Deutschland im Visier von Außerirdischen?

Große Sternschnuppe führt zu UFO-Fantasien und lässt wieder einmal die Frage entstehen, warum man eine Naturerscheinung auch im Zeitalter der Wissenschaft lieber ins Reich des Irrealen verlegt

Etliche Zeitungen des Raumes Hildesheim-Freiburg bis hinüber nach Basel berichteten am 27.03.2007 von erregten und verunsicherten Bürgern, die gegen 21:30 am Abend des Vortages ein großes Licht am sternenklaren Himmel sahen und per Notruf ein "UFO" meldeten. Da war von einem "rötlich-gelben Schweif" und "orangenen Splittern" die Rede, die sich am abendlichen Himmel fünf Sekunden lang völlig lautlos vorwärts bewegten. Zur Beruhigung derer, die einen Angriff von Außerirdischen befürchteten, wurde die Telefonnummer der "Deutschen UFO-Hotline" angegeben oder die Möglichkeit des Anrufes bei jeder Polizeidienststelle empfohlen.

Zum Glück sollte es sich diesmal, laut Werner Walter vom Centralen Erforschungsnetz außergewöhnlicher Himmelsphänomene (CENAP) in Mannheim, nur um eine Großsternschnuppe handeln. Wie es derart Himmelsboten meistens handhaben, wollte sie sich nach dem Eintritt in die höheren Schichten der Erdatmosphäre funkensprühend wie eine Wunderkerze von ihrem Weltallausflug, in Tausende kleine Teilchen zerfallend, spektakulär verabschieden.

"Es habe sich um eine so genannte 'Großstadt-Sternschnuppe' gehandelt, erklärte der Hobby-Astronom. Eine solche zu sehen, sei ein besonderes Erlebnis, sagte er und sprach von einem 'himmlischen Lotto-Sechser'. Der Ball, halb so groß wie ein Vollmond, habe sich in die Länge gezogen, sei plötzlich 'wie beschweift' gewesen und habe sich mit großer Geschwindigkeit vom Süden in den Norden bewegt", berichtete die NZZ.

Da liefen die Telefone heiß! Zahlreiche Nachtschwärmer überkam ein gruseliges oder erwartungsfrohes Gefühl, denn man konnte es ja nicht wissen: Kommen sie jetzt – die kleinen grünen Männchen? Auch Nachrichtenagenturen mischten mit: Ein ehemaliger Berufssoldat habe die Sternschnuppe für eine "durchgehende Rakete" gehalten, hieß es. Beweis dafür, dass Deutschland jederzeit wachsam gegenüber unerklärlichen Erscheinungen ist. Die ungewöhnliche Feuerkugel hielt auch Beobachter in zahlreichen Internet-Foren in Atem, da war u. a. von „ziemlich krassen Boliden“ die Rede. Im Lagezentrum beim Innenministerium Baden - Württemberg blieb dagegen alles ruhig. "Wir haben keine Meldung bekommen", sagte ein Sprecher am Dienstag in Stuttgart. Aus der Schweiz kam zum allgemeinen Aufatmen die amtliche Entwarnung – eine Wetterstation bestätigte anhand eines Fotos den in der Regel harmlosen Funkensprüher.

So weit alles ganz interessant und alles ganz aufregend. Nur kann man sich auch die Frage vorlegen, wie es eigentlich in einem Jahrhundert der Wissenschaft und der Hochtechnologien zu dem Sachverhalt kommt, dass unzählige Menschen bei solchen Anlässen hysterisch reagieren oder die Deutung der völlig plausiblen Naturerscheinung ins Reich des Irrealen verlagern?

Die kaum zurückliegende Nacht bewies es wieder: Es kamen die Aliens, die fliegenden Untertassen, allerlei außerirdische hochintelligente Wesen in ihren Raumfahrzeugen. Sicher werden sich allen Ernstes Zeugen melden, die mit den Klingonen Kaffee tranken oder von ihnen gar vergewaltigt wurden. Manch einer hat vielleicht noch schnell sein Hab und Gut verscherbelt, weil er gemeinsam mit den in seinem Vorgarten gelandeten Untertassenpiloten endlich das schreckliche Deutschland verlassen wollte.

Ist es das Ergebnis einer fast orientierungslos dahindriftenden Gesellschaft? Ist die Bildung noch viel katastrophaler, als es uns die PISA-Untersuchungen vermitteln wollen? Sind es die Sehnsüchte der Menschen, aus ihrem oft tristen Alltag heraus das Heil in der Flucht ins Transzendente zu suchen? Liegen die Ursachen im Einfluss der Medien? Massenhaft zieren z.T. erschreckende Fabelwesen die Kinoleinwände, oft im Weltraum angesiedelt und nur darauf wartend, uns Erdenbürger zu versklaven oder zu vernichten. Aus vielen Büchern und Computerspielen schwappt schließlich das Blut von durch Außerirdischen hingemeuchelten Erdlingen.

Oder sind es die Träume in uns von den unendlichen, für uns wahrscheinlich nie erreichbaren Weiten eines Raumes, den wir so gern durchschritten hätten, um dabei unsere interstellaren Mitbewohner begrüßen zu können? Könnte es nicht trotz aller Unkenrufe gerade unsere hohe Bildung sein, die uns überhaupt erst zu Denkprozessen befähigt, die das Existieren außerirdischer Lebewesen, egal in welcher Form und Intelligenz, von uns erwarten lässt? Befinden wir uns in einem Spagat zwischen Mittelalter und Hochkultur? Weshalb behaupten immer wieder unterschiedlichste Autoren unwidersprochen in ihren Werken, dass es „da draußen“ garantiert hochintelligente Lebewesen gibt? Haltlos wissenschaftlich verbrämt dazu!

Viele Fragen, viele Antworten! Fest steht beim heutigen Erkenntnisstand der Menschheit nur eines: Es hat eine für das menschliche Leben unvorstellbar lange Zeit von etwa 4 Milliarden Jahre benötigt, um dem Leben auf der Erde eine Heimstatt zu geben. Nachdem die Abkühlungsvorgänge auf unserem vormals heißen Planeten zum Kondensat Wasser führten, was seine Oberfläche bedeckte und somit die Voraussetzung zur Entstehung lebendiger Materie wurde, war der Startschuss der Entwicklung intelligenter Lebewesen gegeben. Dass es dabei wie in einer brodelnden Hexenküche zugegangen sein muss, kann sich jeder vorstellen, der im Chemieunterricht etwas von Reaktionsparametern, Molekülen und unterschiedlichsten Elementen aufgenommen hat. Wenn es der Zufall wollte, entluden sich zur rechten Zeit bei Anwesenheit der benötigten Gase die unvorstellbaren Ladungen gewaltiger Blitze und ließen so über viele Stufen die Grundbaustoffe des Lebens, die Eiweiße, entstehen. Wiederum im passenden Moment mussten sich dazu die notwendigen Temperaturen, Drücke, Reaktionszeiten und Konzentrationen ein genau aufeinander abgestimmtes Stelldichein geben.

Die Wahrscheinlichkeit, im Lotto den Hauptgewinn einzufahren, ist gegenüber der Wahrscheinlichkeit, dass an anderen Orten des Universums sich genau diese lebensbildenden Vorgänge wiederholt haben, extrem gering bis nahezu unwahrscheinlich. Auch die unzähligen Galaxien mit ihren unendlich vielen Sternen ändern an diesem Sachverhalt nichts. Da es aber das Absolute nicht gibt, haben vielleicht andere Ausgangselemente anstelle von Kohlenstoff, Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff in den endlosen Weiten uns vollkommen unvorstellbare Lebensformen entstehen lassen. Intelligent und hochentwickelt könnten diese auch sein oder werden, trotzdem wird die Tiefe des Raumes eine schier unüberwindliche Barriere gegenseitiger Kontaktaufnahme bleiben. Die Frage, ob vier Milliarden Jahre zur Entwicklung handlungsfähiger intergalaktischer „Mitbewohner“ ausreichend sind, ist dabei noch völlig unbeantwortet.

Nun naht eine neue Nacht mit einem sternenklaren Himmel, wo es hoffentlich die Menschen beim Eintreten ungewohnter natürlicher Vorgänge vor Verzückung und Ehrfurcht in ihrem Tun und Denken einhalten lässt, anstatt diese wunderbaren Momente mittels dümmlichen Verhaltens zu entweihen. Denn fest steht: Irgendwann wird es wieder einen funkensprühenden Gruß an die Erde aus dem All geben.

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