Deutschland/Israel/Palästina

Der Israel-Palästina-Konflikt ist wie eine tödliche und, wie viele erklären, unheilbare Krankheit, welche die Menschen - speziell die in Israel und Palästina - körperlich wie innerlich zerreißt und ihnen die Menschlichkeit raubt.

  1. Was genau macht diese Krankheit aus? Worauf geht sie zurück?
  2. Woran liegt es, dass bisher alle regionalen und internationalen Therapieversuche versagt haben?
  3. Gibt es aus dem Dilemma, wonach sich für Gewalt und Terror starke Gründe auf beiden Seiten finden lassen, wirklich keinen Ausweg?
  4. Ist es richtig, dass sich Sicherheit und Frieden nur durch Interventionen Dritter garantieren lassen?
  5. Wäre intervenieren gar moralisch eine Pflicht? Und wenn ja, mit welchen Mitteln?
  6. Und für wen gilt diese Pflicht zuallererst?

Diesen Fragen ging die Öffentliche Leipziger Universitätsringvorlesung Deutschland/Israel/Palästina zwei Semester lang Woche für Woche nach. Der Philosoph Georg Meggle zieht nunmehr Bilanz.

1. Es gab vor, während, um, in und mit dieser Ringvorlesung sehr große Probleme. Das war abzusehen; und es hat mich auch nicht wirklich überrascht. (Getroffen und verletzt haben mich manche Angriffe freilich sehr.) Es wird diese Probleme auch weiterhin geben. Auch eine weitere Eskalation selbst nach dem Abschluss der öffentlichen Vorträge läge nur in der Logik der Sache.

2. Für all diese Probleme gibt es einen präzise lokalisierbaren Grund: Die Öffentliche Universitätsringvorlesung Deutschland/Israel/Palästina hat das Unmögliche versucht:

  1. Als eine universitäre Veranstaltung war sie, wie jede Bemühung, die auf Erkenntnis abzielt, einerseits der intellektuellen Haltung der Distanz verpflichtet;
  2. andererseits ist, wie vorab jedem klar sein musste, eine wirkliche Distanz in Erinnerung an die Shoa gar nicht möglich – am wenigsten in Deutschland; auch nicht, Gottseidank möchte ich sagen, im Rahmen einer deutschen Universität.

Beide Seiten widersprechen sich. Wir haben also ein echtes Dilemma. Dieses Dilemma manifestiert sich nicht nur bei diesem Thema und nicht nur bei Universitäts- Ringvorlesungen. Das Dilemma zwischen Distanz-Notwendigkeit und Distanzierungs-Unmöglichkeit ist ein ganz allgemeines. Es tritt überall dort auf, wo ein Streben nach Erkenntnis und Verstehen einerseits und ein Verlangen nach (individueller wie kollektiver) Vergegenwärtigung von Vergangenem (in unserem Fall: von vergangenem und gleichwohl nachwirkendem Leid) andererseits miteinander in Konflikt geraten.

3. Konflikte von dieser dilemmatischen Struktur sind uns allen bekannt. Sie sind für Identitätskonflikte charakteristisch. Für persönliche wie für kollektive. Und jeder von uns weiß: Solche Konflikte tun besonders weh.

4. Es versteht sich zudem von selbst, dass diese Distanz-Dilemmata umso tiefer gehen und somit umso schwerer wiegen und schmerzen,

  1. je größer die zu erinnernden Leiden sind;
  2. je enger die betreffenden Vergangenheits-Erinnerungen mit Entscheidungen über alternative Zukunftsverläufe verbunden sind, bei denen es wiederum um große Dinge (etwa wiederum um Leben und Tod) geht; und
  3. je stärker diese Konflikte zugleich Konflikte sind zwischen den jeweiligen ‚Tätern’ und ‚Opfern’.

5. Alle diese drei Faktoren der Konflikt-Maximierung sind bei dem Themenkomplex Deutschland/Israel/Palästina mit maximaler Wertigkeit erfüllt; was den Holocaust – siehe den ersten Punkt – angeht, über jedes menschlich messbare Maß hinaus. Mit anderen Worten: Wenn es um Deutschland, Israel und Palästina geht, treffen wir auf die tiefsten Identitätsprobleme, die überhaupt denkbar sind, auf die tiefsten, die vor allem für einen Deutschen überhaupt vorstellbar sind.

Wer diesen tiefen Kern unserer Identitätsprobleme mit Deutschland/Israel/Palästina erkennt, der steht vor einer ganz einfachen Alternative. Entweder er ignoriert sie; oder er ist bereit, sich dem entsprechenden Extrem-Druck des Dilemmas auszusetzen. Ich hatte mich, was meinen Anteil an Deutschland/Israel/Palästina angeht, vor etwa 3 Jahren für letztere Alternative entschieden.

6. Es ist Zeit für eine Bilanz; für eine vorläufige, denn noch ist die Arbeit nicht ganz getan – nur der Teil, der diese Ringvorlesung im wörtlichen Sinne betrifft. Ich versuche, Ihnen einen Überblick über die Themen, die wichtigsten Resultate und die weiterhin offenen Fragen zu geben. Dazu kann und will ich uns nicht die Mühe ersparen, uns noch einmal vor Augen zu führen, wie groß und auch wie vielfältig und bunt die Palette der Vortragsthemen und Thesen gewesen ist.

II. THEMENBEREICHE

1.1 Die Botschaften von Deutschland/Israel/Palästina

In dieser Ringvorlesung waren die drei Deutschland/Israel/Palästina jeweils durch ihre Botschaften vertreten. Zuerst durch die Botschaft des Staates Israel in Deutschland, dann durch die palästinensische Generaldelegation und schließlich durch die Deutsche Botschaft in Israel. Es versteht sich, dass diese Botschaften jeweils die offizielle Position ihres Landes wiedergegeben haben. Diese sind, wie ich annehme, bekannt.

1.1.1 Die Botschaft Israels

Der zugesagte Botschafter Israels Shimon Stein war aufgrund einer last minute decision verhindert: Ein Treffen zu Fragen der inneren Sicherheit mit dem deutschen Innenminister Schily und dessen israelischem Kollegen hatte, verständlicherweise, Vorrang. Der ihn hier vertretende Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Botschaft, Joel Lion, führte uns vor allem vor, wie bedroht sich sein Land schon allein seiner Lage und Größe=Kleinheit wegen sei.

1.1.2 Die Generalvertretung Palästinas

Auch Abdullah Frangi, der Leiter der palästinensischen Generaldelegation, war verhindert. Als ein Vertreter der alten Garde der Fatah war er zurückgerufen worden, um im Gazastreifen den Wahlkampf für seine Partei vorzubereiten. Der ihn vertretende Mustafa Shehadeh berichtete statt seiner aus dem Stehgreif über die Jahre des Aufbaus der PLO – speziell auch über die 68er Jahre in Frankfurt.

1.1.3 Die Botschaft Deutschlands

Rudolf Dressler, von 2000 bis 2005 Deutscher Botschafter in Israel, brachte seine politischen Lebenserfahrungen mit Blick auf Israel auf den Punkt: „Die gesicherte Existenz Israels liegt im nationalen Interesse Deutschlands, ist somit Teil seiner Staatsraison.“ Bemerkenswert fand er bezüglich Israel insbesondere dreierlei: Dass die dortige Presse viel regierungskritischer ist als die unsere; dass die Israelis auf Schreckenstaten sehr viel gelassener reagieren würden als wir; und dass die Abhängigkeit der Palästinenser von den Israelis etwa dreimal so groß sei wie die umgekehrte. Die Palästinenser seien dementsprechend also sehr viel stärker auf die Israelis angewiesen als umgekehrt.

Was die Palästinapolitik angeht, so habe Israel, so Rudolf Dressler, nur die Wahl zwischen drei Optionen:

  1. Fortsetzung des status quo;
  2. Annexion der besetzten Gebiete und
  3. die Räumung von Teilen dieser Gebiete – verbunden mit der Errichtung eines palästinensischen Staates.

Realistisch sei nur die Option (3). Bei Option (1) würde durch die demographische Bombe ein jüdischer Staat obsolet; und eine Annexion, ad (2), wäre dieser gleichen Bombe wegen nur möglich unter einem Apartheid-Regime. Bleibt also nur Option (3).

1.1.4 Ein kurzer Nachtrag zu dieser Botschafter-Dreierliste.

Erst dieser Tage ist mir aufgefallen, dass ich bei dieser Liste einen logischen Denkfehler gemacht habe. Drei Entitäten Deutschland/Israel/Palästina; also auch drei Botschaften: die deutsche, die israelische und die palästinensische. Fällt Ihnen mein Fehler auf? … Ich möchte nicht wissen, wie die Reaktion gewesen wäre, wenn ich nur die Vertretung Deutschlands in Palästina aufgeführt hätte.

1.2.1 Die Likud

Abraham Sion, Vorsitzender der einflussreichen Akademischen Abteilung der Likud und, wegen des Gaza-Streifen-Abzugs, scharfer Gegner Sharons, sprach Klartext: Alle politischen Verbesserungen, die Israel – unter größten Sicherheitsrisiken – den Palästinensern gewährt hat, haben stets nur zu größerer Heimtücke und Gewalt geführt. Diese Gewalt ist nicht nur eine Gefahr für Israel; sie ist eine Gefahr für die gesamte westliche Hemisphäre. Wer diese Gewalt unterstützt, bekräftigt damit zudem den sich in ihr manifestierenden arabischen Antisemitismus. Israel bleibt nur eine Alternative: die Mauer (die Abraham Sion auch selber so nennt ) und die Fortführung der gezielten Tötungen. Der Rückzug aus Gaza ist für Abraham Sion eine Riesen-Dummheit, die sich noch rächen wird.

PS.1 Seine klaren Argumente zur Rechtfertigung der Gegengewalt von Seiten Israels unterstützte der Referent mit zahlreichen Fotos von den Opfern von Selbstmordattentaten. Fotos, die beim Betrachter außer Entsetzen auch reflexartig die Solidarität mit den Opfern und deren Angehörigen auslösen. Bei jedem, der noch einen Rest von menschlichem Mitgefühl hat.

Und die eines vergessen machen: Dass es entsprechende Bilder auch auf der anderen Seite gäbe; mit den gleichen Wirkungen, wenn wir deren Bilder überhaupt zu sehen bekämen. Und zudem verschweigen solche Bilder den gewöhnlichen Alltag: und der ist auf den beiden Seiten ein sehr verschiedener.

PS.2 Am lehrreichsten waren für mich nicht die Vorlesungen, sondern die persönlichen Begegnungen drum herum: die Vorbereitungsgespräche und die Gespräche danach. Abraham Sion zum Beispiel hatten wir, meine Tochter und ich, bereits im Februar 2005 in einem Cafe in Tel Aviv zu einem langen Vorgespräch getroffen. Ich hatte dabei erzählt, dass ich beim Beginn des 1967er Krieges, da war ich junger Fallschirmjägerleutnant beim Bund, bereit war, mich, so das nötig werden sollte, als Freiwilliger zur Verteidigung Israels zu melden. Ich war überrascht, daraufhin zu hören, dass im Sechstagekrieg tatsächlich deutsche Freiwillige beteiligt gewesen waren. Noch nie habe ich so viel in Geschichte gelernt wie im Kontext dieser Ringvorlesung.

1.2.2 Die Hamas

Was meine Einladungspolitik zur Ringvorlesung angeht, so war ich leider nicht konsequent genug. Ich hatte keinen Vertreter der Hamas eingeladen – was uns das Verständnis der palästinensischen Seite vielleicht ebenso erleichtert hätte wie der ungeschminkte Lagebericht eines Vertreters der extremen Rechten der Likud.

Stattdessen sprach die deutsche Politikwissenschaftlerin Helga Baumgarten der Bir Zeit Universität – nicht für die Hamas, nur über diese. Diesen Unterschied wollten ein paar Leute nicht so ganz wahrhaben. Helga Baumgarten wollte, wie sie sagte, drei Fragen sine ira et studio zu beantworten versuchen:

  1. Welchen Stellenwert haben Selbstmordattentate in der Widerstandsstrategie von Hamas und wann und warum hat Hamas die „Strategie“ der Selbstmordattentate verfolgt?
  2. Wie versucht Hamas, Widerstand und Wahlkampfpolitik zu vereinbaren und welches sind die politisch-strategischen Ziele von Hamas? Und
  3. Die politische Einbindung von Widerstandsorganisationen ist, wie die Geschichte lehrt, oft ein erster wichtiger Schritt in Richtung Konfliktlösung. Gilt dies auch für Hamas?

Helga Baumgarten beantwortet diese letzte Frage mit einem klaren Plädoyer für eine Anerkennung der Hamas als politischem Akteur.

PS: Vor einem Ignorieren dieses Plädoyers kann ich nur warnen. Was wäre das für ein Verständnis von Demokratie, demokratische Wahlen nur dann zu akzeptieren, wenn sie zum gewünschten Ergebnis geführt haben. Mit dieser Haltung würde sich die Forderung einer Demokratisierung des Nahen Ostens – bzw. der gesamten arabischen Welt – nur selbst als das entlarven, was es vielleicht ja auch ist: als Propaganda-Rhetorik.

1.3.1 Noam Chomsky, der jüdisch-amerikanische Voltaire unserer Gegenwart, ist – außer als Erfinder der generativen Grammatik – auch als einer der schärfsten Kritiker der US-amerikanischen und israelischen Politik bekannt. Seine Methode ist denkbar einfach: Wer die politische Welt verstehen will, der muss auf die Fakten, speziell auf die Taten achten, nicht auf die Worte.

Tatsache ist, so Chomsky in seinem Eröffnungsvortrag am Ostermontag 2005 im Gewandhaus zu Leipzig, dass von den USA und Israel die Möglichkeit der Bildung eines palästinensischen Staates nie ernsthaft auch nur in Erwägung gezogen wurde. Die israelisch-amerikanische Rahmenbedingung war und ist stets die gleiche: Zuerst muss die andere Seite – die palästinensische Seite, versteht sich – auf jedwede Gewalt verzichten, selbst auf den (legitimen) Widerstand gegen Besatzungstruppen. Solange Israel und die USA an dieser Rahmenbedingung festhalten (und das tun sie), ist im Nahen Osten Frieden unmöglich.

Und die Europäer? Diese müssen sich jetzt entscheiden: Entweder sie belassen es dabei, lediglich passive Beobachter der fortwährenden Verbrechen zu sein – was schließlich dazu führen wird, dass sie letztlich selber dem Terror zum Opfer fallen werden, der aus der weiteren Vernichtung der Palästinenser folgen wird; oder sie übernehmen endlich die Führungsrolle bei der Umgestaltung des Nahen Ostens, bei der Transformation dieser Region in eine Region des Friedens, der Freiheit und der Gerechtigkeit. Ein Ziel, das, so Chomsky, erreichbar ist.

Meine Position: Ich teile Chomskys Urteil über die friedensblockierende Funktion von Gewaltverzichtsforderungen, die sich nur an die andere Seite richten, sich selbst aber ausnehmen. Solche Antisymmetrien sind klar kontraproduktiv.

Derartige einseitige Forderungen enthalten meist auch ein starkes Stück Doppelmoral. Ein Beispiel aus diesen Tagen. Die derzeitige EU-Außenkommissarin stellt in ihrem ersten Kommentar zum Hamassieg u.a. fest: „Zur Demokratie gehörten aber auch die Respektierung von Recht und Gesetz, die Ablehnung von Gewalt und die Bereitschaft zum Frieden durch Verhandlungen.“ Wohl wahr! Aber warum soll das jetzt nur für die palästinensische Demokratie wahr sein?

Und was Noam Chomskys Leipziger Europa an die Front-Postulat angeht: Der nächste Krieg gegen den Iran wird zeigen, ob Europa diesem Postulat in dem von Chomsky gemeinten friedlichen oder in dem von Chirac und anderen angedrohten kriegerischen Sinne zu folgen bereit ist. Alle Anzeichen deuten auf Letzteres (Bomben auf den Iran?).

1.3.2 Ekkehart Krippendorff, Berliner Emeritus für internationale Politik, hat Chomskys Sicht durch eine Tiefenanalyse der zwischen Israel und den USA bestehenden Gemeinsamkeiten ergänzt. Diese Gemeinsamkeiten beruhen auf einem in mehrfacher Hinsicht nahezu identischen Selbstverständnis.

  1. Die USA wie auch Israel sind säkulare Aufklärungsprojekte:
  2. Sie folgen einem moralisch-politischen Universalismus: Die Regeln des Richtigen müssen, wenn sie die richtigen Regeln sein sollen, weltweit Gültigkeit haben.
  3. Beide, die USA wie Israel, reklamieren für sich aber auch eine (religiös motivierte) Sonderrolle. Stichwort: das auserwählte Volk. Universalismus plus Exzeptionalismus zusammen erklären, weshalb weder die USA noch Israel eine über ihnen stehende Rechtsinstanz (einen Weltgerichtshof z.B.) zu akzeptieren bereit sind – und zugleich auch, weshalb beide gegen Kritik von außen extrem allergisch sind.
  4. Während die interne Kritiktoleranz groß ist, wird externe Kritik fast reflexartig als Bedrohung des ganzen Projektes betrachtet, als Anti-Amerikanismus einerseits und als Anti-Zionismus (bzw. gar Anti-Semitismus) andererseits.
  5. Beide Projekte sind zudem Kolonialisierungsprojekte. Beide folgten der Fiktion des leeren Raums. Im israelischen Fall hieß das: „Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land.“ Die ‚Ureinwohner’ der beiden Zielländer waren für die Siedler – und sind das zum Teil auch jetzt noch – entweder nicht-existent oder primitiv.

Beide Projekte unterliegen der gleichen Gefahr: nämlich der ihrer eigenen Militarisierung zum Opfer zu fallen. [Und, so fürchte ich: Vielleicht sind beide dieser Gefahr bereits erlegen.]

Beide Projekte sind, so Krippendorff, von ihrem positiven Anspruch her großartige Menschheitsprojekte. Woraus folgt: Die ganze Menschheit hat auch das Recht, sich um diese Projekte zu kümmern.

1.3.3 Martin Beck, der Referent für den Nahen Osten am deutschen Orientinstitut in Hamburg, machte darauf aufmerksam, dass Frieden im Nahen Osten nicht nur die Einstellung von Kampfhandlungen, sondern auch die Lösung von Verteilungskonflikten, etwa um Ostjerusalem, um Wasser und die Frage nach der Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge bedeute. Die Voraussetzungen für Frieden seien heute (April 2005) viel schlechter als 1993. Das wechselseitige Vertrauen ist rapide geschwunden. Prinzipiell sind zwar beide Gesellschaften für Frieden – aber die Mehrheiten auf beiden Seiten sind nicht zu dafür nötigen größeren Zugeständnissen bereit; zudem gibt es auf beiden Seiten sehr engagierte, gewaltbereite Minderheiten (Siedler und Terrorgruppen), die jeden Frieden verhindern könnten.

Europa wird oft ein zu schwaches Engagement im Nahen Osten vorgeworfen. Martin Beck wies diese Kritik zurück: Europa fehle es an Einflussmöglichkeiten, schon weil die USA an diesem Einfluss kein Interesse hätten.

Mein Kommentar: Ob die USA ein Eigeninteresse an Europas Einfluss auf den Nahen Osten haben oder nicht, ist irrelevant dafür, ob Europa zu einer solchen Einflussnahme verpflichtet ist. Die Naher-Osten-Dominanz der USA ist zudem selbst auch eine Folge dessen, dass Europa sich bislang zu schwach engagiert.

1.3.4 Der Israel/Palästina-Konflikt liegt, so der amerikanische Philosoph Tomis Kapitan, im Zentrum der andauernden Spannungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt – und er stehe in direkter Verbindung zur systematischen Aggression der USA in Südasien.

Der Zionismus war und sei mit einem großen moralischen Problem konfrontiert: Er wusste von Anfang an, dass seine Vision nur auf Kosten eines anderen Volkes realisiert werden kann. Zur Realisierung dieser Vision setzten die dominanten zionistischen Führer (Weizmann, Ben Gurion, Jabotinsky) auf ein Zweistufenprogramm: Zuerst massive jüdische Immigration; dann Forcierung der arabischen Emigration – notfalls in Form eines gewaltsamen Transfers.

Es gibt nach Kapitan nur einen Weg für eine moralisch akzeptable Lösung: das Engagement von Europa – notfalls auch ohne die USA. Vor allem aus drei 3 Gründen: (1) Europa selbst hat den Israel/Palästina-Konflikt verursacht; (2) Europa versteht diesen Konflikt besser als andere; und (3) Europa setzt auf eine Weltordnung auf der Grundlage des Rechts.

Mein Kommentar: Diese Analyse deckt sich im wesentlichen mit der von Noam Chomsky, Martin Beck – und auch von mir. Tomis Kapitan geht von allen Genannten in seinem Beitrag auf die Bedeutung Europas aber am detailliertesten ein. Zur These (3): Wie schon einmal gesagt: Der Iran-Krieg wird zeigen, ob die Annahme (3) wirklich zutrifft.

Kriege und Konflikte haben immer auch eine konzeptionell-semantische Komponente. Als Sieger gilt, wer die Definitionsmacht darüber hat, wie unsere Aktionen oder Interventionen heißen – und wer definiert, wer der Sieger ist. Und diese Definitionsmacht hat, wem sie von den Medien zugeschrieben wird. Dieser Wichtigkeit wegen kamen „Die Medien und der Nahost-Konflikt“ hier zweimal vor.

Im Beitrag von Jochen Müller mit Blick auf die Medien in den arabischen Ländern; im Beitrag des Leipziger Journalistikkollegen Michael Haller generell mit Blick darauf, welche Medienstrategien wann und zu welchen Zwecken bevorzugt zum Einsatz kommen.

2.1 Jochen Müller ist Referent bei MEMRI, dem Middle East Media Research Institute, von dem viele Journalisten ihre Hintergrundinformationen über Pressestimmen aus der arabischen Welt beziehen. Die häufige Verwendung von antisemitischen Stereotypen in dieser Welt belegte Jochen Müller mit typischen von dort stammenden Karikaturen.

2.2 Michael Haller erinnerte an die Perfektionierung des manipulativen PR-Instrumentariums bei den Vorbereitungen des Golfkrieges von 1990 durch zwei New Yorker PR-Agenturen, deren erfundene Gräuelmär von irakischen Verbrechen in kuwaitischen Entbindungsstationen auch heute noch als Paradigma einer zwar verlogenen, aber extrem wirksamen Kriegspropaganda dient. Terror-Maximierung durch Medieninszenierung – das war ein weiteres Thema in diesem Beitrag.

3.1 Religion und Geschichte

Zwar ist, wie viele Referenten der Ringvorlesung immer wieder betonten, der Nahost-Konflikt kein genuin religiöser; aber trotzdem ... Dieses „Aber trotzdem“ war das gemeinsame Thema der Beiträge unserer Leipziger Kollegen Rüdiger Lux, der alttestamentliche Wissenschaft lehrt und die Forschungsstelle Judentum leitet, und Holger Preissler, der hier Vorderorientalische Religionsgeschichte und Islamwissenschaft lehrt.

3.1.1 Für das Selbstverständnis Israels als jüdischem Staat spielt die Geschichte des jüdischen Volkes, speziell die Geschichte der biblischen Zeit, eine große Rolle. Rüdiger Lux betrachtet diese Geschichte etwas näher. Auch diese Geschichte stellt sich als eine Konstruktion heraus, die sich folglich diversen Dekonstruktionsversuchen zu stellen hat. Für eine differenziertere Diskussion empfiehlt RÜDIGER LUX, zwischen den folgenden Ebenen zu unterscheiden:

  1. der – uns nicht mehr direkt zugänglichen – historischen Vergangenheit
  2. der biblischen Geschichte (als dem verbindlichen Ausdruck israelischer und frühjüdischer Identität)
  3. dem historisch-kritisch rekonstruierten Israel.

Dabei müssen natürlich (2) und (3) nicht konvergieren. So kann zum Beispiel als gesichert gelten, dass es – anders als in der Bibel zu lesen – die so genannte Landnahme im Sinne einer generalstabsmäßig militärischen Eroberung niemals gegeben hat. Kurz: „Keine Posaunen vor Jericho“.

Trotz solcher Inkongruenzen bleibt für Rüdiger Lux die ‚biblische Geschichte’ aber ein legitimer Ausdruck des kulturellen Gedächtnisses des jüdischen Volkes – auch für Israel.

3.1.2 Der Kernsatz von Holger Preissler ist klar und einfach – und man kann ihn nicht oft genug wiederholen: Der Nahostkonflikt ist kein religiöser, sondern ein politischer Konflikt. Trotzdem seien die umstrittenen Territorien durch die Geschichte der drei monotheistischen Religionen biblischer Tradition religiös stark aufgeladen – speziell mit messianischen und endzeitlichen Hoffnungen und Ängsten. Von diesen zehren die fundamentalistischen Kräfte in allen drei religiösen Traditionen. Holger Preissler zeigte, wie tief die Gemeinsamkeiten zwischen diesen fundamentalistischen Kräften bei diesen drei Traditionen bis in die aktuelle Politik hinein gehen können.

3.2 Internationales Recht

3.2.1 Manfred Rotter vertritt den Bereich, der, wenn es in der Welt wirklich um Recht und Gesetz gehen würde, auch für den Nahostkonflikt der wichtigste wäre: den des internationalen Rechts. Den derzeitigen Rahmen des internationalen Rechts für diesen Konflikt bestimmt Manfred Rotter, Emeritus der Johannes Kepler Universität Linz und langjähriger Vorstand des Instituts für Völkerrecht und Internationale Beziehungen, durch Rekurs auf die folgenden fünf historischen Stationen:

  1. Anerkennung der PLO als einziger Vertreter der Palästinenser (1974)
  2. Friedensvertrag mit Ägypten (1979)
  3. Friedensvertrag mit dem Libanon (1983)
  4. Jordanien gibt Westbank ab (1988)
  5. Osloer Abkommen (1993)

PS Manfred Rotters Schlussbemerkung, geäußert im Juni 2005, könnte sich direkt auf heute, auf die Zeit vor dem Krieg gegen den Iran beziehen: Zu bedenken ist, „dass das Problem der gesellschaftlichen und politischen Stabilität keineswegs auf Palästina alleine beschränkt ist. … Bei der Bewältigung der Nahost-Tragödie [bleibt] wenig Raum für Ungeschicklichkeiten. Es könnte um mehr als die 21 Tausend qkm Israels und 6000 qkm der West Bank und Gazas mit insgesamt rund 10 Millionen Menschen … gehen.“

3.2.2 Es gibt keine gerechte Lösung des Palästina-Problems ohne eine Klärung des Status von Ostjerusalem. Der armenisch-amerikanische Philosoph Haig Khatchadourian, der lange Jahre in Jerusalem gelebt hatte, skizziert eine Reihe von möglichen Lösungen dieser Statusfrage im Kontext eines zukünftigen palästinensischen Staates – und er bewertet diese Lösungen mit Blick auf deren Fairness und Durchführbarkeit. Die umstrittensten Probleme sind:

  1. Die Grenzen des palästinensischen Staates
  2. Das Rückkehrrecht
  3. Der Status von Ost-Jerusalem

PS Haig Khatchadourian stützt sich weitgehend auf Karen Armstrongs faszinierendes Buch „Jerusalem. One City, Three Faiths“. Ich hoffe, dass es auch dieses Buch dieser großartigen Autorin bald auf Deutsch geben wird.

4.1 Friedensprojekte gibt es im Nahen Osten Hunderte – Projekte mit verschiedenen Vorstellungen von Frieden, verschiedenen Programmen und verschiedenen Geldgebern oder Sponsoren. Alex Elsohn, der Europa-Referent von Givat Haviva, dem ältesten und größten Lehr- und Forschungszentrum zur jüdisch-arabischen Verständigung in Israel, vermittelte einen Überblick über dieses weite Feld – stellte die besonderen Ziele, Kurse und Arbeitsweisen seiner eigenen Institution vor und formulierte einige Bedingungen für das Gelingen solcher Projekte. Zum Scheitern verurteilt sind Projekte mit dem Ziel, „dem Fremden das Fremde zu nehmen“. Bestehende Konflikte dürfen im Projektrahmen nicht zugedeckt werden, müssen vielmehr offen ausgetragen werden, damit die im Projekt aufgebauten Brücken später auch den harten Alltagserfahrungen standhalten können.

Auch wenn das mit dem Oslo-Vertrag verknüpfte große politische Friedensprojekt gescheitert sei, das Verdienst dieses Projektes sei es doch, dass seitdem die Bedeutung der Zivilgesellschaft sehr viel klarer erkannt werde. Alex Elsohns nahe liegendes Resümee: Ohne einen Bewusstseinswandel in der Bevölkerung ist jedes Friedensprojekt wie auch jede Friedenspolitik zum Scheitern verurteilt.

4.2 Die palästinensische Menschenrechtlerin Sumaya Farhat-Naser, die in Hamburg studiert hatte, ist „eine Stimme der Hoffnung und der Liebe zu den Menschen guten Willens auf beiden Seiten des so genannten Sicherheitszauns“. Eine „Brückenbauerin zwischen der arabischen und der jüdisch-christlichen Welt“ wurde sie bei der Verleihung des Augsburger Friedenspreis genannt.

Sumayas Beiträge sind nicht nur wie aus dem Leben gegriffen, sie sind das Leben – und zeigen das Leben unter israelischer Besatzung. Das heißt, mit ihren Worten: Isolation; Trauer; Angst um mich, um die Familie und um die Zukunft; Depression; das Gefühl zu ersticken; Wut, Verzweiflung; Armut; Schuldgefühle; Aggression; Streit in der Familie, in der Klasse, auf der Straße; Unruhe und Schlaflosigkeit; Rachegefühle; Neid; Gefühllosigkeit und Gleichgültigkeit; Früh-Heiraten; Gewalt – auch in den Familien.

PS: Man muss Sumaya Farhat-Naser hier stehen gesehen haben: wie eine Tänzerin, die mit leuchtenden Augen lachend die schwarzen Vögel der Dummheit und des Wahnsinns vertreibt. Eine Liebeserklärung, ich weiß. Ist so etwas an einer Uni verboten?

4.3 Ein deutsch-palästinensisch-israelisches Friedensprojekt ist auch das Lebensprojekt des Künstlers Anis Hamadeh – Musiker, Schriftsteller, frei schwebender Intellektueller. Einer seiner Titel beschreibt ihn selbst, wie ich finde, sehr gut: „Könige sind wir – mit Flügeln aus Staub.“

Wissen Sie, was Identitätsprobleme sind? Aber sicher. Die haben wir Menschen schließlich alle. Über sie zu sprechen ist mitunter recht schwer. Künstler können das gelegentlich besser. [Sind für die Kunst Identitätsprobleme gar förderlich?] Anis Hamadeh berichtet von seinen speziellen Erfahrungen mit seiner doppelten Identität als palästinensischer Deutscher. Er zeigte uns auch seinen Traum:

PS: Ich glaube, dass wir über unsere eigenen Identitätsprobleme – auch und vor allem im Kontext dieser Ringvorlesung – von der Art und Weise, wie ANIS HAMADEH über die seinigen zu sprechen gelernt hat, sehr viel mehr lernen können als von den meisten primär sachbezogenen Beiträgen.

Übrigens: Anis Hamadeh arbeitet, um selber besser zu verstehen, was Palästina eigentlich ist, auch an und mit der Website www.virtualpalestine.org.

4.4 Die Liebe. Liebe, so heißt es, sei eine Macht, die stärker ist als alles andere. Nicht immer: Nicht, wenn gemeinsame Zukunft für sie schon Vergangenheit ist, ehe Gegenwart war. „Uns fehlte eine Gegenwart“, heißt es in einem der Gedichte von Mahmoud Darwish – dem größten lebenden Dichter Palästinas –, der die verweigerte Beziehung zu seiner jüdischen Geliebten in literarischen Bildern von Liebe, Streit und Hass zum Ausdruck bringt.

Für Verena Klemm, die am orientalischen Institut der Universität Leipzig Geschichte und Literatur lehrt, sind diese Gedichte Schlüssel zu einem besseren Verständnis der menschlichen/existentiellen Dimension des Nahostkonflikts.

4.5 Wie sieht eine nachhaltige Friedenslösung des Israel/Palästina Konflikts aus? Johan Galtung – der bedeutendste Friedensforscher der Gegenwart und Träger des Alternativen Nobelpreises, transzendiert – so auch der Name der von ihm mit gegründeten Institution www.transcend.org: Seine Antwort darauf, wie eine Lösung des Nahostkonflikts aussehen kann, transzendiert erneut die Grenzen des Üblichen. Er setzt sich, anders als Uri Avnery und die meisten anderen Friedensaktivisten, gerade nicht für eine Zwei-Staaten-Lösung ein, auch nicht, wie einige wenige andere Denker, für eine Ein-Staaten-Lösung – nein, sein Friedenskonzept ist eine Gemeinschaft Naher Osten nach dem Modell der Europäischen Gemeinschaft von 1958.

4.6 Uri Avnery und seine Frau Rachel – beide Träger des alternativen Friedensnobelpreises – waren Ende Januar 2006 nach Leipzig gekommen, obwohl „ihr Land wegen des überwältigenden Sieges der Hamas unter Schock“ und die Weltpresse wegen Interviews bei ihnen Schlange stand. Der bekannteste israelische „Friedenskämpfer“ lieferte als Einstieg eine kurze Geschichte des Zionismus wie auch des Beginns der palästinensischen Nationalbewegung gegen Ende des osmanischen Reiches. Kann der daraus resultierende Konflikt, in dem zwei an sich legitime Bewegungen aufeinander stoßen, überhaupt lösbar sein? Uri Averneys klare Antwort: Nur in Form einer Zwei-Staaten-Lösung.

Uri Avnerys Beitrag war, analog zu dem Beginn der Veranstaltungsreihe mit Noam Chomsky, deren Abschlusshöhepunkt. Das Thema: „Wie weiter mit Palästina?“ Verständlich, dass diese Frage – auch in der Anschlussdiskussion – sich zuspitzte zu der Frage „Wie weiter in Palästina mit der Hamas?“. Friedenschancen sieht Avnery nur dann, wenn die in dieser Frage steckende Voraussetzung auch von Seiten Israels ernst genommen wird: Es kann im Nahen Osten nach den Januarwahlen jetzt nur weitergehen „mit“ der Hamas. Kurz, nur dann, wenn Israel (und auch Europa) sein „Nicht mit der Hamas!“ aufzugeben bereit ist. Diese Bereitschaft sei bisher aber nicht in Sicht. Im Gegenteil: Sharons Unilateralismus – Israel trifft alle wichtigen Entscheidungen ohne Verhandlungen mit der palästinensischen Seite (egal, ob diese Hamas-dominiert sei oder nicht) – werde von allen israelischen Parteien inzwischen geteilt. Trotzdem: Frieden ist möglich! Wenn man ihn will.

Hinter Uri Avnerys Sätzen steht die ganze Erfahrung seines Lebens. Eine seiner Empfehlungen: Wir sollten uns den Film „Paradise Now“ ansehen, aus dem wir mehr über die Situation in Palästina lernen könnten als aus hundert Reden.

Damit zu dem Bereich, der mir von meiner eigenen Profession her am nächsten steht.

5.1 Der Nahost-Konflikt scheint unlösbar zu sein. Der israelische Philosoph und ehemalige Leipziger Leibniz-Professor Marcelo Dascal reagierte hier darauf philosophisch – und bewusst paradox: Er möchte den heutigen Konflikt neu konzeptualisieren – und zwar bewusst auch mit Hilfe von Ideen, die aus der tiefen Vergangenheit kommen: Dazu zieht er neben der modernen Theorie des Kollektiven Handelns drei klassische Philosophen des Judentums, des Islam und des Christentums zu Rate: Salomon, Ibn Rushd (Averroes) und Leibniz. Mit der Verbindung dieser drei Traditionen werde ein multiperspektivischer Ansatz möglich. Und damit vielleicht ja auch dessen Lösung. [Zum Stichwort „Multiperspektivität“ siehe auch den Beitrag von Michael Wolffsohn.]

5.2 Terrorismus ist eine zentrale Komponente des israelisch-palästinensischen Konflikts. Der Beitrag des in Jerusalem und Melbourne forschenden Philosophen Igor Primoratz untersucht diese Terror-Komponente in dreierlei Hinsicht: (a) begrifflich, (b) mit Blick auf die Fakten auf beiden Seiten des Konflikts und (c) diese Fakten bewertend.

  1. (a): Terrorismus, das ist auch im Nahen Osten immer nur der Terrorismus der anderen. Für Palästinenser sind die eigenen Attentäter Freiheitskämpfer – und können schon von daher keine Terroristen sein; und für den Staat Israel – wie für Staaten ganz generell – kommen als „Terroristen“ ohnehin bereits per definitionem nur nicht-staatliche Akteure in Frage. Wie wäre ein Terrorismus-Begriff zu definieren, der sowohl bezüglich der Täter-Motive wie auch des Akteur-Typus neutral ist? Die Antwort von Igor Primoratz ist die gleiche wie die, die er schon in der Ringvorlesung „Terror & der Krieg gegen ihn“ gegeben hatte: Terrorismus – das ist die wohlüberlegte Anwendung (bzw. Androhung) von Gewalt gegenüber unschuldigen Dritten mit dem Ziel, andere mittels Einschüchterung zum Vollzug von Handlungen zu bewegen, die sie sonst nicht tun würden.
  2. (b): Tatsache ist: Beide Seiten des Konflikts machten und machen vom Terrorismus Gebrauch. Die Palästinenser sind nicht die einzigen, die T eingesetzt haben. Sie waren nicht die ersten, die in großem Maße auf T zurückgegriffen haben; und ihre T-Aktionen sind nicht für die Mehrheit der im Verlauf dieses Konfliktes vorsätzlich getöteten Zivilisten verantwortlich.
  3. (c): Terrorismus ist an sich ein derart großes moralisches Übel, dass sein Einsatz nahezu absolut verboten ist. Einzig denkbare Ausnahme: (i) Ein drohendes moralisches Desaster, das (ii) nur mit Terrorakten verhinderbar oder rückgängig zu machen ist. Unter den palästinensischen und israelischen T-Aktionen ist keine einzige, die diese beiden Bedingungen erfüllt. Der Einsatz von Terrorismus war zu keiner Zeit gerechtfertigt, weder in der Vergangenheit noch zu heutiger Zeit.

PS: Man beachte hier den Unterschied zu Ted Honderich: Dieser hält außer der Bedingung (i) auch die Bedingung (ii) für erfüllt – und kommt so zu dem, weder von Igor Ptimoratz noch von mir selbst jemals vertretenen, Schluss, dass der (wie ich ergänzen würde: starke) palästinensische Terrorismus zu rechtfertigen.

5.3 Gute Philosophen sind schon von ihrer Ausbildung her auf das Entdecken von Inkonsistenzen geeicht. Auch von Inkonsistenzen in der moralischen Debatte. In dieser wird oft mit zwei Zungen gesprochen. Wenn ein anderer etwas tut, gilt das als schlecht, wenn man dasselbe tut, soll es gut sein. Das nennt man Doppelmoral. Eine solche doppelte Moral, die im allgemeinen als ein Fall von Bigotterie und Unredlichkeit gilt, ist speziell in den deutschen Moral-Debatten gang und gäbe. Speziell bei Argumenten, die sich auf Deutschland selbst, auf dessen Geschichte und dessen Pflichten Israel gegenüber beziehen.

Uwe Steinhoff, ein junger deutscher Philosoph, der zur Zeit in Oxford und Buenos Aires arbeitet, nimmt ein paar Beispiele dieser Deutschen Doppelmoral auseinander. Sein Beitrag ist eine fulminante Philippika. Nur schade, dass sein Referat schon gleich im April 2005 stattgefunden hatte – also noch lange vor den Vorträgen von Helga Baumgarten und Hajo Meyer. So geht Uwe Steinhoff nur auf das bereits im Oktober 2003, also lange vor dieser Ringvorlesung, stattgefundene Sonntagsgespräch mit Ted Honderich ein (Ted, glaubst du wirklich ....). Und auf Urteile über diese Ringvorlesung, die zum Teil schon verbreitet worden waren, noch ehe diese Vorlesungsreihe überhaupt begonnen hatte.

Uwe Steinhoffs Ethik ist dem moralischen Projekt des Universalismus verpflichtet. Sein Credo: Verbrechen sind Verbrechen, egal wer es ist, der sie begeht: Und: Verbrechen sind Verbrechen, egal, wann und wo sie begangen werden. Das ist auch mein Credo.

5.4 Michael Wolffsohn, nach Deutschland zurückgekehrter Sohn einer deutsch-jüdischen Emigrantenfamilie, lehrt an der Bundeswehrhochschule München Neuere Geschichte. Seine am 8. Mai 2005, dem 60. Jahrestag der befreienden Niederlage Deutschland, gehaltene Rede bringt die Kernthesen dieses speziell für den deutschen Israel-Diskurs wichtigen Historikers prägnant wie folgt auf den Punkt:

Die deutsche Lehre aus Auschwitz ist: Nie wieder Täter! Die jüdische Lehre: Nie wieder Opfer! Nie wieder Gewaltlosigkeit als Prinzip! Diese Lehren sind für jede der beiden Seiten die richtige. Genau damit aber geraten Deutsche und Juden in eine Geschichtsfalle, die sie abgrundtief trennt.

Auch die (wiederum richtige) palästinensische Lehre aus Al Naqba ist: Nie wieder wehrlos! Mit anderen Worten: Gewalt als Mittel der Politik ist auf beiden Seiten des Nah-Ost-Konfliktes sozusagen historisch notwendig. Das gilt auch für den ganzen Mittleren Osten. Deutschlands Perspektive ist, wie gesagt, eine ganz andere. Von ihr, von dieser deutschen Perspektive aus gesehen, ist der Nahost-Konflikt vielleicht gar nicht verstehbar.

Sein, so Michael Wolffsohn selbst, „niederschmetterndes Resultat“ sei: Geschichte ist immer nur multiperspektivisch anwendbar. [Vgl. hierzu das analytische Multiperspektivitäts-Postulat von Marcelo Dascal.]

PS Ich habe Verstehensprobleme mit diesem Multiperspektivitätsresultat. Folgt aus ihr, dass die verschiedenen Perspektiven miteinander unverträglich sind? Dann können sie sich natürlich erst recht nicht gegenseitig ergänzen – im Unterschied etwa zum Multiperspektivenansatz von Marcelo Dascal. Dessen perspektivische Neukonzeptualisierung von Konflikten zielt auf deren Lösbarkeit ab; Wolffsohns These der wechselseitigen Unverstehbarkeit dürfte eher die konträre Folge haben: die Unlösbarkeit der Konflikte.

Und habe ich richtig verstanden? Muss ich als Deutscher mein „Nie wieder Auschwitz!“ aufgeben, um Israels Haltung gegenüber Palästina zu verstehen? Oder umgekehrt: Müsste ein Israeli sein „Nie wieder wehrlos“ aufgeben, um Deutschlands (angebliche) „Nie wieder Täter!“-Haltung verstehen zu können? Und drittens, da die „Nie wieder wehrlos“-Perspektive ja nach Michael Wolffsohn auch von den Palästinensern eingenommen wird: Sind Israelis und Palästinenser demnach die einzigen, die sich gegenseitig verstehen?

Natürlich ist es etwas unfair, die beiden Multiperspektiven-Konzepte von Dascal einerseits und von Wolffsohn andererseits so zu vergleichen. Das erstere Konzept ist ein analytischer Explikations- und somit Umformulierungsvorschlag; das letztere Konzept hingegen, wie bei historischen Analysen angezeigt, nur als Deskription, als eine tentative Beschreibung gedacht. Aber was heißt dann „richtig“? Einfach nur „wir für richtig gehalten“? Dann wären die so beschriebenen Folgerungen aus Auschwitz zwar verschiedene, nicht aber schon dieser Verschiedenheit wegen auch miteinander unverträglich. Ich bin für Krieg, Du bist dagegen – na und?

5.5 Die letztlich allein wichtige Frage ist jedoch diese: Welche Folgerung aus Auschwitz ist die normativ richtige? Welche Folgerungen sollten wir daraus ziehen?

Das war die für diese Ringvorlesung wirklich zentrale moralische Frage. Genauer gesagt: Sie wäre es gewesen, wenn sich mehr Referenten dieser zentralen normativen Frage wirklich gestellt hätten. Der einzige, der diese Frage direkt anzugehen den Mut hatte, ist der Physiker, Geigenbauer und Auschwitzüberlebende Hajo Meyer. Für diesen Mut möchte ich daher ihm und seiner Frau Chris meine ganzen Mühen mit dieser Universitätsringvorlesung in Verehrung und Freundschaft widmen.

Hajo Meyers Position: Auch das Judentum hat, wie alles Menschliche, gute und schlechte Seiten. Das gute Judentum ist humanitär, ethisch und sozial (Rabbi Hillel, Jesus); das ‚böse’ (z.B. Joshuah) betet Blut und Boden an, ist grausam, ethnozentrisch und fremdenfeindlich. Die Blütezeit des guten Judentums (Moses Mendelssohn, Rabi Leo Baeck) war zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts und dem Anfang der NS-Zeit. Bei dieser sind, darauf legt Hajo Meyer allergrößten Wert, zwei Phasen zu unterscheiden: (NS.I) – die ersten neun Jahre (1933-1941), und (NS.II) – die restlichen Jahre 1942-45. Zu den Merkmalen der ersten Phase kommt in dieser zweiten die Endlösung hinzu.

(NS.I) bedeutete für die Juden (und nicht nur für diese): den Verlust von:
Würde (Demütigung) Sicherheit (Existenzangst)
Ausbildungsmöglichkeiten (Zukunftsraub)
Heimat (Exil)
Bürgerrechten (Pariaexistenz)
Individualität (Kollektivstrafen).

In (NS.II) dann zusätzlich: die Vernichtungslager, die Gaskammern.

Hajo Meyers Grundthese: Nicht erst die Verbrechen der zweiten Phase (Massenmorde, Holocaust) machten die NS-Verbrechen zu Verbrechen. [NB: Diese These folgt im Übrigen aus dem obigen Credo von Steinhoff/Meggle – siehe oben 5.3.]

Hajo Meyers empirische Feststellung ist: Merkmale der ersten NS-Phase charakterisieren nachweislich auch die Lage der Palästinenser. Das Amalgam aus „Nie wieder Opfer“ und den ‚schlechten’ Seiten des Judentums macht diejenigen Juden in Israel, die anderen (NS-I-vergleichbares) Unrecht antun, damit selber zu Tätern. Diejenigen in Israel und anderswo in der Welt, die diese Täterschaft ohne hörbare Kritik dulden, werden dadurch mitverantwortlich.

Dies bedeutet das Ende des (‚guten’) Judentums. Die richtige und wahrlich jüdische Lehre aus dem Holocaust ist nach Hajo Meyer diese: „Wir Juden dürfen nie so werden wie unsere Unterdrücker.“

5.6 Was „die Lehre“ aus Auschwitz angeht, so sind nunmehr drei verschiedene Schlüsse zu unterscheiden:

  1. (D) Nie wieder Auschwitz!
  2. (I) Nie wieder Opfer!
  3. (HM) Nie (so werden) wie die Täter !

Welche Lehre ist die richtige?

Meine eigene Schlussfolgerung wäre: Jede dieser drei Lehren ist richtig. Sie sollten aber so interpretiert werden, dass die potentiell unbeschränkten Anwendungen von (D) und (I) durch die Maxime (HM) begrenzt werden. (D) alleine rechtfertigt, wie u.a. Joschka Fischers Verwendung von (D) zur Rechtfertigung des Kosovo-Krieges zeigte, viel zu viel: z.B. auch gegen internationales Recht verstoßende Angriffskriege. Entsprechend potentiell unbegrenzt sind die Anwendungen von (I). Man kann und sollte an (D) und (I) festhalten – und im Konfliktfall der Maxime (HM) den Vorrang geben. Wer selbst zum Täter wird, verliert letztlich seine eigene Seele. (Das ist die Lehre, die uns und den Israelis Spielbergs „Gebet für den Frieden“ – sein neuer Film „München“ – zu recht nahe legt.)

Welche Lehre ist für Sie die richtige? Mit dieser Frage lasse ich Sie jetzt am Ende dieser Ringvorlesung alleine.

Einen Beitrag habe ich noch nicht erwähnt. Den für mich wichtigsten:

Das Lebenswerk des israelischen Psychologen Dan Bar-On ist der Überbrückung von scheinbar Unüberbrückbarem gewidmet. Er hatte es in den 80er Jahren fertiggebracht, dass Kinder von Holocaust Opfern mit Kindern von Nazi-Tätern miteinander gesprochen haben. Seit einigen Jahren moderiert Dan Bar-On auch Begegnungen zwischen traumatisierten Palästinensern einerseits und traumatisierten Israelis andererseits. Seine hier gestellte Frage war: Kann es zwischen Israelis und Palästinensern nach fast hundert Jahren von wechselseitigem Hass noch Hoffnung auf gegenseitige Anerkennung geben?

Dan Bar-Ons Antwort: Ja – aber nur dann, wenn beide Seiten nicht nur sich selbst als Opfer sehen, sondern beide bereit sind, auch die jeweils andere Seite als Opfer anzuerkennen: als Opfer des Holocausts und als Opfer der Al Naqba, der Katastrophe von 1948.

PS Dan Bar-Ons Lebenswerk hat für den Kernbereich des ganzen Deutschland/Israel/Palästina-Komplexes die allergrößte Bedeutung. Sein Ansatz und seine Erfahrungen werden daher auch für meine eigenen post-Ringvorlesungs-Reflexionen eine große Rolle spielen.

Mit der Ringvorlesung Deutschland/Israel/Palästina ist die Universität Leipzig dem eingangs (in Teil I) skizzierten Dilemma zwischen geforderter Distanz und Unmöglichkeit der Distanzierung nicht ausgewichen. Die Universität Leipzig hatte den Mut zu prüfen, ob und wie man in Deutschland über Deutschland, Israel und Palästina auch angesichts des Holocaust mit nüchterner Klarheit offen – und so, unter dem Dach der Universität, auch öffentlich – sprechen und nachdenken kann. Die öffentliche Universitätsringvorlesung Deutschland/Israel/Palästina hat mit diesem Versuch etwas andernorts „Unmögliches“ als möglich erwiesen.

Es ist also möglich. Quod erat demonstrandum.

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