Deutschland schon in der Rezession

Wem die harte Haltung gegenüber den Briten am meisten schadet

Kommen wir noch einmal zurück auf die OECD-Prognose und den Ausblick auf Großbritannien, das in diesem Monat nach der im EU-Vertrag vorgesehenen Frist ja aus der EU austreten sollte und wir nun in eine entscheidende Woche eintreten. Erstaunlich ist, dass die OECD-Prognose dazu relativ nüchtern ausfällt, statt die üblichen Horrorszenarien zu zeichnen, wie man sie vom IWF und anderen gewohnt ist.

Für das laufende Jahr wurde die Prognose für die britische Wirtschaft nur von 1,4 auf 0,8 Prozent gesenkt, womit das Wachstum trotz eines Brexits noch höher ausfallen würde, wie die OECD es für Deutschland prognostiziert. Nur im Fall eines harten Austritts ohne Abkommen drohe Großbritannien eine Rezession, die in Italien und Deutschland aber praktisch schon vorliegt.

Da die OECD von "erheblichen politischen Unsicherheiten, auch beim Brexit spricht", sollte man sich in Brüssel noch einmal Gedanken darüber machen, wem die harte Haltung gegenüber den Briten am meisten schadet. Ein ungeordneter Ausstieg werde die Kosten für die europäischen Volkswirtschaften erheblich erhöhen, meint die OECD, und damit die schwache Konjunktur weiter drücken.

Zum Glück ist nicht erneut von Horror-Szenarien zu lesen, wie man sie vor der Brexit-Abstimmung auch aus der OECD hören musste, als von einem "Schock" für die Weltwirtschaft fabuliert wurde. Allerdings können sich auch heute Medien wie der Spiegel nicht zurückhalten.

Sie titeln erneut vom "Wirtschaftscrash" und dem "Brexit-Schrecken". Sie beziehen sich dabei auf eine Studie der Bank of England, die vom Brexit-Gegner Mark Carney geführt wird. Der Brexit-Gegner missbraucht offensichtlich die Bank und schürt Angst.

Man darf natürlich davon ausgehen, dass es rumpeln wird, wenn es kein Brexit-Abkommen geben sollte. Dass die britische Wirtschaft im laufenden Jahr 8% einbrechen wird, sich die Arbeitslosigkeit fast verdoppeln, das Pfund sogar ein Viertel an Wert und die Hauspreise ein Drittel zurückgehen würden, darf als reichlich übertrieben bezeichnet werden.

Zunächst wurde mit solchen Szenarien gezielt versucht, ein Ja zum Brexit zu verhindern. Nun soll offensichtlich eine zweite Abstimmung erzwungen werden, um dann über eine Angst-Kampagne ein Nein durchzudrücken. Das von Carney gezeichnete Szenario ist aber schon deshalb falsch, weil es in sich nicht schlüssig ist. Ein massiv einbrechendes Pfund würde die Exporte massiv antreiben, da britische Produkte deutlich billiger würden und das Land auch als Reiseziel noch deutlich interessanter würde.

Ähnlich war das schon nach dem Ja zum Brexit, weshalb es statt zum Schock zu einem stabilen Wachstum und zu einer stark sinkenden Arbeitslosigkeit kam. Großbritanniens Wirtschaft stürzte nach der Brexit-Entscheidung nicht ab, sondern wuchs im Jahr der Entscheidung um 2%. 2017 waren es 1,8% und im vergangenen Jahr vermutlich etwa 1,6%, wie geschätzt wird.

Die britische Ökonomie ist im dritten Quartal 2018 noch deutlich gewachsen, während die deutsche schrumpfte und wies auch im vierten noch ein Wachstum von 0,2% gegenüber dem Vorquartal aus, während die deutsche stagnierte. "Britische Wirtschaft schafft vor Brexit nur noch Mini-Wachstum", wurde dazu getitelt und ein Zusammenhang hergestellt, der an den Haaren herbeigezogen ist.

Das abgeschwächte Wachstum hat mit dem Brexit vermutlich nichts zu tun, denn die Wirtschaft Großbritannien hat sich im vierten Quartal wie die der EU und des Euroraums verhalten. Im Vergleich zum Vorjahresquartal fiel das Wachstum mit 1,3% sogar höher als das im Euroraum (1,1%) aus. (Ralf Streck)

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