heraus kam dabei: Die Deutschen gehen davon aus, dass die soziale Ungleichheit weitreichende Folgen haben und Probleme für die wirtschaftliche Entwicklung mit sich bringen wird. Konsequenterweise wünscht sich ein Großteil der Bevölkerung demnach ein Gegensteuern vonseiten der Politik, um die Ungleichheit zu verringern.

Laut der Studie stimmten der Aussage "die soziale Ungleichheit in Deutschland ist mittlerweile zu groß" 49 Prozent der Befragten "voll und ganz" zu, 33 Prozent stimmten "eher zu".

Interessant ist an der Studie, dass es im Hinblick auf die Einschätzung der sozialen Ungleichheit kaum Unterschiede zwischen Gering- und Besserverdienern gibt. 84 Prozent der Befragten, die ein Einkommen unter 1000 Euro beziehen, meinen, dass die soziale Ungleichheit in Deutschland zu groß ist. Auch in den Einkommensgruppe zwischen 1000 bis 4000 Euro erkennen 86 beziehungsweise 82 Prozent der Deutschen ein Ungleichheitsgefälle.

Selbst bei den Gutverdienern, die über ein monatliches Nettoeinkommen von über 4000 Euro verfügen, sind es 76 Prozent, die ebenfalls eine große soziale Ungleichheit in Deutschland sehen.

Doch was könnte unternommen werden, um der sozialen Ungleichheit entgegenzuwirken? Auch dieser Frage sind die Autoren der Studie nachgegangen.

83 Prozent der Deutschen gehen davon aus, dass die unteren und mittleren Einkommen steuerlich entlastet werden sollten. Gleichzeitig halten 76 Prozent der Befragten höhere Steuern für Privatpersonen mit hohem Einkommen oder großen Vermögen für sinnvoll. Darüber hinaus befürworten die Deutschen eine stärkere Anhebung der Löhne und Gehälter sowie eine Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns auf über 8,50 Euro.

Mau und Heuer betonen in ihrer Studie, dass die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen in Deutschland in den vergangenen Jahren stark zugenommen habe. Die Ergebnisse der Umfrage sehen die beide als eine Reaktion auf diese Entwicklung. Zugleich verweisen die Wissenschaftler darauf, dass bei vergleichbar ausgerichteten Umfragen in den 90er und 2000er Jahren die Bevölkerung ebenfalls auf soziale Ungleichheit aufmerksam machte und die Ergebnisse sehr ähnlich ausfielen.

Die Macher der Studie schlussfolgern aus dieser "relativen Konstanz der Ungleichheitswahrnehmung", dass größere soziale Ungleichheit nicht auch zu einer verstärkten Kritik an ihr führen muss.

Anmerkung: Der Vergleich in Sachen Ungleichheitswahrnehmung über die letzten 25 Jahre hebt hervor, dass es eine Gruppe von etwa 15 Prozent in der Bevölkerung gibt, die auch bei einer zunehmenden sozialen Ungleichheit eine solche nicht erkennen will. Hier wäre es interessant zu erfahren, warum diese Bürger nicht von einer sozialen Ungleichheit in Deutschland ausgehen, aber auch welche jeweiligen sozialen Hintergründe diese Gruppe aufweist.

Dass auf der anderen Seite ein großer Teil der Bürger seit über zwei Dekaden auf eine hohe soziale Ungleichheit hinweist, verdeutlicht, dass weite Teile der Bevölkerung offensichtlich seit langer Zeit die soziale Spaltung der Gesellschaft erkennen. Diese Erkenntnis ist vernichtend für die Politik, da es ihr in dieser langen Zeit offensichtlich nicht gelungen ist, die soziale Ungleichheit zu verkleinern. (Marcus Klöckner)

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