Dialektik von Kreativität und Geräusch

Eine österreichische Initiative will "neue Strategien im Leben mit dem Lärm" verhandeln

Lärm ist in gewisser Hinsicht das Gegenteil von Computerspielen: Er scheint häufig die Ursache von Amokläufen, wird aber selten als solche problematisiert. Ein Rentner aus dem oberfränkischen Lichtenfels etwa, der seinen Nachbarn am letzten Freitag mit einer Lanze attackierte, tat die nicht etwa, weil er zu viel Dante's Inferno gespielt hätte, sondern weil ihn der Angegriffene mit Heimwerkerlärm in die Verzweiflungstat trieb. Und der 23jährige Student Guo Liwei, der in einem Wohnheim der Universität von Jilin seinen Mitbewohner Zhao Yan erstach, gab am Montag zu, dass der Grund für die Tat nicht etwa eine zu intensive Beschäftigung mit Bayonetta war, sondern das zermürbende und andauernde Schnarchen seines ein Jahr jüngeren Kommilitonen, das sich auch durch Aufnehmen und Einstellen ins Internet nicht beseitigen ließ.

Die Politik sieht bisher keinen "Handlungsbedarf" zum Einschreiten gegen diese Amokursache. Im Gegenteil: Die deutschen Bundesländer wollen Klagen gegen Lärmbelästigung erheblich erschweren, worüber bei den etablierten Parteien bemerkenswerte Einigkeit herrscht.

Nun wagt sich ein Essaywettbewerb an das von der Politik weithin ignorierte Problem. Unter der Überschrift "Viel Lärm(schutz) um nichts" können Bewerber Texte zu einem "neuen Umgang mit dem Lärm" einreichen und auf ein Preisgeld von 3.500 Euro hoffen. Die Werke sollen zwischen 30.000 und 45.000 Zeichen umfassen und müssen bis zum 26. April an die Email-Adresse office@hoerstadt.at versandt werden. Der Sieger darf dann am 21. Juni ein internationales Symposion in Linz eröffnen, in dem zwei Tage lang "neue Strategien im Leben mit dem Lärm" verhandelt werden sollen. Veranstalter des Wettbewerbs und des Symposions ist Hörstadt, eine in der oberösterreichischen Stahlstadt ansässige "Initiative für einen menschenwürdigen und -gerechten akustischen Raum".

Die Alpenrepublik eignet sich insofern ausgezeichnet als Ort für neue Ansätze im Umgang mit dem Lärm, als einem Elektrotechniker aus dem 2006 als "innovativste Gemeinde Österreichs" ausgezeichneten Amstetten ganz beiläufig etwas gelang, woran Akustiker und Architekten in den letzten Jahrzehnten regelmäßig scheiterten: Um seine Tochter und deren Kinder im Keller eines von mehreren Parteien bewohnten Hauses unauffällig versteckt zu halten, entwickelte Josef Fritzl mittels Hohlräumen und Kunststoffschaum eine extrem wirkungsvolle Schalldämmung, zu der Polizei und Staatsanwaltschaft bis heute keine näheren Angaben machen wollen. Dem niederösterreichischen LKA-Chef Franz Polzer zufolge trat jedoch auch bei "unglaublichen Lärm-Tests [...] kein Laut nach außen."

Allerdings setzt man bei Hörstadt weniger Hoffnung auf technische Lösungen als auf neue "Zugänge und Umgänge", die es ermöglichen sollen, sich mit dem "akustisch unerwünschten Anderen" zu "arrangieren", wenn "der Feind Lärm nicht mehr im Kampf besiegt werden kann". Doch auch das dürfte alles andere als leicht sein - schließlich sind die aufdringlichen Geräusche evolutionsgeschichtlich betrachtet Alarmsignale, die gerade Jenen besonders zu schaffen machen, die eigentlich die Fähigkeiten zur Entwicklung neuer Problemlösungsstrategien hätten.

Kurt Tucholsky

Diese Erkenntnis verdanken wir der an der Harvard-Universität forschenden Psychologin Shelly H. Carson. Sie machte Experimente mit zwei Gruppen von Probanden. Die erste Gruppe bestand aus Personen, die das Ideal des "Organization Man" abgaben - eines ebenso anpassungsfähigen wie anpassungswilligen Menschenyps, der vor allem im Zeitalter des Fordismus als idealer Angestellter galt und dem ungewöhnliche Ideen eher abhold waren. Die Probanden dieser Gruppe hinterfragten die ihnen in den Auswahltests gegebenen Aufgaben nicht, sondern erledigten sie ohne Klage.

Eine zweite (ebenfalls vorwiegend aus Studenten rekrutierte) Gruppe bestand dagegen aus Personen, die in Veranstaltungen dadurch auffielen, dass einfache Antworten ihren Widerspruchsgeist weckten. Die Studenten aus dieser Gruppe hinterfragten nicht nur häufig Vorgaben, sondern versuchten sich auch gerne an ungewöhnlichen Lösungswegen, die nicht in Lehrbüchern standen.

Die Aufgabe, die Carson, den beiden Gruppen stellte, bestand im Zählen von Fantasiewörtern in einem Text, den sie vorgelesen bekamen. Allerdings durften sie diese Aufgabe nicht unter Idealbedingungen lösen, sondern wurden mit Geräuschen gestört. Dabei zeigte sich, dass die beiden Gruppen extrem unterschiedlich auf solche akustischen Ablenkungen reagierten: Während die erste Gruppe sich praktisch nicht stören ließ, reichten bei der zweiten schon relativ geringfügige Geräuscheinflüsse, um vollständig unzutreffende Ergebnisse zu erzeugen. Dabei merkte man den Probanden auch an der Mimik und anderen nonverbalen Äußerungen deutlich an, wie unterschiedlich gut sie mit dem Lärm zurechtkamen.

Die amerikanische Psychologin bestätigte mit ihren Experimenten eine Hypothese, die der Deutsche Hans Eysenck in den 1970er Jahren entwickelt hatte: Er vermutete, dass die Kreativität unter anderem von einer "latente Hemmung" abhängt, die Außenreize filtert. Je stärker diese "latente Hemmung" ausgeprägt ist, desto großzügiger interpretiert das Gehirn Reize als bekannt und verhindert dadurch entsprechende Verhaltensinnovationen. Die höchst unterschiedliche Wirkung von Geräuschen, je nachdem, ob sie als regulär oder als unbekannt wahrgenommenen werden, hatte Kurt Tucholsky bereits 1927 in seinem "Traktat über den Hund, sowie über Lerm und Geräusch" beschrieben:

Nun stören Kollektivgeräusche kaum; mit Recht gewöhnt man sich daran, daß die Straße wie ein Meer erbraust, daß die Bahnen fahren, daß die Stadt jenes brodelnde Geräusch von sich gibt, das da ihr Leben anzeigt. Aber das freche Einzelgeräusch nadelt das Ohr, weil Teilnahme des fremden Lebensrhythmus erzwungen wird. Ein Übermütiger hupt fünfzehn Minuten vor einem Haus - ich warte mit ihm. Fräulein Ließchen Wendriner 'übt' etwas, was sie nie lernen wird: nämlich Klavier spielen - ich übe mit. Ein Hund bellt, er schlägt einmal an - das Ohr hört es nicht. Aber wenn der angebundene, eingesperrte, unzufriedene Hund stunden- und stundenlang bellt ...

Theodor Lessing

Dass der Lärm vor allem schöpferisch Befähigte stört, das postulierte auch Theodor Lessing, der Gründer des Ersten deutschen Antilärmvereins. Dieser Dialektik von Kreativität und Geräusch auf der praktischen Ebene folgend, entwickelte der lärmgeplagte Philosoph keine besonders originellen Ideen zur Bekämpfung des Unbills, sondern empfahl stattdessen Altbewährtes:

Fuhrknechte, Sackträger, Eckensteher u. dergl. sind Lasttiere der menschlichen Gesellschaft, sie sollen durchaus human, mit Gerechtigkeit, Billigkeit, Nachsicht und Vorsorge behandelt werden; aber ihnen darf nicht gestattet sein, durch mutwilligen Lärm den höheren Bestrebungen des Menschengeschlechtes hinderlich zu werden. Ich möchte wissen, wie viele grosse und schöne Gedanken diese Peitschen schon aus der Welt geknallt haben. Hätte ich zu befehlen, so sollte in den Köpfen der Fuhrknechte ein unzerreissbares nexus idearum zwischen Peitschenknallen und Prügelkriegen erzeugt werden.

So bodenständig Lessings Idee auch war, so wenig konnte sie sich durchsetzen. Heute dürften die Chancen dafür sogar noch deutlich schlechter stehen als vor gut hundert Jahren. Dafür allerdings sind durch technologische und bürokratische Entwicklungen neue Ansätze denkbar - beispielsweise die Schaffung eines Anreizsystems zum Vermeiden von Lärm, welches sich etwa darüber verwirklichen ließe, dass Umweltsteuern auf diesen Emissionsbereich ausgedehnt werden und sich die Höhe der von Flughäfen, Baustellen, aber auch Bürgern zu zahlenden Abgaben nach einer Bewertung durch die Nachbarn richtet. (Peter Mühlbauer)

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