Die 100.000-Dollar-Frage

Transformation ist in aller Munde, erkennt nun auch die Universitätsökonomie, sucht aber noch immer nach dem Ziel einer Transformation, die wir antizipativ, wissenschaftsgestützt und in dem Sinne planvoll und demokratisch umsetzen könnten

Das 16. Jahrbuch "Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik", das einmal jährlich erscheint und dessen "Fokus vor allem die normativen Fundamente der Ökonomik und ihre institutionellen Voraussetzungen bilden", trägt in diesem Jahr den Titel "Kapitalismus, Globalisierung, Demokratie". Auf dem Titelbild ist eine stilisierte Kanzlerin Merkel mit ihrer typischen Raute zu sehen, die an Marionettenfäden eines nicht identifizierten Puppenspielers hängt. Was wollen uns die Autoren dieses Jahrbuches damit sagen?

Die dreizehn Beiträge dieses Jahrbuchs, allesamt von fachkundigen Professoren der ökonomischen Wissenschaft geschrieben, drehen sich um eben die Irritationen, die nach dem Ende des "Endes der Geschichte" (Francis Fukuyama 1989) diesen Glauben erschütterten, nämlich eine Reihe von punktuell auftretenden ("Hypothekenkrise") oder schleichend sich bemerkbar machenden (Kapitalkonzentration, Ungleichheit) Dysfunktionalitäten, die nachhaltige Zweifel säten an der weiterbestehenden Gültigkeit der "Kombination von liberaler Demokratie und Marktwirtschaft als Fixpunkt aller künftigen Entwicklungen menschlicher Gesellschaften", wie es im Vorwort des Buches heißt.

Der Titel dieses Jahrbuchs erinnert - zweifellos gewollt - an Joseph Schumpeters "Kapitalismus, Sozialismus, Demokratie", das 1942 zuerst auf Englisch erschien, und in dem Schumpeter die Tendenzen aufzeigen wollte, die "unweigerlich" auf ein Ende des Kapitalismus hinausliefen, der dann, "seinem Wesen nach ein Entwicklungsprozess", verkümmern werde. Für Schumpeter waren es Tendenzen der Sättigung auf der einen Seite, und eine "Vollkommenheit" der Produktionsmittel auf der anderen, die dann, wenn beides eine kritische Grenze überschritten haben würde, eine "zwanglose" Selbsttransformation in einem "Sozialismus" hervorrufen werden, in dem die wirtschaftlichen Belange in die Sphäre der Öffentlichkeit gehören, und nicht in die private.

Erstaunlicherweise ist nun keiner der Autoren dieses Jahrbuches bereit, Schumpeter in dieser Argumentation zu folgen, obwohl Schumpeters Autorität als Groß-Ökonom ungebrochen ist. Aber ist dies tatsächlich erstaunlich - so klar nämlich Schumpeters Argumentation in dem Punkt zu sein scheint, dass der sich unter ständiger schöpferischer Zerstörung und Innovation fortentwickelnde Kapitalismus eines Tages an eine innere Entwicklungsgrenze geraten werde, weil die Aufnahmefähigkeit der Märkte tatsächlich endlich ist, so unklar ist nämlich auch bei Schumpeter die Beschreibung dessen, was diesem Kapitalismus nachfolgen werde. Anhand von Schumpeters Beschreibungen des Sozialismus wäre eine antizipative und wissenschaftsgestützte Transformation alles andere als plausibel und durchführbar.

Was tun wir also, wenn wir wissen, dass der Kapitalismus endet, aber nicht erkennbar werden lässt, was ihm nachfolgt? Was können wir darüber wissen, wohin wir wollen? Einigermaßen unbestritten scheint zu sein, dass die Ökonomie an Wachstumsgrenzen gestoßen ist, und zwar endogene, durch Einbrechen der aggregierten Nachfrage über die geschaffenen Produktionskapazitäten bei Vollbeschäftigung hinaus, und exogene, durch den Klimawandel und die der Erschöpfung entgegen gehenden Ressourcen bedingte. Was aber dann? Jedem Ökonomen ist klar, dass eine marktgesteuerte Ökonomie, die eben vor allem durch die invisible hand des Eigennutzes der Akteure in transparenten Märkten mit frei gebildeten Marktpreisen gesteuert wird, bei Einbruch des Wachstums instabil wird. Eine Marktökonomie ohne Wachstum ist wie ein Fahrrad, das nicht fährt.

Dann muss eben die visible hand eingreifen, möchte man denken. Aber das ist wesentlich leichter gesagt als getan. Und das ist nicht nur deshalb so, weil die visible hand, die Politik, im Stadium des superreichen Spätkapitalismus allerlei Begehrlichkeiten von Seiten der Kapitaleigner und Vermögensbesitzer ausgesetzt ist. Ob das mit den Fäden gemeint ist, an denen die Kanzlerin-Marionette hängt?

Was auch immer man denken mag, was nun die angemessen Maßnahmen sein könnten, die die visible hand zu ergreifen hätte, muss man sich eines klar machen: Wenn die "Tendenzen" (so Schumpeters Begriff), die dazu führen, dass der Kapitalismus in dieses Stadium der erschöpften Entwicklungsmöglichkeiten gerät, nämlich - stark zusammengefasst - Sättigung und technischer Fortschritt, weiter anhalten, so werden alle Maßnahmen, die auch immer man bei einer weiterbestehenden Grundarchitektur des Kapitalismus ergreifen könnte, immer schwieriger durchzuführen. Und die Grundarchitektur des Kapitalismus ist eben - siehe oben - die Kombination von liberaler Demokratie und Marktwirtschaft, also: Kapital in privater Hand und freie Märkte.

Daraus würde nun folgen, dass man diese Grundarchitektur irgendwie hinter sich lassen muss. Aber wie? Schumpeter hätte nicht gewusst, wie das zu schaffen sein könnte.

Anzeige