Deutschland hat die weltweit geringste Geburtenrate

Es wird wie üblich vor Problemen für den Wirtschaftsstandort gewarnt, als ob die Demografie dafür alleine ausschlaggebend wäre

Für den britischen Telegraph verschwindet die deutsche Dominanz - weil die Geburtenrate weltweit auf den tiefsten Stand gesunken ist und der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung schnell schrumpft. Die Zahlen kommen aus einem Bericht des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), der aus der weltweit niedrigsten Geburtenrate auch die Warnung ableitet: "Demografischer Abwärtstrend gefährdet Standort Deutschland".

Nach Prof. Dr. Henning Vöpel, dem Geschäftsführer des HWWI, muss Deutschland fürchten, als Wirtschaftsstandort aufgrund der schrumpfenden erwerbsfähigen Bevölkerung abgehängt zu werden: "Im weltweiten Wettbewerb ergeben sich daraus erhebliche negative Konsequenzen für die Attraktivität und Leistungsfähigkeit Deutschlands als Wirtschaftsstandort. Der Bevölkerungsanteil der für den Haupterwerb relevanten Altersgruppe der 20- bis 65-Jährigen wird nach UN-Prognosen bis zum Jahr 2030 von aktuell etwa 61 Prozent auf nur noch 54 Prozent schrumpfen." Bald würde nur noch eine erwerbsfähige Person auf eine abhängige kommen. Vorausgesetzt wird bei der negativen Prognose allerdings, dass die erwerbsfähige Person nicht nur das richtige Alter hat, sondern auch die richtigen Kompetenzen, und dass es genügend Arbeit gibt, also die erwerbsfähige Person nicht selbst abhängig ist.

Umgekehrt müsste der Schluss dann aber auch zutreffen, dass allein mit hohen Geburtsraten und einer großen Altersgruppe der 20-65-Jährigen Wirtschaftswachstum einherginge. Das ist allerdings nirgendwo zu sehen, bislang hat der seit Jahrzehnten andauernde Rückgang der Geburtenrate in Deutschland keinen direkten Zusammenhang mit dem Wirtschaftswachstum, auch wenn bis 2005 der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zugenommen und mit 64 Millionen einen Höchststand erreicht hatte, aber gleichzeitig gealter ist. Es spielen hier doch wesentlich mehr Faktoren herein, als der Blick nur auf demografische Vorhersagen offenbart. Die Argumentation der Warner geht, ohne dabei die steigende Arbeitsproduktivität etwa durch den wachsenden Einsatz von Automation und KI zu berücksichtigen.

Das Problem könnte genau umgekehrt auch darin liegen, dass es für eine wachsende Erwerbsbevölkerung gar keine ausreichende Anzahl von Arbeitsplätzen mehr gibt, wenn die Vorhersagen einiger Ökonomen zutreffen, dass in den nächsten Jahren durch intelligente Systeme, Automation, Industrie 4.0, Big Data, autonome Fahrzeuge etc. eine Vielzahl von Jobs bis hinauf in die mittleren Einkommen verschwinden werden. Es könnte also durchaus sein, dass sich Deutschland der möglichen Zukunft durch sinkende Geburtsraten und den im Prinzip steuerbaren Zugang von Arbeitsimmigranten besser anpasst, als wenn auf Teufel komm raus die Geburtenrate gesteigert oder möglichst viele Immigranten aufgenommen würden.

Trotz des Zustroms an jungen Arbeitsimmigranten würde der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung nirgendwo anders so stark wie in Deutschland schrumpfen, das mittlerweile Japan abgelöst haben soll, was die Vergreisung und die Geburtenrate anbelangt. Gibt es weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter, so leitet Arno Probst, Mitglied des Vorstands der BDO AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, davon ab, ohne andere Faktoren zu berücksichtigen, dann treibt der Mangel die "Lohnnebenkosten" in die Höhe und steigt der Fachkräftemangel: "Ohne starke Arbeitsmärkte als zentralen Standortfaktor kann Deutschland seinen wirtschaftlichen Vorsprung auf Dauer nicht aufrechterhalten", so die These, die nicht differenziert, wie der Arbeitsmarkt qualifiziert sein muss, um wirtschaftlich überhaupt zu reüssieren.

Aber es geht wie so oft bei demografischen Berichten um politische Botschaften. Dieses Mal ist der Sozialstaat nur mittelbar gefährdet, es geht vor allem darum, wie man den Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung so steigern könnte, dass die Lohnnebenkosten auch bei den Fachkräften möglichst wenig ansteigen, was allerdings theoretisch auch den Effekt haben könnte, dass die weitere Automatisierung der Arbeitsvorgänge gebremst würde. Schon jetzt wird immer wieder von anderer Seite gewarnt, Deutschland hinke mitsamt seiner Industrie hinter den Möglichkeiten zurück, die die digitalen Techniken ermöglichen. Technisch abgehängt, auch in der Infrastruktur, würde aber das Aufblähen der Erwerbsbevölkerung mittel- oder langfristig auch den Wirtschaftsstandort gefährden.

Für Probst jedoch geht es darum, den Status quo zu stabilisieren, vor allem durch die Zuwanderung junger Fachkräfte aus dem Ausland, weswegen "in der häufig emotional geführten Immigrationsdebatte auf diesen objektiven Tatbestand wieder stärker hingewiesen werden" sollte. Zudem müsse die Erwerbstätigkeit der Frauen weiter gefördert werden, vermutlich mit der Konsequenz eines weiteren Rückgangs der Geburtenrate. (Florian Rötzer)