Dichtung und Wahrheit

Was beim Untergang von New Orleans vor einem Jahr falsch und was gar nicht berichtet wurde - und was noch gemunkelt wird

Das Resümee von Timothy Gordon Ash zu Katrina scheint die Lage am besten zusammenzufassen: "Von Katrina lernen wir vor allem, dass die Zivilisation, in der wir leben, auf einer dünnen Kruste steht. Ein kleines Beben, und man fällt durch - danach kämpft man wie ein wilder Hund ums Überleben." Dann gab es noch eine gute Frage von Mike Davis: "Warum brachen die Deiche am 17th Street Canal nur auf der Seite von New Orleans und nicht auf der Metairie-Seite?" Die Stadt ging also unter, der Vorort bleibt verschont. Steckt was dahinter?

29.8.2005 um 6.10: Landgang des Orkans Katrina bei Buras/Louisiana südlich von New Orleans. Bereits um 4.30 morgens liegen Teile von Gentilly, einer rassisch gemischten Gegend der Mittelschicht, unter Wasser, weil die Flutwelle, die der Sturm vor sich hinschiebt, die Deiche überwältigt. Gegen 7.30 geschieht der erste Deichbruch südlich von Gentilly. Wie man auf dem obigen Bild sehen kann, das in dieser Gegend wohl aufgenommen worden ist, war dieser Teil der Stadt bereits fast einen Meter unter Wasser, als die Winde noch tobten. Hier vermuteten einige Sabotage - siehe unten.

Der größte Deichbruch geschah 15 Minuten später auf der anderen Seite vom Kanal im Lower 9th Ward. Eine Flutwelle fegte eine Fläche rund drei Wohnblöcke weit und 4 Blöcke lang komplett hinweg. Zurückgeblieben sind nur Betonfundamente, wie man auf dem Bild unten sehen kann (Vergrößerung), das ich im Dezember 2005 an der Stelle aufgenommen habe, wo der Deich nachgab. Früher standen dort dicht aneinander gereiht Häuser.

Wer nicht gleich starb, kletterte samt Familie aufs Dach und hielt betend gut 6 Stunden zusammen bei Winden bis zu 150 km/h. Kleine Kinder hielten so lange an den Beinen ihrer Eltern fest, dass diese Wunden und Kratzer davon trugen. Die Eltern beteten, dass ihr Haus dem Sturm standhalten würde - auch jene, die nicht gläubig waren, wie ein Sprichwort aus der Gegend besagt.

Die Medien hatten sich am 29.8.2005 im French Quarter installiert und berichteten am Nachmittag nach diesen Brüchen noch, dass New Orleans vom Schlimmsten verschont wurde. Keiner war anscheinend in Gentilly gewesen, keiner im Armenviertel im Lower 9th ward, aber auch keiner im reichen Lakeview, wo der berühmte Bruch am 17th Street Canal gegen 9.45 passierte. Die stattliche Residenz auf dem Bild unten stand offenbar mehrere Wochen fast zwei Meter tief im Wasser - die Wassermarke ist noch an den Säulen zu erkennen. So üppig sehen ganze Viertel aus, die wochenlang tief im Wasser standen.

Die Washington Post brachte ein Bild von genau der Stelle im 9th Ward, wo ich im Dezember stand, allerdings mit der völlig irreführenden Unterschrift, der Lake Pontchartrain würde sich auf dem Foto in die Innenstadt von New Orleans ergießen. Leider ist aber der Lake dort gar nicht zu sehen. Die Bäume, von denen das Wasser abfließt (man beachte die Richtung des Flusses, die an den weißen Schnellen deutlich zu erkennen ist), stehen selbstverständlich nicht im Lake Pontchartrain, sondern im Lower 9th Ward, und das Wasser fließt in den Industrial Canal zurück, nicht "downtown". Auf dem Bild ergießt sich die Stadt also in das Meer zurück.

Offenbar konnte keiner sich so richtig vorstellen, wie tief die Stadt unter Wasser lag. Erst am Mittwoch erreichte die Flut ihren Höhepunkt. Danach floss das Wasser, das wohl eine Zeitlang mehr als einen Meter über dem Meersspiegel in der Stadt stand, langsam ab. Während dieser Zeit fragten die Medien in Europa, warum die Pumpen der Stadt nicht wieder angeschmissen werden konnten. Dabei füllte sich die Stadt noch bis zum 31.8., und danach floss einige Tage lang mehr Wasser heraus, als die Pumpen hätten erledigen können.

Als dann mehrere 10.000 Menschen darbend mehrere Tage auf erhöhten Straßen verbrachten, brach auch die Hölle im Rest des Landes los. "Weißt du, wo unsere Hubschrauber sind?", wollte Michael Moore in einem offenen Brief an George W. Bush wissen. Die Medien berichteten, dass auf die ersten Hubschrauber geschossen worden war und dass man deshalb vorsichtig sein wollte. Kein Geringerer als der Bürgermeister Nagin sprach von "verrückten Drogensüchtigen" und “gewalttätigen Gangs”, die die Stadt unter ihre Kontrolle gebracht hätten. Er wollte Nachschub, schreckte die Retter aber eher ab.

Auch das 9th Ward war voll mit verlassenen Autos, die man zur Flucht hätte benutzen können. Rund 98% der Einwohner dort waren schwarz, aber 59% besaßen die eigenen vier Wände. Viele sind deshalb zu Hause geblieben. Kaum einer war gegen Fluten versichert, weil dies hinter den Deichen der Bundesregierung weder vorgeschrieben noch empfohlen wurde. Foto vom Autor im Dezember 2005

Mittlerweile wissen wir, dass fast alle sensationellen Medienberichte zumindest übertrieben waren, wenn nicht völlig unbegründet. Niemand wurde im Superdome vergewaltigt, und die sechs Opfer dort starben an Durst oder Krankheiten, weil die Rettung zu spät kam. Keiner wurde umgebracht. Die meisten Opfer von Katrina haben eines gemeinsam: Sie waren alt. Die gebrechlichsten haben ihren Schöpfer gesehen.

Im New England Journal of Medicine berichteten Ärzte von ihren Erfahrungen am Superdome und Conference Center. Ältere Menschen, die wie alle ohne Wasser und Lebensmittel tagelang in einer Hitze von 35° auf Rettung warteten, hätten teilweise eine Behandlung von den völlig unterbemannten medizinischen Kräften (darunter örtliche Ärzte, die selbst auf Rettung warteten) abgelehnt und stattdessen die Hilfe an leidende Kinder weitergeleitet mit den Worten: "Ich habe ein langes Leben gehabt, wenn Gott mich jetzt haben will. Kümmere dich um die Kinder." Eine alte Oma entschuldigte sich beim Retter vom Hubschrauber noch in der Luft mit den Worten: "Das tut mir leid, ich wollte euch nicht zur Last fallen."

Die Selbstlosigkeit so vieler Menschen hat nicht nur die Ärzte beeindruckt, sondern auch eine Professorin der Tulane University:

In den unbeschreiblichen Verhältnissen am Superdome hat mich die schier endlose Freundlichkeit und Anstand der Menschen überwältigt - nicht nur innerhalb Familien, sondern auch gegenüber Fremden. Die meist armen Menschen dort kamen egal welcher Hautfarbe oder Ausbildungsgrad zusammen, um […] zu überleben.

Das heißt nicht, dass alles in New Orleans damals friedlich zuging. Die Musikerin Charmaine Neville berichtete - noch sichtbar mitgenommen von den Ereignissen (siehe Video) -, dass manche Leute, die auf den Dächern auf Rettung warteten, in die Luft geschossen haben, um auf sich aufmerksam zu machen, weil sie dachten, die Hubschrauber würden sie nicht sehen.

A lot of those young men lost their minds because the helicopters would fly over us and they wouldn't stop. We'd do SOS on the flashlights, we'd do everything. And it came to a point. It really did come to a point where these young men were really so frustrated that they did start shooting. They weren't trying to hit the helicopters. Maybe they [the helicopter pilots] weren't seeing. Maybe if they heard this gunfire they will stop then. But that didn't help us. Nothing like that helped us.

Menschen aller Hautfarben verloren die Geduld. Ein Video von Aaron Broussard hat für viel Anteilnahme landesweit gesorgt. Der Präsident vom benachbarten Jefferson Parish (quasi der Kreisvorsitzender vom Vorort Metairie) beschrieb, wie die Mutter eines Mitarbeiters jeden Tag ihren Sohn anrief und fragte, wann sie endlich gerettet werde:

"Are you coming, son? Is somebody coming?” and he said, “Yeah, Mama, somebody’s coming to get you.” Somebody’s coming to get you on Tuesday. Somebody’s coming to get you on Wednesday. Somebody’s coming to get you on Thursday. Somebody’s coming to get you on Friday… and she drowned Friday night. She drowned Friday night! Nobody’s coming to get us. Nobody’s coming to get us…

Das Video ist eine Grammy-verdächtige Performance, die mich heute noch zu Tränen rührt, obwohl ich weiß, dass Broussard wie ein Angler im Sumpf übertreibt. Der Mitarbeiter selbst sagte: "Broussard war offenbar verwirrt", denn seine 92-jährige Mutter sei nicht erst am Freitag, sondern gleich am Montag mit 33 anderen Senioren in einem Heim außerhalb der Stadt im Vorort Chalmette gestorben. Aber egal - die Beschreibung passt auf genug andere Opfer. Und für ein paar Tage kam die Regierung danke Broussards Lüge unter Druck.

Im überfluteten Memorial Hospital (wo ich übrigens auf die Welt kam) mitten in der Stadt haben die verzweifelten Mediziner offenbar den Gnadentod an einigen älteren Menschen verübt, nachdem sie tagelang vergeblich auf Rettung hofften. Sie müssen sich nun vor Gericht verantworten - die Stadtbevölkerung zeigt jedoch viel Sympathie für die Pfleger. Die Tageszeitung Atlanta Chronicle brachte eine 22-teilige Serie zu den verzweifelten Rettungsversuchen der Pfleger in zwei anderen Krankenhäusern.

Ja, es wurde geplündert, und zwar nicht nur Lebensmittel. Als ein Video von Polizistinnen, die in einem Walmart Klamotten klauten, bundesweit ausgestrahlt wurde, schien der Ruf von New Orleans als korrupte Stadt für immer dahin. Erst viel später stellte es sich heraus, dass Polizistinnen Kleider für Kollegen gesammelt hatten, weil diese alles verloren und nicht einmal mehr Trockenes zum Anziehen hatten, um im Chaos für Ordnung sorgen zu können. Mehr noch: Der Walmart diente gewissermaßen als Außenposten der Polizei, die den Laden Fort Walmart umtaufte. Die Polizei hob die Etiketten auf und bot Walmart später das Geld an. Walmart lehnte dankend ab, schließlich hatte die Firma auch noch tonnenweise Güter kostenlos an die verwüstete Gegend geliefert.

Ein weiteres Ereignis sorgte für Entrüstung bundesweit: Die Polizei von Gretna, einem Vorort auf der anderen Seite vom Mississippi, machte mit Warmschüssen klar, dass niemand die Brücke über den Mississippi überqueren durfte. Zunächst scheint der Fall klar zu sein: Vorwiegend schwarze Menschen wurden von weißen Polizisten aus einem Vorort daran gehindert, sich frei zu bewegen - mehr noch, sich in Sicherheit zu bringen, wo es Trinkwasser und Strom gab. Privateigentum geht vor Leben, oder?

Dabei ist Gretna nicht gerade ein weißer Vorort mit seiner zu 35% schwarzen Bevölkerung. Interessanter ist aber die Frage, was die Polizei von Gretna überhaupt auf einer Brücke zu suchen hat, die New Orleans Stadtmitte mit dem Stadtteil Algiers verbindet. Anders ausgedrückt: Wenn man von New Orleans aus die Brücke überquert, kommt man in New Orleans an, zwar nur einen Steinwurf von der Grenze zu Gretna entfernt, aber Grenzen sind gerade für Polizeieinsätze wichtig.

Vor knapp einem Jahr bestritt der Polizeichef von Gretna in einem ausführlichen Interview mit mir, dass seine Beamten Warnschüsse abgegeben hätten, aber mittlerweile gibt er es unumwunden zu. Vielleicht liegt es an der überwältigenden Unterstützung, die sein Vorgehen in Gretna genießt. Kaum hatte der Stadtrat nach dem Sturm getagt, billigte er einstimmig und ohne Diskussion diese Aktion des Sheriffs.

Die Stadt Gretna verteidigt sich vor allem mit dem Argument, die Flüchtlinge wären in New Orleans besser aufgehoben. Der Fall von Jabar Gibson ist aufschlussreich dabei. Dieser 20-Jährige klaute bereits am Dienstag einen Bus aus einem Busparkplatz in Algiers und brachte so viele Leute wie möglich nach Houston in Sicherheit - 24 von ihnen waren aus New Orleans Mitte über die Brücke nach Algiers gelaufen. Erst danach wurde die Brücke gesperrt.

Gibson hatte noch nie einen Bus gefahren und sich bis dato sonst nur als Drogendealer ausgezeichnet, aber sein Bus war der erste, der in Houston ankam - noch vor den offiziellen Evakuierungsfahrzeugen. Die lokale Tageszeitung Times-Picayune feierte ihn als Helden, und Gibson wollte seine Story an Hollywood verkaufen. Er schein über Nacht ein gemachter Mann zu sein und beteuerte seinen Willen, ab jetzt ein sauberes Leben zu führen. Doch bevor Hollywood zuschnappte, wurde er wieder wegen weiterer Drogengeschäfte verhaftet und sitzt nun im Gefängnis. Wie ich einmal sagte: Nichts kann in New Orleans gelingen.

Noch wichtiger für die Geschichte der Blockade: Der Bus, den Gibson klaute, stammte quasi aus einer Werkstatt und war wie viele andere dort nicht fahrtüchtig. Es sei, so die Times-Picayune, ein Wunder, dass der Bus überhaupt einen Tag durchhielt bis Houston; zwei andere waren nämlich auf der Strecke geblieben. Die Polizei in Gretna behauptete, weitere solche Fälle verhindern zu wollen, indem sie die Brücke sperrte.

Dahingegen schildern manche aus Algiers (dem benachbarten Stadtteil von New Orleans, an dem die Brücke herunterkommt) die Situation anders. Algiers war tatsächlich wie Gretna weitgehend verschont geblieben und wurde deshalb nach dem Sturm als Stützpunkt für Rettungsaktionen benutzt. Der ehemalige Schwarze Panther und örtliche Aktivist Malik Rahim schrieb damals:

I'm in the Algiers neighborhood of New Orleans, the only part that isn't flooded. The water is good. Our parks and schools could easily hold 40,000 people, and they're not using any of it.

Ich traf mich im Dezember mit Rahim, der noch der Meinung war, dass es gut gewesen wäre, die Menschen am Superdome und Conference Center in den Parks von Algiers vorerst unterzubringen, wo sie immerhin mit Trinkwasser aus der Leitung hätten versorgt werden können. Auf die kritische Frage, wer das alles organisieren würde, wenn der Bund die Menschen nicht einmal aus New Orleans ausfliegt - wer würde z.B. dafür sorgen, dass Zelte für zehntausende Menschen bereitgestellt werden, damit sie nicht plündernd über eine weitgehend intakte, evakuierte Stadt fallen? - gab er die einfache, charmante Antwort: "Wir!"

Charmant vielleicht, aber deshalb nicht belastbar, denn Algiers hatte sich bereits Stunden nach dem Sturm in den Wilden Western gewandelt, wo Plünderer Polizisten erschossen - und zwar nicht aus Notwehr, wie man hier nachlesen kann. Auch das wird man in Gretna zur Kenntnis genommen haben.

Malik Rahim mit einem Mitarbeiter an deren improvisierter Klinik in Algiers. Der weiße Mitarbeiter meinte zu der angeblichen Ausgangssperre, die nach dem Orkan in Gretna verhängt worden war und auch als Begründung für die Blockade auf der Brücke herangezogen wird: "Die galt nur für Schwarze. Während der ganzen Ausgangssperre konnte ich mich frei bewegen, auch über die Grenze zwischen Algiers und Gretna." Foto vom Autor im Dezember

Mich machte eines noch stutzig: Weshalb hat die Polizei von Algiers (d.h. von New Orleans) zugelassen, dass die Polizei von dem kleineren Gretna in Algiers einmarschiert und die Brücke sperrt? Rahim: "Viele der Polizisten von Algiers leben in Gretna" - was aber nicht stimmen kann, denn New Orleans verlangte seit Jahrzehnten von allen städtischen Beamten (also auch Polizisten) einen Wohnsitz in Orleans Parish. Erst im Dezember 2005 wurde diese Bedingung aufgrund des Orkans für drei Jahre suspendiert.

Ein Gerichtsverfahren läuft gerade gegen Gretna in dieser Sache, aber man wird vielleicht nie wissen, was genau mit welcher Absprache und aus welchem Grund gemacht wurde. Die Polizei von Gretna behauptet nach wie vor, mit der Polizei von der Brücke - eine Spezialeinheit der Louisiana State Patrol - zusammengearbeitet zu haben. Der Chef der Brückeneinheit Alan Levasseur hält sich aber fein heraus und meint nur, Gretna brauche seine Erlaubnis gar nicht, um die Brücke zu sperren.

Klar ist trotzdem, dass die Brücke keineswegs die einzige Fluchtmöglichkeit aus der Stadt gewesen war, auch wenn die Presse dies immer behauptet hat. Man kommt problemlos in Metairie an, wenn man an den Bahngleisen am Mississippideich entlang läuft. Und diese Strecke war zu keinem Zeitpunkt überflutet.

In Carrollton war der Übergang zu Jefferson Parish nie überflutet, wie man hier sehen kann. Jefferson Parish beginnt wenige Strassen über dem Bild (wer sich auskennt, erkennt die Ecke St. Charles/Carrollton Ave links), der Mississippi ist links vom grünen Streifen (Deich), wo die Bahngleise sind. War man verhindert, die Brücke über den Mississippi zu überqueren, hätte man die komplett trockene Magazine Street entlang laufen und über die hier trockene Oak Street nach Jefferson herüberlaufen können. Oder gab es dort auch eine Sperre, wo Oak Street in Orleans auf River Road in Jefferson trifft - fernab aller Fernsehkameras?

Monatelang habe ich mich gefragt, warum die Menschen nicht einfach anders herum geflüchtet sind, bis ich vor wenigen Wochen in der Times-Picayune las, dass die Polizei der benachbarten Parishes, wie die Landkreise in Louisiana genannt werden, überall Sperren aufgebaut hatte:

Other jurisdictions also blocked fleeing New Orleans residents after Katrina. In Plaquemines Parish, busloads of evacuees being transported to the Belle Chasse Naval Air Station were turned back by sheriff’s deputies at the parish border. In St. Bernard Parish, wrecked vehicles were stacked along North Claiborne Avenue to keep out storm victims from New Orleans’ 9th Ward.

Dann fiel mir wieder ein, dass ich noch Ende 2005 just an der North Claiborne Avenue eine Polizeiwache passieren musste, um in Chalmette/St. Bernard Parish einzufahren. Man hatte mich gar nicht kontrolliert, und ich wunderte mich nur, dass ein Polizeiauto dastand. Ließ man mich problemlos durch, weil ich weiß bin? Jedenfalls sorgte die Blockade auf der Brücke nur für so viel Aufsehen, weil sie sich so nah am French Quarter bafand. Nur deshalb hat die Presse etwas davon mitbekommen. In Westwego (der nächste Ort nach Gretna) wurden beispielsweise Flüchtlinge aus New Orleans in ein Lager gesteckt, das sie nicht verlassen durften. So kann man Plünderungen auch vorbeugen…

Typischer Rassismus für die Südstaaten? Jedenfalls meinte der US-Korrespondent der Badischen Zeitung am 15.2.2006 in Bezug auf den Vorwurf mancher Weißen in New Orleans, dass einige Schwarzen beim Aufbau nicht mit anpacken wollten: "Das einzige, was Weiße und Schwarze eint, ist der Hass auf die Behörden." Pech für die Badische Zeitung, denn 6 Tage später ließ Stadtrat Oliver Thomas - ein Schwarzer - zusammen mit anderen schwarzen Kollegen verlauten, dass die arbeitslosen Bewohner von überfluteten Sozialwohnungen gar nicht zurückkommen bräuchten, wenn sie nicht gedächten, mit anzupacken.

Aber zurück zur Brücke: Ich bat den Journalisten von der Times-Picayune, der die anderen Blockaden vermeldete, um seine Meinung. Es stellte sich heraus, dass er selbst in Gretna wohnt und froh war, dass seine Stadt geschützt wurde. Es dämmerte mir, dass wohl einiges nie geklärt würde, denn wer interessiert sich für diese Themen außer der Times-Picayune. Und wenn die keinen Stadtkern mehr bedient, sondern nur Vororte…

Vor Katrina lebten rund 450.000 Menschen in der Stadt New Orleans und rund 1,3 Millionen in der Greater New Orleans Area, d.h. 850.000 in Vororten wie Gretna, Metairie, Chalmette usw. Heute leben wohl eher 200.000 in der Stadt und fast eine Million in den Vororten.

Der 17h Street Canal markiert gewissermaßen die Grenze zwischen der Stadt New Orleans und dem Vorort Metairie. Der Army Corps of Engineers beauftragte vor Jahrzehnten zwei Ingenieursfirmen aus Metairie, Eustis Engineering und Modjeski and Masters, mit der Planung der Ausbesserung des Kanals. Das Resultat: Der Deich wurde auf weicher Erde (Torf) erhöht, die Katastrophe war danach eine Frage der Zeit. Ein Experte sagte der Times-Picayune im November:

This wasn't a complicated problem. This is something the [Army Corps of Engineers], Eustis, and Modjeski and Masters do all the time.

Schlimmer noch: Im Laufe der Jahre ist es zu einer einseitigen Ausgrabung der Orleans-Seite vom Kanal gekommen. Der Deich musste also die Stadt überfluten und den Vorort schonen. Sie wittern eine Verschwörung? Ah, dann haben Sie nur noch nicht gelesen, dass der New Orleans Sewage and Water Board für diesen Baggerfehler verantwortlich zeichnet. Allerdings wussten Eustis und Modjeski schon 1982 um die Gefahr.

Aber vielleicht war Korruption im Spiel? Vielleicht floss viel Geld, damit der Orleans-Deich zuerst nachgibt und der Druck auf Jefferson nachlässt? Das könnte die örtliche Zeitung am besten klären, aber sie würde damit einen Großteil ihrer Leserschaft vergraulen, denn was sind 200.000 New Orleanians gegen 900.000 in den Vororten?

Die Öffentlichkeit beschäftigt sich eher mit dem Vorwurf, dass der Deich am 9th Ward während des Sturms sabotiert worden sei, damit das Armenviertel überflutet wird, um den Rest der Stadt zu retten. Spike Lee hat sogar diese These in seinen neuen Film "When the Levees Broke" einfließen lassen. Einige Bewohner hörten nämlich eine Explosion, kurz bevor alles überflutet wurde. Aber hört sich ein "natürlicher" Deichbruch 100 m weit mit einer Wasserwand 3 Stockwerke hoch nicht auch wie eine Explosion an?

Schade, dass man sich so sehr mit dieser Verschwörungstheorie beschäftigt, denn die Frage nach der Verantwortung am 17th Street Canal könnte wichtiger sein.

Das Geld ist schon längst in die Vororte ausgewandert, und Katrina hat alles nur beschleunigt. Während die Stadt heute pleite ist, stiegen die Einnahmen der MWSt in Jefferson 2006 um 42% - in St Tammany Parish am Nordufer von Lake Pontchartrain gar um 49%. Geschäfte ziehen in die Vororte und besiegeln den Tod der Stadt. Der Energieversorger verdient einen Haufen Geld in den Vororten, möchte aber die Versorgung in Orleans Parish aufgeben. Die mittellose Stadt soll Stadtwerke wieder ins Leben rufen.

Heute ist die Hälfte der ehemaligen Einwohner der Stadt noch über die USA verstreut. Stromausfälle gehören zum Alltag, die Wasserversorgung versickert in den Sumpf - nicht einmal die Hälfte des Leitungswassers kommt in den Hauhalten an. Der Feuerwehr fehlt oft der Druck in den Leitungen, um Feuer zu löschen. Ganze Nachbarschaften wissen nicht, ob sie wieder aufgebaut werden. Manche Amerikaner wissen auch nicht, ob es wert ist, diese Stadt wieder aufzubauen. Fällt sie nicht sowieso bald ins Meer? Und ist sie nicht die Stadt der Sünden und der Korruption?

Als 60% der Stadt noch unter Wasser standen, machte sich der Bürgermeister Nagin im Fernsehen lächerlich, als er erklärte, seine Polizisten hätten nun rund 10 Tage rund um die Uhr geschuftet, und er würde sie nun rotierend für ein paar Tage Erholung nach Las Vegas rausfliegen. Was hagelte es Kritik im ganzen Land! Und dieser Nagin machte alles nur noch schlimmer, als er auf die Kritik antwortete:

New Orleans is a party town. Get over it!

Dass kein einziger Polizist dieses Angebot annahm - alle wollten in der Stunde der Not bleiben -, darüber berichtete nur die Times-Picayune... und nun Telepolis.

Als ich sah, wie Nagin selbst diese überflutete New Orleans zu einer "party town" erhob, hätte ich ihn am liebsten umarmt. Mit der gold-braunen Haut eines Schwarzen aus New Orleans sprach er mit dem Akzent der Hälfte meiner Familie, den ich fernab in Europa nie zu hören bekomme, und sagte auf eine recht unverständliche Weise, was den Geist von New Orleans mit seinen Beerdigungsumzügen am besten ausdrückt: Ein Leben ohne Freude ist nicht lebenswert, aber nichts kann einem die Freude nehmen, wenn man es nicht zulässt.

Eine Sentimentalität, die wohl die rund 250.000 New Orleanians auch spüren, die überall in den USA verstreut leben müssen und denen das eine oder andere aus dem Alltag plötzlich fehlt: Fremde Kassiererinnen zum Beispiel, die zu einem "Schatz" sagen. Oder wie ein Flüchtling in Houston sagte: "Wenn du in New Orleans einen Mann in einem Kleid sehen würdest, würdest du dir nichts dabei denken; hier würden alle starren."

Die Schüler in Houston seien viel besser in Mathe, Wissenschaften, usw., so ein Flüchtling weiter, aber auf der Lusher-Schule begann jeder Tag mit einem Lied. Das stimmt: Als ich meinen Bruder vor fast 10 Jahren besuchte, wurde ich jeden Morgen von singenden Mädchen auf dem Schulhof von Lusher (50% schwarz, 40% weiß) nebenan geweckt, die komplexe Rhythmen dazu klatschten. Damals sang ich im Jazzchor Freiburg, und der Chor hatte gerade den ersten Preis vom Deutschen Musikrat gewonnen und ging in Europa und Asien auf Tournee. Eine Woche lang lauschte ich jeden Morgen den komplexen Rhythmen und dem Gesang der achtjährigen Mädchen auf dem Schulhof und dachte mit Erstaunen: "Das würde der Jazzchor nie hinkriegen". Und wahrscheinlich, füge ich heute hinzu, keine andere Schule in den USA.

Eine Welt, die vielleicht für immer verloren ist.

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