Dicke haben angeblich weniger weiße und graue Gehirnsubstanz

Unterschiede im Gehirnvolumen. Bild: Chase Figley et al./Frontiers of Neuroscience/CC-BY-SA-4.0

Nach einer neurowissenschaftlichen Studie neigen Übergewichtige zu "reduzierter kognitiver Leistung, größerer Impulsivität und veränderter Belohnungsverarbeitung"

Dicke oder gar Fettleibige haben es derzeit schwer. In einer Kultur der Konkurrenz, in der jeder - besonders gerne von denen, die mit Glück in die richtige Familie geboren wurden - für sein Schicksal und seine Karriere selbst verantwortlich gemacht wird, muss schon der äußere Anschein die Disziplin der verlangten Sorge um sich wiedergeben. Wer dick ist, scheint sich buchstäblich gehen zu lassen, ist zu soft, um die Mühen einer erfolgreichen Karriere durchzuhalten, gibt sich den Genüssen hin, anstatt eisern gesund zu essen und den Körper zu stählen, d.h. fit und dünn zu halten.

Längst jedenfalls ist die Zeit vorbei, in der Wirtschaftsbosse dick waren und Zigarren rauchten, womit noch Gerhard Schröder kokettierte, während sein Vize immer wieder versuchte, seinen Körper in Form zu halten. Bush gab sich als sportlich, Obama ist eine Verkörperung des Typs eines Elitemenschen: jung, dynamisch, schlank und fit. Die beiden Präsidentschaftskandidaten neigen eher zum Auseinandergehen, aber selbst "The Donald", der sich als Quereinsteiger aus dem Business-Lager gibt, soll nie geraucht, Alkohol getrunken oder Drogen genommen haben. Das hat ihn allerdings nicht unbedingt angenehmer oder klüger gemacht.

Wie auch immer, den Dicken, die auch ästhetisch auf der Verliererseite stehen, wird in manchen Kreisen mangelnde Disziplin unterstellt. Weit verbreitet ist, dass Übergewicht und vor allem Fettleibigkeit der Gesundheit schadet und die Lebenszeit verkürzt. Studien haben überdies gezeigt, dass Fettleibige auch kognitiv beeinträchtig sind. Sie werden möglicherweise früher dement, die graue Substanz ist reduziert, ebenso bestimmte Hirnareale, ihr Arbeitsgedächtnis funktioniert nicht so gut und es soll erwartungsgemäß bei exekutive Funktionen wie der Impulskontrolle mehr Probleme geben. Die Körperbeschaffenheit mit ihren neuronalen Folgen, so wird mitunter vermutet, könne daher die Ursache sein, warum Fettleibige trotz Bemühens es nicht schaffen, das Gewicht zu reduzieren und einen gesünderen Lebensstil beizubehalten.

Allerdings, so monieren kanadische und amerikanische Neurowissenschaftler, variieren die gemessenen zahlreichen Unterschiede von Gehirnstrukturen und -funktionen auch methodisch beträchtlich und lassen kaum wirkliche Vergleiche zu. So sei allein die Berücksichtigung des BMI nicht ausreichend, da man hier etwa nicht zwischen fettleibigen und dünnen Gewebe unterscheiden könne. Aus diesem Grund haben sie für eine Studie, die in den "Frontiers of Neuroscience" erschienen ist, mit 32 neurologisch gesunden Versuchspersonen (16 Frauen, 16 Männer) den BMI und den Körperfettanteil (BFP) gemessen und dann die Gehirnstrukturen und -funktionen mit bildgebenden Techniken bestimmt. Dar Körper der auch ethnisch unterschiedlichen Versuchspersonen reichte von untergewichtig bis zu fettleibig. Männer hatten einen geringfügig höheren BMI und einen geringfügig niedrigeren BFP.

Weder BMI noch BFP haben danach einen Einfluss insgesamt auf die weiße Substanz, also dem inneren Teil des Zentralnervensystems, das aus Leitungsbahnen der Axonen besteht. Mit steigendem Gewicht wächst insgesamt auch die graue Substanz. Gleichwohl haben die Wissenschaftler aber beträchtliche Unterschiede in einzelnen Gehirnteilen gemessen. Mit höherem BMI und BFP sinkt das Volumen der grauen Substanz der Zellkörper und der weißen Substanz und der Mikrostruktur in Arealen wie dem Striatum und dem orbotofrontalen Kortex. Das könne, so die Wissenschaftler die Entscheidungsfähigkeit, die Ausbildung von Gewohnheiten oder die Urteilsfähigkeit beeinträchtigen.

Überdies sind höhere Werte für BMI und BFP mit einer erhöhten Konnektivität des "Salianz-Netzwerks" (SN) verbunden, mit dem die Aufmerksamkeit auf bestimmte Reize gelenkt oder von diesen abgeschattet wird. Weniger weiße Substanz wurde im SN, im Netzwerke für funktionelle Kontrolle (ECN) und im Ruhezustandsnetzwerk (Default Mode Network - DMN) gefunden, das bei Untätigkeit aktiv ist und bei kognitiver Arbeit deaktiviert ist.

Für die Wissenschaftler geht aus ihren Befunden trotz der sehr kleinen Zahl an Versuchspersonen hervor, dass vermutlich neurobiologische Mechanismen durch veränderte Volumen der Substanzen und Konnektivität der Zellen mit dafür verantwortlich sind, dass Übergewichtige Schwierigkeiten haben, einen gesunden Lebensstil "einrichten und aufrechterhalten" zu können. Letztlich bescheinigen sie den Übergewichtigen auch, dass sie weniger intelligent, also dümmer sein sollen. Übergewicht im Sinn von BMI und BFP, so die Formulierung, ist eine "biologisch plausible Erklärung für eine reduzierte kognitive Leistung, größere Impulsivität und veränderte Verarbeitung von Belohnungen".

Der Körperkomposition sei also "ursächlich" mit veränderten Gehirnstrukturen und -funktionen verbunden, die "Selbstbeherrschung mindern und zusätzlich ungesundes Verhalten fördern." Sofern die Ergebnisse in größeren Untersuchungen bestätigt werden sollten, stünde man allerdings vor dem üblichen Ei-Huhn-Dilemma. Ist Übergewicht eine Folge von bestehenden kognitiven Strukturen oder ist deren Beeinträchtigung bzw. Abweichung von dem, was als normal gilt, eine Folge des Übergewichts? Und wäre dann die mangelnde Impulskontrolle mit einem veränderten Belohnungssystem selbstverschuldet? (Florian Rötzer)

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