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Deutscher Hochschulverband kritisiert "Erosion der Debatten- und Streitkultur an Universitäten"

Die South-Park-Episode Safe Space kann man sich hier ansehen. Screenshot mit freundlicher Genehmigung von Comedy Central.

Präsident Kempen warnt, dass sich "der Anspruch von Toleranz und Offenheit in das Gegenteil verkehrt"

Der Deutsche Hochschulverband (DHV) [1] hat sich in die Debatte [2] um den von Politstalkern verfolgten Osteuropa-Historiker und Gewaltforscher Jörg Baberowski eingeschaltet und eine "Erosion der Debatten- und Streitkultur an Universitäten" kritisiert. Eine Studentengruppe in Bremen hatte sogar einen Vortrag des Merkel-Kritikers verhindert, und dabei einem im März gefällten Urteil des Landgerichts Köln nach "Äußerungen [...] aus dem Zusammenhang gerissen und damit sinnentstellend wiedergegeben", um ihn als "Hetzer" und "Rassisten" darzustellen - Zuschreibungen, die der Einwanderungsskeptiker weit von sich weist (Aktenzeichen 28 O 324/16).

DHV-Präsident Bernhard Kempen nach müssen die Universitäten nicht nur "Ort[e] des freien und offenen Meinungsaustausches bleiben", sondern auch "dafür sorgen, dass jedermann - unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft, einer Partei, eines Verbandes oder Vereins - seine Forschungsergebnisse, Thesen, Argumente und Ansichten ohne Angst zur Diskussion stellen kann". Das Grundgesetz bindet seinen Worten nach "die Freiheit von Forschung und Lehre allein an die Treue zur Verfassung" und schließt "darüber hinausgehende Denk- oder Sprechverbote […] ausdrücklich aus".

Von "berechtigten Anliegen" zum "Tugendterror"

Gefährdet ist der offene Meinungsaustausch Kempen zufolge durch ein "Meinungsklima", in dem sich "der Anspruch von Toleranz und Offenheit in das Gegenteil verkehrt" hat. Anliegen wie ein "verantwortungsvoller Sprachgebrauch" und ein "sensibler Umgang mit Minderheiten" sind seiner Ansicht nach "berechtigt", dürfen aber nicht zu einem "Tugendterror" werden, in dem "abweichende wissenschaftliche Meinungen Gefahr laufen, als unmoralisch stigmatisiert zu werden". Das führe nämlich zu "Feigheit und Anbiederung" anstatt zu "Aufbruch und Neugier", weil "jede konstruktive Auseinandersetzung […] bereits im Keim erstickt" werde.

"Geistige oder ideologische Komfortzonen, in denen Studierende vor unbequemen Inhalten behütet werden", kann es Kempen zufolge an Universitäten "nicht geben", weil "kritisches Denken", das dort "gelehrt und eingeübt wird, […] die Fähigkeit zur Selbstkritik" voraussetzt: "Wer eine Universität betritt", so der DVH-Präsident, "muss bereit sein, mit Vorstellungen konfrontiert zu werden, die dem persönlichen Weltbild zuwiderlaufen, und in der Lage sein, sich mit ihnen sachlich auseinanderzusetzen".

Neue Qualität

Dass Wissenschaftler inzwischen auch in Deutschland an Vorträgen gehindert werden, ist für Kempen ein "alarmierendes Anzeichen" für eine Entwicklung, die zu einer Situation wie in den USA [3] führen könne, wo SJW-Gruppen die Zensur von Lehrinhalten fordern, die bei Studenten unangenehme Assoziationen "triggern" könnten (inhaltlich hat sich auf Telepolis Bettina Hammer in einem Dreiteiler mit diesem Phänomen ausführlich auseinandergesetzt - vgl. Der Irrweg der "Safe Spaces") [4]. Die dortige Situation [5] zeigt, dass das Phänomen nicht mehr das selbe ist, wie die "Politische Korrektheit" in den 1990er Jahren:

Eine extreme Zunahme der Quantität führte in eine neue Qualität, was heute teilweise dadurch ausgedrückt wird, dass das neue Phänomen nicht mehr mit dem gleichen Namen wie das alte bezeichnet, sondern Intersektionalismus [6] genannt wird. Das "Virtue Signalling" von "Intersektionalisten" und anderen Subkulturen an US-Universitäten, bei dem immer wieder die gleichen Slogans wiederholt werden, zeigt, dass man hier keine Diskussionen und Argumente sucht, sondern dass es vielmehr um eine unreflektierte Selbstvergewisserung in einer Art religiösem Ritual geht, mit dem man sich die eigene Reinheit bestätigt, die durch fremde Meinungen befleckt würde.

Aus Lehrmoden entstanden

Das geistige Rüstzeug für diese neue Religion stammt auch aus den Lehrmoden bestimmter Disziplinen, wie es eine Karikatur [7] auf den Punkt bringt, in der ein Professor angesichts von Schildern mit Aufschriften wie "Free Speech is Mean" fragt: "How did this Political Correctness get so far out of hand?" - und ein Kollege ihm antwortet: "Who knows? I have to teach my course on 'Intro to Theoretical Contemporary Victimization in Relation to Microagressive White Privileged Anglo-European Imperialistic Western Culture'" (vgl. Angebliche "Mikroaggressionen" [8]).

In ihrer vulgarisierten Extremform führten diese Moden zu Vorstellungen, wie sie am 17. April eine Studentengruppe in einem Brief an das Pomona College [9] zum Ausdruck brachte: Dort heißt es unter anderem, Objektivität und die Suche nach Wahrheit dienten vor allem der Marginalisierung - und die Redefreiheit sei ein "Herrschaftswerkzeug". Logische Widersprüche werden in solchen Ideologien häufig nicht mehr wahrgenommen, weshalb solche "Aktivisten" eigene Gewaltausübung damit zu rechtfertigen versuchen, dass diese als "freie Meinungsäußerung" legal sein müsse [10].

Warum das Phänomen bislang gegen seine Erforschung resistent war

Eigentlich wären solche Entwicklungen eine hochinteressantes Forschungsfeld für Soziologen. Dass sie bislang trotzdem kaum erforscht werden, dürfte daran liegen, dass sich Akademiker damit potenziell auf karrieretechnisch vermintes Gelände begeben: Wenn bei ihren Forschungen nicht das herauskommt, was auch bei den Kollegen gut ankommt (oder wenn die Ergebnisse gar an Tabus rütteln), dann haben sie möglicherweise nicht nur jahrelang umsonst gearbeitet, sondern auch weniger Chancen auf Stellen und Stipendien. Ändern würde sich das nur, wenn sich das Meinungsklima wieder wandelt.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-3687599

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.hochschulverband.de/pressemitteilung.html?&no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=265&cHash=464dba123269f7fad520d316c1a5d58a#_
[2] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/der-diffamierte-joerg-baberowski-erhaelt-beistand-14960798.html
[3] https://mobile.twitter.com/PrisonPlanet/status/854336697114312704/video/1
[4] https://www.heise.de/tp/features/Der-Irrweg-der-Safe-Spaces-3303687.html
[5] https://www.heise.de/tp/features/Freies-Denken-adieu-3304663.html
[6] http://nymag.com/daily/intelligencer/2017/03/is-intersectionality-a-religion.html
[7] https://mobile.twitter.com/YeyoZa/status/854215368562417664/photo/1
[8] https://www.heise.de/tp/features/Angebliche-Mikroaggressionen-3303678.html
[9] https://docs.google.com/document/d/1_y6NmxoIBLcZJxYkN9V1YfaPYzVSMKCA17PgBzz10wk/edit
[10] https://twitter.com/primalpoly/status/853402884003643392