Deutschland im Delta-Fieber: Die Inzidenz sinkt, die Sorge wächst

Bild: J. Ketelaars/Pixabay

Ein hohes Impftempo wird nun noch wichtiger. So auch in Großbritannien, wo die Corona-Variante offenbar bereits 99 Prozent ausmacht. Der britische Impfausschuss wird dennoch voraussichtlich die Impfung für Kinder und Jugendliche nicht empfehlen

Mit einem Inzidenzwert von 10,3 geht Deutschland heute ins Wochenende. Zudem hat jeder Zweite bereits die erste Impfung bekommen. So niedrig die Infektionszahlen sind, die Sorge vor einer vierten Welle bleibt und wächst sogar.

Spätestens im Herbst, so die übereinstimmende Meinung, wird sich die noch ansteckendere Delta-Variante auch in Deutschland stark verbreiten. In einem Instagram-Live-Interview mit Business Insider hat SPD-Politiker und Talkshow-Marathonmann Karl Lauterbach in diesem Zusammenhang erneut die Bedeutung der Impfung für Kinder und Jugendliche betont.

Ich hätte mir gewünscht, dass wir unseren Kindern ein unkompliziertes Impfangebot machen…Ich finde es nicht richtig, dass wir die Kinder voll ins Risiko gehen lassen.

Karl Lauterbach

Mit seinen Worten spielt Lauterbach darauf an, dass die Stiko die Schutzimpfung für Jugendliche ab 12 Jahren nur empfiehlt, wenn bestimmte Risikofaktoren vorliegen.

"Gerade bei der Delta-Variante haben wir in England gesehen, dass von den infizierten Kindern ein Prozent so schwer erkranken, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. Das ist keine Kleinigkeit", so Lauterbach in der Fernsehsendung "rbb Spezial".

In Großbritannien, wo die Infektionszahlen wieder gestiegen sind und die Delta-Variante inzwischen nach aktuellen Regierungsangaben (Public Health England) 99 Prozent der Neuinfektionen ausmacht, steht nun ebenfalls die Entscheidung an, ob der Impfausschuss JCVI die Impfung für Jugendliche unter 18 Jahren empfiehlt.

Die Diskussion verläuft ähnlich wie in Deutschland: "It's a difficult decision" (Calum Semple, Mitglied der wissenschaftlichen Beratungskommission der britischen Regierung für Notfälle - Sage, Kinderarzt, Professor für Kindermedizin, Spezialist für "outbreak medicine"). Der direkte Nutzen der Impfung für die Kinder wäre gering, wird einerseits argumentiert; anderseits wird vorgebracht, dass die Impfung von Kindern und Jugendlichen die Zahl der Infektionen in der gesamten Gesellschaft verringern könnte und damit zum Schutz von Erwachsenen und besonders gefährdeten Personen beitragen und die Schulen offen halten würde.

Die Aufsichtsbehörde des Gesundheitsministeriums MHRA (Medicines and Healthcare products Regulatory Agency) hatte kürzlich die Impfung von 12- bis 15-Jährigen mit dem Pfizer-BioNTech-Impfstoff genehmigt - wie dies in der EU der Fall ist. Der Impfstoff sei für diese Altersgruppe sicher und wirksam, der Nutzen überwiege die Risiken.

Die Entscheidung darüber, ob die diese Altersgruppe künftig Teil der Impfkampagne in Großbritannien wird, obliegt aber dem Impfausschuss JCVI. Von dort kommen Signale, dass es so schnell kein grünes Licht dafür geben wird. Wie die BBC und der Telegraphvon ihren Quellen berichten, werde Ministern von der massenhaften Einführung von Covid-Impfungen bei Kindern abgeraten, bis Wissenschaftler mehr Daten über die Risiken erhalten.

Bei ihrem Treffen sollen die JCVI-Mitglieder "ernsthafte ethische Bedenken gegen die Impfung von Kindern" geäußert haben, da diese selten ernsthafte Krankheiten durch Covid erleiden. Man brauche mehr Zeit, um Studien über die Einführung des Impfstoffs in anderen Ländern zu bewerten, in denen Kinder geimpft werden - einschließlich der USA und Israel - bevor entschieden werde, ob ein solches Programm in Großbritannien eingeführt werden sollte.

Eine Quelle aus dem Whitehall (britische Regierung, Anm. d.A.) sagte: "Niemand wird in diesem Stadium grünes Licht für die Massenimpfung von Kindern geben."

Telegraph

In der britischen Diskussion wird auch besprochen, ob es moralisch richtig ist, Kinder in Großbritannien zu impfen, wenn so viele gefährdete Menschen in ärmeren Ländern immer noch nicht geimpft sind. Dieser Punkt wurde in Deutschland bisher wenig berücksichtigt. (Thomas Pany)