Deutschland vom Moorhuhnfieber gepackt

Ein kleines stupides Spielchen für zwischendurch

Manches wird schneller zum Kult, als man nachvollziehen kann, warum das so ist. Johnnie Walker suchte eine neue Identifikationsfigur zu dem berühmten Scotch Whisky und überlegte, was denn zu diesem hochprozentigen Getränk passen würde. Man dachte an Highlands oder Jagd, und schon kam man im Herbst 1998 auf die Moorhühner. Entsprechend wurde die Idee in ein Spiel umgesetzt: Die virtuelleMoorhuhnjagd in den schottischen Highlands. Der erste Entwurf wurde noch ein wenig entschärft und schon verkleideten sich Promoter in Jagdkluft und stiefelten mit einem Laptop bewaffnet durch die Kneipen. Hier muss nun auch die Kopie erstellt worden sein, die schließlich das Internet erreichte und jetzt die Gemüter erhitzt. Deutschland scheint vom Moorhuhnfieber befallen zu sein.

Warum nur ist dieses Spiel so beliebt? Die Spielhandlung ist ganz einfach: Mit einer Schrotflinte kann man innerhalb einer bestimmten Zeit über die linke Maustaste auf Moorhühner schießen. Mit der rechten Taste wird die Flinte nachgeladen. Munition steht ausreichend zur Verfügung und ein Fadenkreuz erleichtert das Zielen. Die Waffe ist im Gegensatz zu sonst bekannten Shootern nicht zu sehen. Je weiter weg das Huhn fliegt, umso mehr Punkte kann man ergattern. Nach eineinhalb Minuten ist der Spielspaß schon vorbei und die High-Score-Liste erscheint.

Entwickelt wurde das Spielchen von der Softwareschmiede Art Department, die sich schon für BiFi ein Werbespiel ausgedacht hatten. Das Spiel und die Softwareschmiede wurden zur Berühmtheit, als die ersten Webseiten das Spiel im Download-Angebot hatten. Dann machten GIGA TV und sogar Harald Schmidt auf das Moorhuhn-Spiel aufmerksam und schon wurde das Johnnie-Walker-Produkt zum Selbstläufer. Auch dem Spiegel war es eine Geschichte wert, und die Leute spielen es anscheinend wie verrückt. Fanclubs wurden gegründet und per E-Mail wird die Agentur auf dem Laufenden gehalten, in welcher Firma auf die armen kleinen Moorhühner im schottischen Hochland geschossen wird. Zu den Spielfans sollen Daimler-Chrysler-Mitarbeiter gehören, ebenso wie Angestellte in Flughäfen oder sogar des Arbeitsamtes. Der Spielwahn geht jetzt in die zweite Runde und die Agentur plant sogar ein umfassendes Merchandising-Geschäft. Wahrscheinlich gibt es das Huhn bald auf T-Shirt und Kaffeetassen.

In Ungnade gefallen sind die virtuellen Jäger jedoch bei den Naturschutzverbänden. Diese vertreten die Auffassung, dass die reale Hemmschwelle bei diesen Jägern falle. Vom Empathieverlust gegenüber Tieren ist die Rede. Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle ist erst gar nicht gefragt worden, denn in der Datenbank findet man keine jugendschutzgemäße Eintragung. Der Comic-Charakter des Spielchens hat aber nun rein nichts mit der Wirklichkeit zu tun, so dass eine derartige Kritik nur schwer nachzuvollziehen ist.

Eine Analyse, warum sich das Spiel wie eine Seuche ausgebreitet hat und von allen gespielt wird, bedarf wahrscheinlich einer psychologischen Studie. Stündlich sollen sich bis zu 10.000 Fans das Spiel mit dem Moorhuhn von der Phenomedia-Homepage herunterladen, was auch schon zum Zusammenbruch des Servers führte. Klar ist, dass hier ein einfaches Spielmuster vorliegt und der High-Score nach kurzer Zeit eine Bewertung der eigenen Leistung anzeigt. Hier setzt dann der Büro-Wettkampf ein, denn man möchte möglichst weit oben stehen und nicht als der Versager von Daimler-Chrysler gelten. Insofern wird geübt, geschossen und der Wahn beginnt von Neuem. Das ist das Paradoxe an sich: Ein kleines stupides Spielchen für zwischendurch, das aber gerade deshalb ganze Belegschaften von der eigentlichen Arbeit abhält. So geht der Tag dahin, bis Johnnie Walker kommt... (Gerald Jörns)