Deutschland liefert Gas nach Marokko, während in Europa Einschnitte drohen?

Symbolfoto: Flansch-Verbindung einer Pipeline; Bild: Wikimedia/GNU FDL

Über Spanien wird Marokko mit Gas beliefert. Algerien ist erzürnt und erhöht den Druck, begründet mit "technischen Problemen" an der Pipeline. Ein Kommentar.

Es ist erstaunlich, wer alles Gas aus Europa erhält, welches doch angeblich so dringlich vor allem in Deutschland gebraucht wird. Dafür sollen sogar, gegen alle Sicherheitsbestimmungen, gefährliche Atomkraftwerke im Streckbetrieb weiterlaufen, um Frankreich vor dem Blackout zu retten.

Nicht nur Frankreich wird aus Deutschland mit Gas und viel Strom versorgt. Auch Marokko wird für sein untragbares Verhalten auf mehreren Ebenen nicht bestraft, sondern aus Madrid, Brüssel und Berlin sogar noch belohnt. Offenbar wird jetzt, dass RWE wahrgemacht hat, was Algerien erzürnt.

Gas wird über die Pipeline Maghreb-Europa von Spanien nach Marokko geleitet. Jedoch: Über die Röhre sollte und könnte eigentlich Gas aus Algerien nach Europa fließen, wenn sich Spanien und Marokko nicht völkerrechtswidrig in der Frage der Westsahara verhalten würden.

Hätte Spanien nicht im Dauerkrieg mit Katalonien die MidCat-Pipeline beerdigt, könnte das algerische Gas längst nach Frankreich und Deutschland fließen und den Notstand lindern.

"Deutschland liefert Gas nach Marokko, während in Europa Einschnitte drohen", titelte etwa die spanische Online-Zeitung Diario 16 zu dem Vorgang. Angeblich handelt es sich um Flüssiggas aus den USA, das in Spanien regasifiziert wird, lautet die offizielle Version.

Die Wirtschaftszeitung El Economista erklärte zu dem Vorgang, dass dem autokratischen Königshaus ein "Luxus" gewährt werde, "den die europäischen Bürger nicht genießen können".

Gas fließt nun in umgekehrter Richtung

Marokko verfügt über kein LNG-Terminal. Das Land lässt deshalb in Spanien regasifizieren. Die Maghreb-Europa-Pipeline wurde zur Europa-Maghreb-Pipeline umfunktioniert und Gas fließt nun in umgekehrter Richtung.

So fragt auch die deutsche Wirtschaftswoche angesichts der Gaskrise: "Aber wäre das Erdgas nicht besser auf dem europäischen Kontinent aufgehoben?". Dem Autor dieser Zeilen stellt sich zudem die Frage, wie das bitterarme Marokko das extrem teure Gas aus den USA bezahlt, wenn schon deutsche Verbraucher unter den extremen Preisen stöhnen.

Das nordafrikanische Algerien wedelt jedenfalls längst preistreibend mit der gelb-roten Karte in Richtung Spanien, da die Hilfskonstruktion ein Witz ist. Es ist egal, ob Gas aus Algerien oder das teure Frackinggas aus den USA nach Marokko fließt, da mit dem einen das andere ersetzt wird und Gas insgesamt in Europa fehlt.

"Technische Probleme"

Wie Nord-Stream 1 bekommt seit den Lieferungen nach Marokko auch die direkte Medgaz-Pipeline zwischen Algerien und Spanien nun "technische Probleme". Bisweilen fließt inzwischen noch weniger Gas aus Algerien nach Spanien.

Es ist zu vermuten, dass sich ein solcher "Zwischenfall" im Herbst und im Winter öfter wiederholen könnte, wenn sich an einer Praxis nichts ändert, die für europäische Konsumenten schlecht ist. Algerien, das bis zum vergangenen Herbst der größte Gaslieferant Spaniens war, hatte unmissverständlich klargestellt: Sollte nur ein einziges algerisches Gasmolekül nach Marokko gelangen, werde man den Gashahn nach Spanien komplett abstellen.

Das Problem der Nachbarn Marokko und Algerien

Doch auch, was die Gaslieferungen aus Spanien betrifft, sitzt Marokko inzwischen derart auf dem Trockenen, dass der autokratische König in fast weinerlichem Ton bekundet, die Beziehungen zum Nachbarn normalisieren zu wollen.

Wie Telepolis berichtete (siehe: Algerien stoppt Gaslieferungen Richtung Spanien), war ein Vertrag zwischen Algerien und Marokko im vergangenen Jahr ausgelaufen, weshalb über die Pipeline Maghreb-Europa auch kein Gas mehr nach Spanien und Portugal fließt, damit Marokko sich nicht illegal dort bedienen kann.

Dabei wäre es so einfach, die Beziehungen zwischen den nordafrikanischen Nachbarstaaten zu normalisieren. Marokko müsste nur seinen Krieg mit den Saharauis in der Westsahara beenden, in dem bisweilen sogar algerisches Gebiet bombardiert wird.

Marokko müsste endlich das von der UNO geforderte Referendum über die Unabhängigkeit durchführen, das in 30 Jahren Waffenstillstand mit der Polisario gezielt hintertrieben wurde.

Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die spanischen Sozialdemokraten gegen alle Parteien im Land auf das falsche Pferd gesetzt haben, als sich die Regierung im Frühjahr auf die Seite Marokkos in der Westsahara-Frage geschlagen hat. Berichtet wurde an dieser Stelle aber auch, dass man im grünen Baerbock-Außenministerium ebenfalls "völkerrechtliche Prinzipien" für eine dubiose grüne Wasserstoff-Strategie billig verkauft und dafür die Gasversorgung noch stärker aufs Spiel setzt.

Der politische Einsatz von Überwachung

Besonders pikant an den Vorgängen ist, dass es mit allergrößter Wahrscheinlichkeit Rabat war, das über Pegasus den spanischen Regierungschef Pedro Sánchez, den französischen Präsidenten Emmanuel Macron und andere ausgespäht haben dürfte.

Immer mehr Menschen fragen sich in Spanien, welche pikanten Daten wohl vom Handy des Regierungschefs oder anderer Regierungsmitglieder gesaugt wurden, damit Spanien sich auf die Seite von Marokko geschlagen und Algerien und den Saharauis vor das Schienbein getreten hat. Dazu kommt, dass Marokko lange Jahre mit der Flüchtlings- und Einwanderfrage Spanien und die EU erpresst hat.

Pikant an den Vorgängen ist auch, was inzwischen auch im Spiegel berichtet wurde, dass es die EU-Kommission war, die Marokko zum Beispiel auch Spitzel-Software zur Bekämpfung der angeblichen "illegalen Einwanderung" geliefert hat.

Mit der französischen Medienorganisation Disclose wurde das aufgedeckt. "Brüssel (stellte) den marokkanischen Behörden 2019 Überwachungstechnologie zur Verfügung, die den Zugriff auf sichergestellte Telefone ermöglicht." Journalisten und Aktivisten hätten unter "Schikanen durch die Behörden" gelitten.

Darunter dürfte auch die Journalistin Helena Maleno sein, die aus Marokko nach Spanien deportiert wurde. Leute wie sie sollen nicht über massive Menschenrechtsverletzungen, neuerdings auch Massaker an den Grenzen berichten, die der Vorposten Marokko begeht und von den spanischen Sozialdemokraten sogar beklatscht wird.

Interessant ist, dass man inzwischen in Washington gemerkt hat, dass es keine gute Idee ist, Algerien immer weiter in Richtung Russlands zu treiben. Algerien, das inzwischen in die Brics-Staaten aufgenommen werden will, führt demnächst an der Grenze zu Marokko mit Russland ein Militärmanöver durch.

Die USA, die unter Trump plötzlich die Richtung vorgaben und die Souveränität Marokkos über die Westsahara anerkannt haben, rudern inzwischen zurück. Die Biden-Regierung hat zwar den Beschluss nicht zurückgenommen, aber das große Manöver "African Lion", das seit 18 Jahren in Marokko durchgeführt wurde, wurde nun abgeblasen.

Die dauernden Aggressionen gegen die Westsahara hätten den Ausschlag gegeben, heißt es. Damit deutet sich ein Schwenk in der US-Politik an. Noch 2021 beteiligten sich am größten US-Militärmanöver in Marokko auch Soldaten aus Marokko, Tunesien, dem Senegal, aber auch aus Großbritannien, Brasilien, Kanada und den Niederlanden. (Ralf Streck)