Deutschland hat noch nicht unterzeichnet

Westerwelles Erklärung und der Syrien-Aufruf der USA

Überraschung: Auch am 9. September 2013, 11.40 Central European Time, stehen in der US-Erklärung zu Syrien auf der G-20-Konferenz, dem "Joint Statement on Syria", nur 11 der 20 Teilnehmer des Gipfels als Unterzeichner. Die Bundesrepublik Deutschland ist nicht darunter.

Die Erklärung enthält weitaus weniger militärischen Handelszwang als zunächst befürchtet. Ein Satz allerdings drückt einen diplomatischen Fauxpas aus:

The evidence clearly points to the Syrian government being responsible for the attack, which is part of a pattern of chemical weapons use by the regime.

Damit wird die Untersuchung der UN-Inspektoren, die unter Lebensgefahr mitten in das Bürgerkriegsgebiet fuhren, als unbedeutend und überflüssig abgewertet. Die Erklärung ist damit ein Affront in erster Linie gegen die UN und den Weltsicherheitsrat, nicht gegen die syrische Regierung.

Auf Nachfrage von Telepolis sagte das Auswärtige Amt heute Morgen, Deutschland habe sich sehr wohl der Erklärung angeschlossen. Die dann Telepolis zugeleitete Erklärung von Außenminister Guido Westerwelle vom 7. September um 17.31 Uhr weicht jedoch in wesentlichen Punkten von der US-Erklärung ab. So stellt Westerwelle fest:

Ich begrüße, dass wir Europäer hier zu einer sehr entschiedenen, entschlossenen und vor allem einstimmigen Entscheidung gekommen sind. Wir sind der Überzeugung, dass der Einsatz von Chemiewaffen in keiner Weise von der internationalen Staatengemeinschaft toleriert werden kann. Deswegen sind wir auch der Überzeugung, dass es wichtig ist, die Ergebnisse der Inspekteure der Vereinten Nationen abzuwarten.

Wir haben gemeinsam begrüßt, dass Frankreich sich entschieden hat, die Vorlage des Berichts der Vereinten Nationen abzuwarten. Wir haben die klare Erwartung auch gegenüber unseren amerikanischen Partnern zum Ausdruck gebracht, dass diesem Beispiel Frankreichs gefolgt wird, bevor in den Hauptstädten über weitere Maßnahmen entschieden wird.

Wir wollen, dass die Inspektionsergebnisse der Vereinten Nationen, die wir ja schließlich verlangt hatten, auch berücksichtigt werden können. Mein Eindruck ist, dass diese Erwartung auch von der amerikanischen Seite verstanden worden ist und in die eigene Entscheidungsfindung mit einbezogen werden wird.

Damit widerspricht Deutschland der Erklärung und lehnt weitere Maßnahmen vor der Vorlage eines Berichtes der Vereinten Nationen ab, ohne die USA völlig zu brüskieren - ein diplomatisches Kunststück (vgl. dazu auch Deutsche Medien im Kriegsrausch und Wie Merkel ihr "No!" widerrief).

"Die Welt kann nicht warten" - Der Syrien-Aufruf im Original

The White House
Office of the Press secretary

Immediate Release

September 06, 2013
Joint Statement on Syria

The Leaders and Representatives of Australia, Canada, France, Italy, Japan, Republic of Korea, Saudi Arabia, Spain, Turkey, the United Kingdom and the United States of America made the following statement on the margins of the Group of 20 Nations Leader’s Meeting in Saint Petersburg, Russia:

The international norm against the use of chemical weapons is longstanding and universal. The use of chemical weapons anywhere diminishes the security of people everywhere. Left unchallenged, it increases the risk of further use and proliferation of these weapons.

We condemn in the strongest terms the horrific chemical weapons attack in the suburbs of Damascus on August 21st that claimed the lives of so many men, women, and children. The evidence clearly points to the Syrian government being responsible for the attack, which is part of a pattern of chemical weapons use by the regime.

We call for a strong international response to this grave violation of the world’s rules and conscience that will send a clear message that this kind of atrocity can never be repeated. Those who perpetrated these crimes must be held accountable.

Signatories have consistently supported a strong UN Security Council Resolution, given the Security Council's responsibilities to lead the international response, but recognize that the Council remains paralyzed as it has been for two and a half years. The world cannot wait for endless failed processes that can only lead to increased suffering in Syria and regional instability. We support efforts undertaken by the United States and other countries to reinforce the prohibition on the use of chemical weapons.

We commit to supporting longer term international efforts, including through the United Nations, to address the enduring security challenge posed by Syria’s chemical weapons stockpiles. Signatories have also called for the UN fact finding mission to present its results as soon as possible, and for the Security Council to act accordingly.

We condemn in the strongest terms all human rights violations in Syria on all sides. More than 100,000 people have been killed in the conflict, more than 2 million people have become refugees, and approximately 5 million are internally displaced. Recognizing that Syria’s conflict has no military solution, we reaffirm our commitment to seek a peaceful political settlement through full implementation of the 2012 Geneva Communique. We are committed to a political solution which will result in a united, inclusive and democratic Syria.

We have contributed generously to the latest United Nations (UN) and ICRC appeals for humanitarian assistance and will continue to provide support to address the growing humanitarian needs in Syria and their impact on regional countries. We welcome the contributions announced at the meeting of donor countries on the margins of the G20. We call upon all parties to allow humanitarian actors safe and unhindered access to those in need.

European signatories will continue to engage in promoting a common European position.

Putins "Njet"

Es ist nicht zu erwarten, dass China, Russland und Indien diesen Affront hinnehmen werden. In einem in Deutschland fast unbeachteten Interview mit Associated Press am 4. September sagte Wladimir Putin nämlich, dass das russische "Njet" gar nicht nur auf Russlands Verbündeten Syrien bezogen sei, sondern eine Grundsatzentscheidung darstelle:

Unsere prinzipielle Einstellung dazu lautet, dass jeglicher Einsatz von Massenvernichtungswaffen jeder Art und von beliebigen Akteuren von uns als Verbrechen angesehen wird.

Damit werden aber auch Drohnen und Cruise Missiles zu ächtende Massenvernichtungswaffen, nicht nur Giftgasgranaten. Sobald der Begriff der Massenvernichtungswaffen auf die überwiegend von den USA und Israel eingesetzten Fliegerbomben ausgedehnt würde, wäre ein aus der Luft geführter Krieg generell ein Verbrechen - mit enormen Konsequenzen für die internationale Waffenindustrie wie für die Politik.

Ob Putin das wirklich so gemeint hat? Wenn ja, wäre Russlands Ablehnung des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen der größte Erfolg der Friedensbewegung in der Weltgeschichte.

[Update]: Inzwischen (19.00 Uhr ) hat die US-Regierung eine weitere Pressemitteilung mit den Nachzüglern veröffentlicht. (Alexander Dill)