Deutschland: Arbeit schützt nicht vor Armut

Studie: Von 2004 bis 2014 hat sich die Erwerbsarmut in Deutschland verdoppelt. Der Anstieg fiel hierzulande größer aus als in anderen EU-Ländern

Wenn das Einkommen aus Erwerbstätigkeiten nicht reicht, um sein eigenes Leben, oder in vielen Fällen auch das der Familie, gesichert unterhalten zu können, so hat man in den USA dafür den anschaulichen Begriff der "working poor" gefunden. Hier spricht man etwas trockener und amtlicher von "Erwerbsarmut". Das Schlagwort funkt hinein in den Wahlkampf.

Die Union hat das Versprechen auf "Vollbeschäftigung" als Zugpferd ihrer Kampagne gewählt in Konkurrenz zur "sozialen Gerechtigkeit", welche die SPD als Ziel plakatiert. In diesen Wettbewerb hinein trifft eine heute veröffentlichte Studie, deren Pressemitteilung mit "Arm trotz Arbeit" überschrieben ist. Die Studie kommt vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, die vom DGB gegründet wurde.

Aus der 20-seitigen Studie geht als beachtliches Phänomen hervor, dass die Erwerbsarmutsrate in keinem anderen der 17 EU-Länder, die zum Vergleich herangezogen wurden, so stark gewachsen ist wie in Deutschland. Der Zeitraum ist allerdings beschränkt auf die Jahre von 2004 bis 2014. Aktuellere Zahlen gab das verwendete Datenmaterial1 nicht her.

In Deutschland habe sich die Erwerbsarmutsrate zwischen 2004 und 2014 verdoppelt, stellt die Studie als Ergebnis heraus. Man kann demnach beobachten, dass die Zahl der Beschäftigten bis heute zwar beständig zunimmt, zugleich aber steigt auch der Anteil der Beschäftigten, die unter die Schwelle der "Armutsgefährdung" fallen. Zumindest bis 2014 liefert die Studie Zahlen als Beleg.

Zum Hintergrund: Als "erwerbsarm" gilt in der EU, wer im Jahr mehr als sechs Monate erwerbstätig ist und in einem Haushalt lebt, der mit weniger als als "60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens" der Bevölkerung auskommen muss. Für einen Einpersonenhaushalt wird der Schwellenwert von der Studie derzeit mit 11.800 Euro netto im Jahr angegeben, was monatlich 983 Euro entspricht. Bei einem Vierpersonenhaushalt mit zwei Kindern unter 14 Jahren liegt die Armutsschwelle bei 24.800 Euro im Jahr bzw. 2.067 Euro monatlich.

Für frühere Jahre wurden die jeweils gültigen, von den heutigen differierenden Schwellengrößen angelegt. In absoluten Zahlen zeigt sich folgende Entwicklung: 2004 fielen in Deutschland knapp 1,9 Millionen Erwerbstätige unter die Schwelle der Armutsgefährdung; 2014 waren es 4,1 Millionen.

In Prozenten: Der Anteil der 18- bis 64-jährigen Erwerbstätigen, deren Einkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle lag, wurde 2004 noch mit 4,8 Prozent beziffert. Zehn Jahre später wird er von der Studie mit 9,6 Prozent angegeben. Gleichzeitig, so stellt die Studie fest, sei die Beschäftigungsrate im Vergleich mit anderen europäischen Ländern am stärksten angestiegen. Daraus ziehen die Studienverfasser den Schluss:

Wäre Arbeit tatsächlich das beste Mittel gegen Armut, dann dürfte logischerweise der Anteil der von Erwerbsarmut betroffenen Beschäftigten zumindest nicht ansteigen, wenn es ein signifikantes Beschäftigungswachstum gibt.

Studie Aktivierungspolitik und Erwerbsarmut

Für sich genommen entsprach der Anteil von 9,6 Prozent Erwerbsarmer im Jahr 2014 genau dem Durchschnitt der EU-Länder. Den höchsten Anteil hatte damals übrigens Rumänien mit 18,6 Prozent, gefolgt von Griechenland mit 13,4 Prozent und Spanien mit 13,2 Prozent. Die geringsten Anteile hatten Finnland und die Tschechische Republik, die knapp unter 4 Prozent oder bei 4 Prozent lagen.

Frappierend ist der Anstieg des Anteils in Deutschland den Jahren von 2004 bis 2014, den kein anderes EU-Land in diesem Zeitraum verzeichnete. Ganz offensichtlich ist der Zusammenhang mit den Reformen der Arbeitslosen- und Sozialversicherung. Der Spiegel steuert dazu noch eine weitere Kennzahl bei, wonach die Armutsgefährdung von Arbeitslosen nach Angaben des Statistischen Bundesamts 2014 bei 69,1 Prozent lag, während sie 2004 noch mit 43 Prozent angegeben wurde.

Die Gründe für den Anstieg der Erwerbsarmen bei gleichzeitigem Anstieg der Beschäftigung sind bekannt. Die Studie der Gewerkschaftsstiftung nennt den Ausbau des Niedriglohnsektors durch Deregulierungen des Arbeitsmarktes und die Zunahme von atypischer Beschäftigung.

Bemerkenswert ist, dass sich eine Forderung, die im Zentrum des Forschungsinteresses der Studie steht, als nicht gerade konstruktiver Faktor herausgestellt hat, nämlich der Druck auf Arbeitslose, angebotene Stellen anzunehmen.

Diese Forderung ist auch im benachbarten Frankreich Teil der Arbeitsmarktreform. Geht es nach den Erkenntnissen der vorliegenden Studie, die sich mit Wirkungen der "Aktivierungspolitik" (Fordern und Fördern) beschäftigt, so erhöht sich mit diesem Druck das Risiko, dass Beschäftigte in armutsgefährdende Erwerbsverhältnisse geraten. Als erfolgreicher haben sich laut Studie "Weiterbildungsmaßnahmen" herausgestellt.

Im Gegensatz zu niedrigen Lohnersatz- und Sozialleistungen sowie strengen Auflagen für den Bezug von Transferleistungen, die zu höherer Erwerbsarmut führen, wirken sich demnach hohe Ausgaben für aktive Arbeitsmarktmaßnahmen wie Aus- und Weiterbildung positiv aus.

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