"Deutschland kann das schaffen!"

Plastargias (links) mit Flüchtlingen bei Filmprojekt. Bild: Jana Schlegel

Der Frankfurter Sozialarbeiter Jannis Plastargias ist optimistisch: Ein Gespräch über Massenunterkünfte und langfristige Perspektiven

Der Sozialarbeiter Jannis Plastargias, selbst Sohn griechischer Gastarbeiter, betreut in einer Frankfurter Beratungsstelle Flüchtlinge aus unterschiedlichen Ländern. Er hilft ihnen, in Deutschland anzukommen, versucht, Probleme zu lösen, vermittelt zwischen seinen Klienten und den Ämtern - und bekommt täglich mit, wo Probleme bestehen und wie die Lage Schritt für Schritt besser wird. Er ist zuversichtlich und stellt der Instrumentalisierung durch rechtspopulistische Parteien die Realität entgegen, die zur Krise hochstilisiert wurde.

Ich habe gehört, Sie wurden kürzlich zu einem afghanischen Essen eingeladen...
Jannis Plastargias: Ja, bei einer achtköpfigen Familie, die zuvor ziemliche Probleme in ihrer Unterkunft hatte. Der Mann war mit Herzproblemen im Krankenhaus, und in so einer gesundheitlichen Lage ist eine laute Massenunterkunft keine gute Umgebung. Meine Kollegen und ich haben dann mit einiger Mühe eine Wohnung finden können. Und einen der Söhne habe ich bei einem Kurzfilmprojekt untergebracht, bei dem es auch um die Lage von Flüchtlingen ging. Das sehr schöne gemeinsame Abendessen war der Dank dafür.
Seit rund einem Jahr betreuen Sie als Sozialarbeiter Flüchtlinge und vermitteln auch zwischen den Menschen und den zuständigen Ämtern.Wie ist denn die derzeitige Lage? Wie geht es den Menschen?
Jannis Plastargias: In der Beratungsstelle führen wir mit allen in der Regel fünf Gespräche, bei denen es in erster Linie um Integration geht. Man erklärt das, was für Behördengänge relevant ist, klärt auf über Deutschkurse, den Arbeitsmarkt und versucht gemeinsam mit den Klienten, etwas auf die Beine zu stellen. Alle zwei Monate gibt es ein weiteres Gespräch, in dem wir nachfragen, wie die Integration gelingt und Hilfestellung anbieten. Hinzu kommt, dass wir zwischen unseren Klienten und den Behörden vermitteln. Zum Beispiel wenn es um Gelder geht. Die Bescheinigung zur Meldung als Asylsuchender (BüMA) muss verlängert werden, und wenn das jemand nicht tut, können Gelder gestrichen werden. Dann erklären wir die Hintergründe und helfen. Viele haben vielschichtige Probleme, weshalb es auch oft mehr als die angedachten fünf Gespräche gibt.
Ihre Klienten sind Syrer, Iraker, Afghanen, Iraner, Somalier. Wie erleben Sie die Kommunikation; gibt es Schwierigkeiten?
Jannis Plastargias: Die meisten kommen aus Afghanistan. Weshalb das so ist, wissen wir nicht genau. Das hat auch damit zu tun, wie die Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in Deutschland verteilt werden. In Frankfurt haben wir viele Eritreer, und in letzter Zeit kommen wieder vermehrt Asylsuchende aus der Türkei. Serben, Albaner, Mazedonier sind eher schwierig, da deren Anträge meist abgelehnt werden.
Wenn es um Duldung oder Abschiebung geht, kommt es auch zu traumatischen Situationen, die Betroffenen sind oft hilflos, wir müssen ihnen dann die Lage erklären. An den Beratungstagen werden wir von Dolmetschern unterstützt. Aber generell läuft es gut. Ich habe schon immer mit Migranten gearbeitet, bin ja selbst Gastarbeiterkind. Und ich habe selten so viel Dankbarkeit erlebt. Wenn etwas gut läuft, wird das spürbar wertgeschätzt.
Wenn etwas gut läuft - was heißt das? Mit welchen Anliegen kommen die Menschen in die Beratung?
Jannis Plastargias: Wir melden die Klienten bei Deutschkursen, zum Beispiel bei den Volkshochschulen, an und erklären ihnen die Abläufe. Wir vermitteln die Menschen in Integrationskurse, indem wir ihnen helfen, die Anträge ans BAMF auszufüllen, damit sie einen Berechtigungsschein erhalten und möglichst Kurse nahe ihrer Unterkunft wahrnehmen können. Wir versuchen, Anhörungstermine beim Bundesamt für Migration (BAMF) zu bekommen, was relativ gut funktioniert, wenn sie bereits vorher einen Termin hatten, der aber nicht zustande kam - ansonsten können auch wir relativ wenig tun.
Wir können beraten, wenn es um Jobs geht, Orientierung bieten. Schwieriger wird es bei Wohnungen, denn der Frankfurter Wohnungsmarkt ist überlastet. Es gibt kaum noch Sozialwohnungen. Hinzu kommt, dass viele Vermieter keine Flüchtlinge in ihren Wohnungen haben wollen.
Weshalb?
Jannis Plastargias: Das können wir nicht wirklich nachvollziehen, zumal es eine sichere Sache ist für die Vermieter, denn das Geld kommt ja immer pünktlich vom Amt. Aber offenbar sind die Vorbehalte noch zu groß. Wenn jemand trotzdem eine Wohnung gefunden hat, helfen wir wieder, schreiben beispielsweise Möblierungsanträge, suchen Stellen, wo es billige Möbel gibt. Auch dafür sind die meisten sehr dankbar.
Es ist schwierig, Wohnungen zu finden - das heißt, die Flüchtlinge leben in Massenunterkünften. Für wie lange? Und was bedeutet das, wie kommen die Leute damit zurecht?
Jannis Plastargias: Die geflüchteten Menschen kommen erstmal in eine riesige Erstaufnahmeeinrichtung, manchmal sind da tausend Leute oder mehr drin. Wer in 2015 angekommen ist, hat monatelang in solchen Hallen gelebt, wurde dann nach Frankfurt geschickt und steht hier wieder vor einer ähnlichen Situation. Das kann extrem nervenaufreibend sein.
Es gibt niemals Privatsphäre. Es ist fast immer laut; die einen wollen um 22 Uhr schlafen, andere spielen noch Tischtennis oder Fußball in einem anderen Hallenteil; es gibt dort Familien mit Kindern, die Ruhe brauchen, zusammen mit Jüngeren, die lieber feiern; man hat nichts Wirkliches zu tun und geht sich gegenseitig auf die Nerven. Noch schlimmer war es im Winter, als das Wetter lange schlecht war und die Leute kaum raus konnten und deshalb pausenlos zusammenhockten.
Bei allen liegen die Nerven blank, was gut nachvollziehbar ist. Ich finde auch, dass sowas kein geeigneter Ort ist für teils traumatisierte Menschen, die gerade erst eine Flucht hinter sich haben.
Und was für eine Perspektive haben diese Menschen?
Jannis Plastargias: Schwer zu sagen. Viele spüren eine Perspektivlosigkeit, weil die Prozesse zum Teil sehr lange dauern. Es kommt zu langen Wartezeiten, z.B. bei der Vermittlung in Deutschkurse. Das erschwert die Jobsuche. Es gibt kaum Jobs, die man ohne Deutschkenntnisse machen kann. Und monatelang zur Untätigkeit gezwungen zu sein, ist zermürbend und frustrierend.
Dabei gibt es Perspektiven. Es dauert nur, weil im letzten Jahr so viele Menschen auf einmal kamen. Man hat das Gefühl, das die Behörden damit nicht gerechnet haben, obwohl es Stellen gab, die das vorhergesagt hatten. Aber es ist den Städten scheinbar nicht gelungen, sich ausreichend darauf einzustellen. Aber inzwischen laufen die ersten Berufsbildungsmaßnahmen an, erste Flüchtlinge können in Arbeit vermittelt werden, und das funktioniert auch gut.
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