Deutschtürken wählen links, Russlanddeutsche Union und Linke

Eine Studie hat untersucht, wie Migranten aus der Türkei und Russland politisch eingestellt sind

Gewählt wird in Deutschland bekanntlich geheim und das ist gut so, lädt aber auch ein zu allerlei Spekulationen und Verdächtigungen. Was zum Beispiel Migranten aus der muslimischen Welt wählen, darüber meint etwa die Dresdner Pegida-Bewegung genau Bescheid zu wissen. Ihrer Ansicht droht nicht weniger als die Islamisierung des Abendlands.

Auch der französische Schriftsteller Michel Houellebecq hat in seinem Roman "Unterwerfung" schon mal das Szenario einer islamistischen Machtübernahme durch Wahlen durchgespielt. Wobei das freilich für europäische Männer nicht schlecht enden muss, so seine Pointe, mit der er Feministinnen (natürlich absichtlich) vor den Kopf stieß.

Aber was wählen Migranten in Deutschland wirklich, zum Beispiel vergangenen Herbst bei der Bundestagswahl? Sind zum Beispiel alle russischen Auswanderer AfD-affin? Oder ist das nur eine Minderheit von ihnen, auf die sich aber die Medien immer stützen? Und was ist mit den türkischstämmigen Deutschen und ihrem Verhältnis zum türkischen Präsidenten Erdogan? Unterstützen ihn die Deutschtürken, wenn er die Türkei in eine Diktatur umbaut?

Ein Forschungsprojekt der Universitäten Duisburg/Essen und Köln hat jetzt erste Antworten dazu. In der "Immigrant German Election Study" wurden insgesamt 1000 Migranten befragt. Zufällig wurden je rund 500 wahlberechtigte deutsche Staatsbürger ausgewählt, die entweder aus dem sowjetischen oder postsowjetischen Raum oder aber aus der Türkei nach Deutschland eingewandert sind oder deren Eltern von dort kommen.

Es geht also um Deutschtürken und Russlanddeutsche, wie die Studie "Deutsche mit sowjetischem oder postsowjetischem Hintergrund" und "türkeistämmige Deutsche" der Einfachheit halber nennt.

Die Befragten wurden persönlich bei sich zu Hause von eigens geschulten Interviewern des infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft Bonn rund 70 Minuten lang befragt. "Unsere Daten bieten somit die bis dato qualitativ hochwertigste Basis, um die politischen Einstellungen und das politische Verhalten von Deutschlands neuen Wählern zu analysieren", schreiben die Forscher.

Aber genug der Vorrede - zusammengefasst sieht das Wahlergebnis zur Bundestagswahl 2017 so aus:

Die Zahlen relativieren manche gängigen Vorurteile: Wie das Beispiel Russlanddeutsche (DRUS in der Tabelle) zeigt, schnitt die AfD hier mit 15 Prozent tatsächlich stärker ab als im Durchschnitt. "In der Tat punktete die AfD bei den Russlanddeutschen stärker als bei den Wählern ohne Migrationshintergrund", urteilt Achim Goerres, Professor an der Universität Duisburg/Essen, unter dessen Regie die Studie entstanden ist. "Aber sie blieb als dritte Kraft hinter der Union und den Linken weit hinter den Erwartungen zurück, die medial geschürt wurden." So kamen CDU/CSU dort auf 27 Prozent der Stimmen, sogar 21 Prozent der Russlanddeutschen wählten die Linke. Das mag jetzt das transatlantisch-russophobe Publikum nicht überraschen, zumal die Grünen mit 8 Prozent hier besonders schlecht abschneiden. Aber es relativiert eben doch die Bedeutung der AfD gewaltig. Generell haben die alten Volksparteien CDU/CSU und SPD Einbußen erlitten, bei den Russlanddeutschen wie bei den Deutschtürken: "In beiden Gruppen haben aber die beiden Volksparteien, die ehemals dominant waren, verloren", so Dennis Spies von der Universität Köln, der an der Studie mitgearbeitet hat. Wobei auch die Wahlbeteiligung niedriger ist als beim Durchschnitt der Wähler. Bei den Deutschtürken liegt sie bei 64 Prozent, unter Russlanddeutschen nur bei 58 Prozent. Deutsche ohne diesen Migrationshintergrund gingen zu 76,2 Prozent wählen.

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