Deutschland: "Gespaltenes Verhältnis zum Christentum"

Die Bergpredigt, Fresko von Fra Angelico (1437–1445). Bild: Wikipedia/ gemeinfrei

Allensbach findet heraus, dass sich das Christentum aus dem Leben der zur Hälfte wundergläubigen Deutschen verabschiedet, aber als "prägende Wurzel" gegenüber Zuwanderern auflebt

In Westdeutschland glauben mehr Menschen an Engel und Wunder. Seit 1986 hat der Glaube an Wunder deutlich zugelegt, wie Allensbach berichtet.

Als man 1986 zum ersten Mal nach dem Glauben an Wunder fragte, wurde genau ein Drittel (33 Prozent) mit einer positiven Antwort notiert. Im Winter 2017 ist es mit 51 Prozent ungefähr die Hälfte. An die Existenz von Engeln glauben gegenwärtig 30 Prozent. Vor drei Jahrzehnten waren es 22 Prozent.

So wundert es dann auch wenig, dass nicht ganz die Hälfte der Westdeutschen laut der aktuellen Umfrage glauben, dass es "irgendeine überirdische Macht" gebe. Präzise sind es 48 Prozent, 1986 waren es 49 Prozent. Halb Westdeutschland glaubt demnach seit Beginn der Allensbach-Umfrage konstant an "irgendeine überirdische Macht".

Im Gegensatz zur unentgeltlich einsehbaren Kurzform der Umfrageergebnisse steht in der ausführlicheren, kostenpflichtigen Langfassung das Wort "irgendeine" vor der überirdischen Macht, was den Glauben an sie irgendwie noch unheimlicher macht.

Ohnehin ist die Lektüre des Allenbach-Berichts von Irritationen geprägt. Weil nicht klar hervorgeht, wann nur Westdeutschen befragt wurden oder auch die Ostdeutschen; zweitens, weil der Unterschied zwischen Kirche und Christentum nicht trennscharf getroffen wird und drittens, weil die Fragestellung bei einer überraschenden Erkenntnis zur neuen Konkurrenz der christlichen Region etwas dürftig erscheint.

In der Überschrift ist von "Deutschen" die Rede. "Deutsche Fragen - Deutsche Antworten" heißt es in der obersten Zeile. Darunter folgt der Satz: "Eine wachsende Zahl der Deutschen meint, dass das Land stark durch christliche Werte geprägt sei". Im Bericht gibt es dann auch erstmal Zahlen aus ganz Deutschland. Sie zeigen eine klare Entwicklungslinie an, die eingetragene Kirchenmitglieder betrifft:

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten mehr als 90 Prozent der Deutschen in Ost und West einer der beiden großen christlichen Konfessionen an. Nach der Wiedervereinigung waren es noch rund 72 Prozent, wobei in den neuen Bundesländern die Christen bereits damals mit einem Anteil von weniger als 40 Prozent in die Minderheit geraten waren. Heute gehören noch rund 55 Prozent der Deutschen der evangelischen oder katholischen Kirche an.

Thomas Petersen, Institut für Demoskopie Allensbach

Später ist aber bei Ergebnissen wie dem oben genannten Wunderglauben nur mehr von Westdeutschen die Rede. Zu erklären ist dies damit, dass Thomas Petersen einen Vergleich zu 1986 herstellen will, als Allensbach schon einmal ganz ähnliche oder gleiche Fragen gestellt hat und damals wegen der Teilung Deutschlands nur Bewohner der BRD befragen konnte. Das ist offensichtlich und verständlich.

Aber im Text des Meinungsforschers, der die Zahlen aus offensichtlich mehreren Umfragen nicht genau aufschlüsselt, sondern nur kurz vorstellt und dann interpretiert, wird nicht immer klar, wer jeweils genau befragt wurde, die Westdeutschen oder alle Deutschen.

Es gibt aber große Unterschiede, wenn es um die Einstellung zur Kirche und zu Konfessionen geht, wie schon das oben genannte Zitat andeutet. So hat der Leser immer wieder mit der Irritation zu tun, wer die Befragten zu den Befunden genau sind.

Die große zentrale Überschrift lautet: "Der lange Abschied vom Christentum". Nun kann man annehmen, dass sich viele Bürger in Ostdeutschland schon länger vom "Christentum" oder aus den katholischen und evangelischen Glaubensgemeinschaften verabschiedet haben. Allerdings bringt Thomas Peterson eine interessante These ins Spiel.

Sie wertet der Abwanderung aus den Kirchen zum Trotz das Ansehen des Christentum wieder auf - und genau an dieser Stelle hätte man gerne gewusst, ob das Ost- und Westdeutsche gleichermaßen so sehen.

Auf die Frage "Was würden Sie sagen, wie sehr ist Deutschland durch das Christentum und christliche Werte geprägt?" antworten heute 63 Prozent, ihrer Ansicht nach sei diese Prägung sehr stark oder stark. 2012 hatten nur 48 Prozent diese Antwort gegeben. Die Annahme legt nahe, dass die Einwanderung der vergangenen Jahre das Bewusstsein der Deutschen für die christlichen Wurzeln ihrer Kultur geschärft hat.

Thomas Petersen, Institut für Demoskopie Allensbach

Die Formulierung lässt darauf schließen, dass es sich hier um eine Umfrage handelt, die West- wie Ostdeutschland umfasst. Interessant wäre die Aufschlüsselung gewesen, inwieweit sich die Rückbesinnung auf christliche Werte im "säkularisierten" Ostdeutschland durch die Migrations- und Islamdebatten verändert hat: Welche christlichen Prägungen und welche christliche Kultur nun konkret im Aufwind sind. Händeschütteln mit frommen Friedenswünschen? Die Begeisterung für Kirchenmalerei? Kirchenlieder?

Es geht um christliche Symbole in der Öffentlichkeit, erklärt Peterson. Gemeint sind wohl vor allem Streitfälle wie in Lüneburg über Weihnachtsfeiern an Schulen, ob diese nun verpflichtend oder freiwillig sein sollen und dazu Fragen zur Sensibilität bei Namensgebungen und Formulierungen, also eher "besinnliches Zusammensein" statt "Weihnachtsfeier".

Interessant im größeren Kontext einer kritischen Selbstreflexion wäre es zu vergleichen, wie solche Empfindlichkeiten in muslimischen Ländern geregelt werden: Nämlich in aller Regel bei weitem nicht so entgegenkommend.

In Deutschland sind es nun 56 Prozent, die der Auffassung sind, dass es besser wäre christliche Traditionen und Symbole in der Öffentlichkeit zu zeigen. 28 Prozent sind dagegen. Da hier keine Umfragewerte von 1986 zum Vergleich vorgestellt werden, kann man davon ausgehen, dass es sich um gesamtdeutsche Zahlen handelt.

Ganz deutlich wird der "Zuspruch für die christliche Kultur", wenn es um Feiertage geht: "Die Idee, einen christlichen Feiertag zu streichen und stattdessen einen islamischen Feiertag einzuführen, wird von der Bevölkerung sogar fast einhellig mit 85 zu vier Prozent abgelehnt", so Petersen, der daraus folgert:

Der christliche Glaube erodiert, doch das Gefühl der Zugehörigkeit zur christlichen Kulturtradition ist nach wie vor stark.

Thomas Petersen, Institut für Demoskopie Allensbach

Die Phänomene der Erosion sind nicht neu. Peterson führt dazu vieles auf, vom Verschwinden des Tischgebets ("Ganz langsam, schleichend, werden die christlichen Sitten im Alltag aufgegeben") bis zu den Antworten auf Fragen zu den "Kernbeständen des Christentums", die offensichtlich nur Westdeutschen gestellt wurden, um den Vergleich zu 1986 zu haben. Ein Auszug:

1986, als die Frage erstmals gestellt wurde, sagten 56 Prozent der Befragten in der alten Bundesrepublik, sie glaubten daran, dass Jesus Christus der Sohn Gottes sei, heute geben noch 41 Prozent der Westdeutschen diese Antwort. Bei der Aussage "dass Gott die Welt geschaffen hat" ist ein Rückgang von 47 auf 33 Prozent zu verzeichnen.

Thomas Petersen, Institut für Demoskopie Allensbach

Auch an die Dreifaltigkeit glauben nun 14 Prozent weniger - immerhin ist die anspruchsvolle Gotteskonzeption noch für ein Viertel (der Westdeutschen), genau 25 Prozent, Glaubensinhalt.

Ob an all diesem tatsächlich ein "langer Abschied vom Christentum" abzulesen ist, ist kein unstrittiges Fazit.

Man müsste genauer trennen zwischen der deutlich nachlassenden Relevanz der Kirchen, wie sie auch von Kirchenmitgliedern eingestanden wird, und bestimmten christlichen "Wiederauferstehungserscheinungen", wie sie etwa der französische Schriftsteller Houellebecq bei den französischen Katholiken herausstellt, die sich in öffentlichen Debatten etwa zur "Ehe für alle" im Nachbarland sehr deutlich bemerkbar gemacht haben.

Die Zahl der Katholiken werde zunehmen, sagte Houellebecq in einem Spiegel-Interview im Oktober voraus: "Tatsache ist, dass gläubige Katholiken mehr Kinder in die Welt setzen. Und sie vermitteln den Kindern ihre Werte."

Nun ist der französische Schriftsteller zwar ein Leser von Soziologen, aber selbst kein Soziologe, der empirisch vorgeht. Seine Voraussage ist nicht wissenschaftlich begründet. Aber es könnte vielleicht auch so kommen. Der Abschied vom Christentum wird von Allensbach vielleicht etwas voreilig verkündet aufgrund von Schlüssen, die in ihrer Aussagekraft für die Zukunft nicht unbedingt so viel verlässlicher sind als die Beobachtungen Houllebecqs in Frankreich.

Es sei kleinmütig, allein schon leere Kirchen für den Untergang des Christentums zu halten, schreibt Jörg Lauster in seiner Kulturgeschichte des Christentums: "Das hieße, das Christentum kleiner zu machen, als es ist. Das Christentum ist mehr als ein Dogma, und es ist auch mehr als die Institutionen, die es hervorgebracht hat."

Wie haltbar die großdimensionierte Erkenntnis aus Allensbach vom Abschied des Christentums ist, dass es "gleichsam von innen ausgehöhlt wird", muss sich erst noch zeigen. Etwas Vorsicht ist angebracht. Wie sich auch an der Frage nach dem Wettbewerber auf dem "Markt um emotionalen Halt" zeigt.

Da stellt sich nämlich etwas überraschend heraus, dass der größte Konkurrent die Ökologiebewegung ist. Warum? Weil nur 50 Prozent der Befragten im Dezember 2017 christliche Werte als "sehr wichtig oder wichtig" angaben, aber 74 Prozent "Nachhaltigkeit" für "wichtig" oder "sehr wichtig" halten. Auch unter den befragten Protestanten und den Katholiken gab es höhere Zustimmungswerte für "Nachhaltigkeit".

Für Thomas Petersen kommt dies einem religiösen Bekenntnis sehr nahe, da sich in der Ökologiebewegung religiöse Elemente zeigen: der "Veggie Day" als Essvorschrift, der Satz "Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch" als Endzeiterwartung, der Satz "Die Natur schlägt zurück" als quasi-himmlische Strafe. Dazu nennt er "Abgaben für Flugreisende, um sich 'CO2-neutral' zu machen" als moderne Form des Ablasshandels.

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