Die ARD auf Geisterjagd

Mit der Sendereihe "Dimension PSI" unternimmt unsere Erste Sendeanstalt einen gebührenfinanzierten Ausflug aufs parapsychologische Glatteis

Sie haben das auch schon mal erlebt: Sie haben an einen Verwandten gedacht und erfahren kurze Zeit später, dass demjenigen zu genau derselben Zeit etwas Schlimmes widerfahren ist. Zufall? Die ARD hat Zweifel und widmet sich sechsmal jeweils am Montag zur besten Sendezeit mit "Dimension PSI übernatürlichen Phänomenen.

Können Menschen allein durch die Kraft ihrer Gedanken Materie bewegen? Die klassische Physik müsste auf diese Frage antworten: Zumindest ist kein Mechanismus bekannt, der eine solche Beeinflussung ermöglichen würde. Sogenannte Parapsychologen behaupten: Sie können - auch wenn man nicht genau weiß wie. Diesen und anderen "unerklärlichen" Phänomenen will "Dimension PSI" nun auf den Grund gehen.

Die erste Folge beschäftigte sich denn auch gleich mit einem der publikumswirksamsten Themen aus dem PSI-Kontinuum: Rätselhafte Kräfte. Levitation, Löffelbiegen, Beeinflussung von Zufallsgeneratoren - kurz Telekinese. Unvermeidlich in diesem Zusammenhang ist selbstredend ein Auftritt des Avatars der Telekinese, Uri Geller. Seit seinem Löffelbiegetrick in "Dalli Dalli" wohl jedem Deutschen ein Begriff. Doch nicht nur bekennende Gläubige kommen zu Wort, auch Wissenschaftler namhafter Universitäten beteiligen sich an der Aufklärung des Unerklärlichen, wie es sich für eine kritische Sendung gehört. Nicht bloß kritisch will sie sein, sondern auch "aufwändig recherchiert" und "abseits von esoterischer Gläubigkeit und misstrauischen Vorurteilen", wie die Pressemappe erläutert. Selbst ARD-Chefredakteur Hartmut von der Tann wird im Vorwort bemüht und erklärt, der Zweifel daran, dass das Unerklärliche nur Zufall sei - dieser "politisch überhaupt nicht korrekte Zweifel" -, mache "die Beschäftigung mit dem Thema so reizvoll".

Eine kritische Sendung ohne Kritik

Nun ist es oft so, dass die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit größer ist, als es auf den ersten Blick den Anschein hat, deshalb schaut der kritische Journalist lieber zweimal hin. Wenn Uri Geller im Film einen Löffel verbiegt, als ob dieser "aus Plastik" sei, oder Probanden nur mittels ihrer Gedanken Testapparate beeinflussen, ist das zweifelsohne reizvoll. David Copperfield füllt bei seinen Tourneen schließlich auch die größten Säle. Der Unterschied ist: David Copperfield würde nie behaupten, er könne auch außerhalb seiner Show fliegen oder zersägte Damen wieder zusammensetzen, und sein Publikum verehrt ihn auch nicht als Heilsbringer, sondern versucht verzweifelt herauszufinden, wie dieser "unerklärliche" Trick funktioniert, von dem alle zumindest wissen, dass er erklärlich ist.

Der Anspruch der Telekinetiker ist ein anderer: Sie versuchen ihrem Publikum weiszumachen, ihre Fähigkeiten seien durchaus übernatürlich. Bedauerlicherweise ist es tatsächlich müßig, all die Beispiele anzuführen, die belegen, dass weder Geller mit Gedankenkraft Löffel verbiegen, noch andere Telekinetiker Zufallsgeneratoren beeinflussen oder sonstwie durch heftige Konzentration den Weltenlauf verändern können. Gellers Methoden wurden schon in den 70ern beispielsweise von Martin Gardner1 in der Technology Review beschrieben, und auch so gut wie alle anderen unerklärlichen Phänomene haben bereits ihre weltlichen Ursachen gefunden: simple Manipulation, fehlerhafter Umgang mit Statistiken oder Wahrscheinlichkeiten, selektive Wahrnehmung... Die Liste ist - wie die Leichtgläubigkeit des Publikums - quasi unendlich.

Sehr viel ergiebiger scheint da die Frage zu sein: Warum erwähnt eine "kritische, aufwändig recherchierte" Sendung die tatsächlichen Fakten nicht mit einem einzigen Wort? Warum kommen nur einschlägig bekannte Wissenschaftler wie die PEAR-Gruppe zu Wort, und nicht beispielsweise mit den "Phänomenen" vertraute Zauberkünstler wie James Randi? Selbst bei schlampiger Recherche wäre keinem Redakteur verborgen geblieben, dass weder außerirdische Kornkreise, noch durch Gedanken verbogene Löffel, noch alle möglichen "merkwürdigen Zufälle" aus unzähligen "wahren Geschichten" jemals einer gründlichen Überprüfung standgehalten haben.

Nein, Herr von der Tann, der Zweifel an Psi ist nicht politisch unkorrekt - und ich unterstelle der Einfachheit halber, dass diese Formulierung nicht nur reines Marketinggewäsch ist -, er ist schlicht und ergreifend die einzig rationale Alternative angesichts der von "Dimension PSI" so offensichtlich absichtlich umschifften Fakten. Nicht der vernünftige Zweifel macht das Thema so reizvoll, sondern allein der Appell an das mystische Element im Menschen, das jeder verspürt, der einmal die Anziehungskraft der BILD-Titelseite erfahren hat.

Nur weil bisher alle Äpfel nach unten gefallen sind, heißt das nicht, dass sie nicht ab morgen nach oben fallen können. Es ist bloß so unwahrscheinlich, dass es mehr als absurd wäre, an diese Möglichkeit zu glauben. Das nennt man dann eine wissenschaftliche Tatsache.

Es ist ebenso möglich, dass ein Weg gefunden wird, nur durch die Kraft der Gedanken die materielle Welt zu beeinflussen. Da dies allerdings durch viele wissenschaftliche Tatsachen sowie zahllose belegte Manipulationen als extrem unwahrscheinlich gelten kann, wäre es absurd, an eine solche Möglichkeit zu glauben.

Erfüllung des Grundversorgungsauftrags durch Förderung von "reizvoller" Irrationalität?

Nun gibt es verschiedene Abstufungen der Irrationalität. Der Glaube an den Weihnachtsmann hat nach bisherigem Kenntnisstand noch keinem Kind nachhaltig geschadet. Der Glaube an Krebsheilung durch Handauflegen beispielsweise kann nachweislich Menschen das Leben kosten. Doch nicht nur Einzelne sind durch Scharlatane wie Geller und Konsorten gefährdet. Die unkritische, jede journalistische Ethik verletzende Zurschaustellung dieser Scharlatanerie birgt auch Gefahren für eine demokratische Gesellschaft, in der den Medien die Verantwortung einer vierten Gewalt im Staate zukommt.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier: Er gewöhnt sich auch an die eigene Leichtgläubigkeit, löchrigste Argumentationen und daran, vorgekaute Meinungen zu übernehmen und das selbständige Denken einzustellen. Das ist ein Prozess, den sich keine Demokratie lange leisten kann.

Und hier sind die Medien mehr als andere Instanzen in der Pflicht, nicht der "reizvollen" Irrationalität (anderswo auch "Quote" genannt) Vorschub zu leisten, sondern die Ausübung demokratischer Grundfertigkeiten zu fördern. Hierzu hätte "Dimension PSI" mehr als genug Gelegenheit gehabt, denn demokratische Tugenden korrelieren nicht zufällig mit wissenschaftlichen Vorgehens- und Denkweisen: Transparenz, Offenheit, das Bewusstmachen eigener Vorurteile und überzeugende, rationale Argumentation. Wie schmerzlich man all dies im derzeitigen öffentlichen Diskurs vermisst, verdeutlicht die große Chance, die "Dimension PSI" durch verantwortungslose Unwissenschaftlichkeit verpasst hat. (Peter Monnerjahn)

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