Deutschlands Armutsquote wächst kontinuierlich

Noch stehen die Folgen der Coronakrise aus, aber klar ist schon, dass seit 2005 bis 2019 der Anteil der Armutsgefährdeten in Westdeutschland und bestimmten Bevölkerungsschichten teils erheblich angestiegen ist

Man kann erwarten, dass die Zahl derjenigen, die in Deutschland als armutsgefährdet gelten, in den nächsten Monaten als Folge der Corona-Krise weiter anwachsen wird. Aber schon im letzten Jahr ist das Armutsrisiko unter der schwarz-roten Regierung auf einen Höchststand angewachsen.

Als armutsgefährdet gelten nach dem EU-Standard Haushalte, die ein Einkommen von weniger als 60 % des Median des Äquivalenzeinkommens der Bevölkerung haben. Die Armutsschwelle liegt für einen Einpersonenhaushalt bei 1074 Euro. In Deutschland liegt die Armutsquote bei 15,9 Prozent. Erfasst wird sie seit 2005, als sie noch 14,7 Prozent betrug. Besonders armutsgefährdet ist weiterhin ein Haushalt mit einer oder einem Erwachsenen und einem Kind oder mehr Kindern. Hier hat die Politik versagt, was besonders alleinerziehende Mütter betrifft. Hier ist der Anteil der Armutsgefährdeten von 39,3 Prozent im Jahr 2005 auf 42,7 Prozent angestiegen. Leicht gesunken hingegen ist die Quote bei Haushalten ohne Kind, bei zwei Erwachsenen ohne Kind bzw. mit einem Kind und zwei Kindern.

Leidtragende sind insgesamt die Bevölkerungsgruppen, die nicht oder nicht mehr am Erwerbsleben teilnehmen (können). Bei den Selbständigen und den Angestellten blieb zwischen 2005 und 2019 der Anteil der Armutsgefährdeten in etwa gleich. Stark angestiegen ist wahrscheinlich durch Hartz IV der Anteil derjenigen, die unter die Armutsschwelle gerutscht sind, von 49,6 auf 57, 9 Prozent. Ein großer Sprung geschah zwischen 2006 und 2007. Auch bei den Rentnern stieg der Anteil der Armutsgefährdeten kontinuierlich stark von 10,7 auf 17,1 Prozent an. Das wird auch weiter so geschehen, wenn nicht endlich das Rentensystem von Grund auf reformiert wird.

In allen westlichen Bundesländern ist die Zahl der armutsgefährdeten Menschen zwischen 2009 und 2019 um 2,1 auf 15,4 Prozent gestiegen, während es in den neuen Bundesländern um 1,6 Punkte auf 17,9 Prozent gefallen ist. Besonders stark ist die Armutsquote in Mecklenburg-Vorpommern gesunken.

Unter den westlichen Bundesländern hat sich in Bremen der Anteil der von Armut bedrohten Menschen am stärksten erhöht und liegt nun weit über dem der östlichen Bundesländer: 2019 fast ein Viertel (24,9 %) der Bevölkerung armutsgefährdet, mehr als in jedem anderen Bundesland. Aber auch in Hessen ist das Risiko, von Einkommensarmut bedroht zu sein, wie es das Statistische Bundesamt formuliert, um 3,7 Punkte auf 16,1 und in Nordrhein-Westfalen um 3,2 Punkte auf 15,2 Prozent relativ stark angestiegen. Damit hat Nordrhein-Westfalen nun Sachsen "überholt". Am wenigsten gestiegen und am geringsten ist das Risiko in Bayern, wo das Armutsrisiko um 0,8 Punkte auf 11,9 Prozent angewachsen ist, gefolgt von Baden-Württemberg mit einer Zunahme von 1,4 auf 12,3 Prozent.

Die Rede von Armutsgefährung ist zwar "Indikator zur Messung relativer Einkommensarmut", so das Statistische Bundesamt. Damit lassen sich Trends und in diesem Fall im Westen der Anstieg der Ungleichheit erkennen. Wichtig aber wäre auch ein Erfassen und damit eine Definition von Armut. Die Weltbank legt extreme Armut mit einem täglichen Einkommen unter 1,9 US-Dollar fest, womit über 700 Millionen Menschen arm wären. In reichen Ländern, in denen es auch teurer zu leben ist, müsste Armut anders definiert werden. Die Weltbank geht davon aus, dass durch die Coronakrise die Zahl der extrem Armen bis Jahresende um bis zu 100 Millionen Millionen zunehmen wird. (Florian Rötzer)