Deutschland ist nur ein Rädchen

Warum die De-Globalisierung kein Lösungsweg für die Zukunft Deutschlands ist.

Die Zeiten, in denen eine Arbeitskraft ein bestimmtes Produkt vollstufig von Grund auf selbst entwickelt, anfertigt und verkauft, sind in den meisten Bereichen schon längst Vergangenheit. Solch ein Allrounder müsste für jedes Stück einen so hohen Preis fordern, dass ihn kaum noch jemand bezahlen könnte. Und so hat sich spätestens mit der Industrialisierung eine Arbeitsteilung etabliert, bei welcher der gesamte Produktionsprozess in zahlreiche Einzelschritte aufgeteilt wurde.

Im Laufe der Zeit hat sich in Folge der Arbeitsteilung eine Struktur entwickelt, bei der sich die Zulieferer einerseits immer stärker auf eine Komponente konzentrieren, die sie in großen Stückzahlen für mehrere Kunden günstiger produzieren können als diese selbst. Auf diese Weise konnten die japanischen Kamerahersteller in den 1970er-Jahren die Produktionskosten so stark reduzieren, dass der europäische und US-amerikanische Wettbewerb in großen Teilen zur Aufgabe gezwungen wurde.

Einzig die Großlabore für die Entwicklung von Filmen und Abzügen hatten hierzulande noch eine Gnadenfrist. Mit der Digitalisierung der Kameratechnik und der weitgehenden Ablösung des Filmmaterials durch Bildsensoren wurde eine andere Lieferkettenstruktur immer wichtiger und die begann bei den digitalen Kompaktkameras und ihrer Produktion in China.

Für die Integration immer besserer Kameramodule in Smartphones hatte man im Reich der Mitte dann schon eine gute Ausgangsposition. Heutzutage kommen auch Smartphonehersteller, die in Europa produzieren, kaum mehr ohne fernöstliche Zulieferer aus. Traditionelle deutsche Optikmarken wie Leica oder Zeiss liefern in erster Linie die Marke und dann noch das optische Know-how.

Wer seine Smartphones heute wieder in Deutschland montiert, greift meist auf Teile aus Fernost zurück und verarbeitet diese in vollautomatisierten Fertigungsstraßen fast ohne Personaleinsatz. Lediglich das Betriebssystem kommt bei diesen Geräten noch aus den USA, weil die sich auf diesen Zulieferungsanteil konzentriert haben, der den Vorteil hat, die Nutzung der Smartphones leichter überwachen zu können.

Von der verlängerten Werkbank zur Verlagerung der Entwicklung

Wurden die Küstenstädte Chinas ursprünglich gerne als verlängerte Werkbänke für die preiswerte Fertigung von Produkten gesehen, deren Herstellung weder in den USA noch in Europa rentabel möglich war, um den Preis so günstig zu gestalten, dass beispielsweise Anbieter wie Walmart in den USA ihre Umsätze halten konnten, haben chinesische Unternehmen sich zunehmend in der Produktentwicklung engagiert und diese ergänzt durch Portfolios mit Intellectual Property und eingeführten Markennamen aus den Industrieländern.

Ein Beispiel dafür war der chinesische PC-Assembler mit dem englischen Namen "Legend", der das gesamte IBM-PC-Sortiment und die spezifischen Markennamen wie ThinkPad übernahm und seine Namen in Lenovo änderte.

Auch der ehemalige Kühlschrankhersteller Haier hat über eine Kooperation mit dem deutschen Hersteller Liebherr sein Know-how optimiert und in der Folge durch innovative Managementmethoden für eine schnelle Erweiterung des Produktsortiments gesorgt und dann zuerst für die Weiße Ware die japanische Marke Sanyo von Panasonic übernommen und für den japanischen Markt den Haushaltsgerätebereich von General Electric.

In Deutschland hat die vom Deutschen Horst Julius Pudwill mit Sitz in Honkong 1985 gegründete, mit ihrer Fertigung in Shenzen erfolgreiche Techtronic Industries den ehemaligen Bereich AEG Elektrowerkzeuge gesichert und den Namen in AEG Powertools internationalisiert. Gemeinsam mit der japanischen Marke Ryobi und den US-Marken Milwaukee und Hoover. Die Marke Hoover wird vor allem in Nordamerika genutzt, während sie in Europa zum italienischen Hersteller Candy und damit zum chinesischen Haier-Konzern gehört.

Die Abwanderung der europäischen Produktion und im Nachgang auch der Produktentwicklung, bei der den europäischen Führungskräften zumeist gutbezahlte Tätigkeiten in Fernost angeboten wurden, konnte man beispielsweise an der Schwarzwälder Firma Huger verfolgen, die inzwischen über Oregon Scientific an die in Hongkong gelistete Firma IDT International Limited verkauft wurde, wobei das Know-how der alteingesessenen Barometer-Firma mit wanderte.

Im Rahmen der Internationalisierung wurde dann auf den deutschen Namen Huger verzichtet, weil dieser nur im deutschsprachigen Raum bekannt war.

Welche Widerstände mit einer De-Globalisierung verbunden wären

Die sich verstärkende Globalisierung von Produktentwicklung und Produktion hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass einerseits die Produkt- und Markenauswahl immer weiter zunahm, und dass andererseits immer mehr Rechte und Patente an Firmen US-amerikanischer Investoren übergingen, die für die weitere Nutzung der eingeführten Namen Lizenzen für die Markenpflege verlangen.

Die Forderungen, dass wieder mehr Fertigung in die alten Industriestaaten verlagert werden, hat in der Praxis oft dazu geführt, dass chinesische Lohnfertiger in diesen Ländern neue hochautomatisierte Produktionen etablierten, bei denen Arbeitsschritte subventioniert wurden, auch wenn diese in keinem direkten Zusammenhang mit neuen Arbeitsplätzen standen. Ohne chinesische Zulieferungen sind heute digitale elektronische Geräte in den alten Industriestaaten nicht mehr zu produzieren.

Auf der anderen Seite wären viele Hersteller hierzulande kaum überlebensfähig, wenn sich nicht nach Asien exportieren könnten. Für den Volkswagenkonzern ist China heute der vor Deutschland wichtigste Markt.

Ein Verzicht auf diesen Markt würde auch in Europa für den Verlust von Arbeitsplätzen sorgen, weil hier die Kaufkraft im Gefolge der zunehmenden Inflation eher sinkt als steigt. Von einer De-Globalisierung würde letztlich niemand profitieren, weil der Verlust von Arbeitsplätzen und kostengünstigen (Vor-)Lieferanten nicht aufzufangen wäre und zahlreiche Firmen und Produkte vom Markt verschwinden würden. (Christoph Jehle)