Die Achse des Guten im Kampf gegen das linke Böse

Screenshot von der Website Achgut.com

Die Initiative #KeinGeldfuerRechts hat die Werbeschaltungen für Achgut.com und Tichys Einblick ausgetrocknet

Großes Wehklagen gibt es gerade auf dem Blog Achse des Guten und gleichermaßen bei Tichys Einblick. Die beiden konservativen Blogs, die mitunter scharfe Polemik betreiben, sich antiislamisch geben, gegen links, grün und Merkel sowie allen "Gutmenschen" und den herrschenden Mainstream ausschlagen, aber für den freien Markt, die USA und Israel sind, was immer sie machen, werden angeblich von der Werbe-Branche geschnitten. Wenn es ums Geld geht, greift man schon zu harten Tönen und plustert sich auf, als würde es sich um die Leuchttürme der Meinungs- und Pressefreiheit handeln.

Mit der privaten Initiative #KeinGeldfuerRechts, wahrscheinlich nach amerikanischem Vorbild, hat Gerald Hensel, Stratege bei der großen Werbeagentur Scholz & Friends, für Unruhe gesorgt und ist offenbar erfolgreich. Rechtsradikalen Medien wie Breitbart.com sollte der Hahn zugedreht werden, schrieb er in einem Tweet im November, mit Blick auf die anstehende Bundestagswahl in Deutschland und der Aussicht, dass Breitbart wie angekündigt auch nach Deutschland kommen will.

Er will die Unternehmen aufrufen, gegen die Rechtspopulisten und die Welle an "Micro-Meinungen, Content, Bot-Netzwerke, Fake-News" anzutreten, um die "Zivilgesellschaft" zu verteidigen. Als links ist Hensel kaum einzustufen, vielmehr kann er als Systemerhalter durchgehen, der "Wirtschaft und Agenturen" aufruft, dass sie "explizit Stellung gegen die Neue Rechte beziehen und schnell aktiv ins Handeln kommen", um die "liberale Gesellschaft", also auch die derzeit neoliberale, gut kapitalistische Gesellschaft, wie sie ist, zu verteidigen.

In einer digitalisierten Welt, in der die etablierten Institutionen nur einen Teil der politischen Willensbildung bestreiten, ist wirklich jeder gefordert, seine Zukunft mitzudesignen. Wer dies nicht tut, lässt es andere machen, wie wir gerade gesehen haben. Oder hätten Sie vor einem Jahr geglaubt, dass Großbritannien aus der EU austritt und ein obskurer Milliardär Präsident der Vereinigten Staaten wird? Eben. Ich auch nicht. Was meinen Sie, was nächstes Jahr alles passieren kann?

Gerald Hensel

Was offenbar gerade in der Zeit liegt und auch von den Rechten etwa in der Ukraine oder in den USA propagiert und was möglicherweise auch zur politischen Strategie von Institutionen wie der Nato und der EU sowie der Regierungen werden könnte (Feindbild: Russland macht Information zur Waffe), ist der Versuch, das vermeintliche Böse mit Schwarzen Listen auszutreiben. Hensel schrieb von einer Initiative, "die Medien blacklistet, wenn diese systematische Falschmeldungen verbreiten".

Er konkretisiert dies unter dem Slogan "Kein Geld für Rechts: "Rechte Medien profitieren von automatisierten Banner-Auktionen. Lasst uns gemeinsam Werbende freundlich darauf hinweisen, wo sie werben." Dazu stellte er ein Foto mit einem Plakat mit "Lügenpresse". Auf seiner inzwischen nicht mehr öffentlich zugänglichen Website davaidavai.com soll er die Liste geführt haben. Er selbst sagt: "Es gibt ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Aber es gibt kein Grundrecht auf Werbeeinnahmen."

Zunächst richtete sich die private Initiative vornehmlich gegen Unternehmen, deren Werbung auf breitbart.com erscheinen, dann ging es auch gegen die rechte Junge Freiheit und die "Wutbürger-Seite" Achgut.com, ebenso wie PI-News und Compact. Rechtskonservative wie David Berger sprechen von einer "Kampfansage gegen grundsätzliche Werte der Demokratie". Verglichen wurde die private Initiative mit der Nazi-Kampagne "Kauft nicht bei Juden" oder der Bücherverbrennung. Auch sonst ging der erwartbare Shitstorm der angeblichen Verteidiger der Freiheit und Antifaschisten los.

Offenbar wirkte die Initiative, auch gefördert von Artikeln im Spiegel über die Erfolge der Kampagne in den USA. Tichys Einblick und auch die Achse des Guten sollen seit letztem Freitag einen "massiven Anzeigen-Einbruch" durch den "Boykott" der Werbe-Branche erfahren haben, heißt es. Gleich alle Kunden von Achgut.com hätten ihre Buchungen zurückgezogen, ähnlich soll es bei Tichys Einblick aussehen. Maxeiner, Mitgründer von Achgut.com, bestätigte, dass sich alle Anzeigenkunden zurückgezogen haben. Das ist eine Kränkung.

Wahrscheinlich hat es auch die Junge Freiheit getroffen, die erzürnt von "Blockwart & Friends" und von einer "schmierigen linkspopulistischen Denunziationskampagne" schreibt oder sich beklagt. Angeblich geht es gegen "unabhängige Netzmedien, die nicht von Staatsaufträgen und Zwangsgebühren leben". Die würden aber nun mehr Spenden erhalten (wollen) und ihre Leser auffordern, bei den Kunden der Agentur nachzufragen.

Stoff für die Wutmedien

Die Initiative, die fragwürdig ist, allerdings in einem Feld agiert, in dem private Unternehmen und Agenturen die Freiheit haben zu entscheiden, wo sie werben wollen, was der große Unterschied zu einer staatlichen Zensur wäre, kitzelt natürlich die Wutbürgermedien heraus, als die sich Achgut.com oder Tichys Einblick geben.

Broder hat dies schon lange zu seiner Rolle gemacht. Wenn jetzt ihre Medien weniger Anzeigenschaltungen haben, dann holt man die Rhetorik heraus, dass man als avantgardistische, die Wahrheit vertretende Minderheit, die für Freiheit und Vielfalt eintritt, unterdrückt wird. Das kann in dem noch vom Kalten Krieg und Antikommunismus geprägten Wutbürger-Weltbild irgendwie nur von Links erfolgen, wo das Böse haust und wo sich auch die Union unter Merkel begeben hat.

Achgut-Blogger und Ex-WAZ-Chefredakteur Rainer Bonhorst sieht in der angeblich vorhandenen Schwarzen Liste, die von der Agentur "Scholz & Friends" und speziell von Gerald Hensel stammen soll, die McCarthy-Zeit und sogar Lenin wiederkehren und spricht von "Kampfvorstößen nach der Methode McCarthy/Lenin". Das soll dann wohl die Achse des Guten hoch werten.

Damals ging es bei der Hatz auf Linke allerdings nicht um Werbeschaltungen, sondern um politische Reinigung. Die neuen "Kampfvorstöße", ein seltsamer Begriff, aber Bonhorst liebt das Umsichwerfen mit modischen Begriffen, richten sich für Bonhorst "natürlich nicht gegen Kommunisten, sondern gegen 'Rechte' oder gerne auch gegen 'Faschisten', die in den Augen der 'genießenden' (soll man sagen: heuchelnden?) Linken schon tief in der großen bürgerlichen Mitte beginnt. Diese Einzelkämpfer gegen unlinke Umtriebe haben dank einer Fehleinstellung ihres Blickes die Mehrheit der Deutschen im Visier. Sie sehen überall Faschisten wie McCarthy überall Kommunisten witterte".

Zur genießenden Linken scheint in diesem Fall der angebliche "links gewendete" McCarthy-Nachfolger Gensler zu gehören, "ein obskurer Mitarbeiter einer größeren, staatlich alimentierten Werbeagentur", der "zum Möchtegern-Unterdrücker freier Meinungen avancieren" will, indem er zum Anzeigen-Boykott gegen ein "freiheitlich gesonnenes, mitten in der bürgerlichen Gesellschaft stehendes Medium" aufruft.

Unterdrückung hieße hier also, dass womöglich weniger Werbung geschaltet wird, was irgendwie von links kommen muss, weil in der Mitte ja Bonhorst, der möglicherweise nicht umsonst gerne das Wort "postfaktisch" verwendet, und die Achse des Guten stehen.

Henryk Broders Welt in der Vergangenheit

Aber der Chef der Guten, Henryk Broder, muss den Aufschlag selbstverständlich überbieten und zieht die gewohnt wenig argumentativen Register, um die gegeißelte Denunziation noch besser zu denunzieren. Der "schmutzige Erfolg der Denunzianten" ist es, dass nun sein Projekt etwas weniger Geld einfährt. Broder zieht sofort die billige Nazi-Keule, darunter geht es nicht, die funktioniert in Deutschland.

Broder vergleicht Hensels Initiative mit dem Nazi-Boykott jüdischer Geschäfte, um die Minderwertigkeit von ihm zu suggerieren, weil er ja die historische Dimension, die Broder natürlich für sich vereinnahmt, nicht kenne und keine Ahnung habe, "dass der Spruch 'Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!' die Mutter aller Hashtags war". Das ist gute sophistische Rhetorik und sollte Hensel zufriedenstellen, der noch am 6. Dezember sagte, er hätte mehr Widerstand von den "Schlechtmenschen" erwartet.

Für Broder, dessen Welt, wie gesagt, in der Vergangenheit liegt, ist Hensel ein "Kultur-Stalinist". Und er ist kein Demokrat, weil er "nicht zwischen rechts, rechtsradikal und rechtsextrem" unterscheidet. Wo also würde sich Broder einordnen, bei rechts? Es sei schließlich "kein Makel, rechts zu sein". Das gehöre zur Demokratie, rechts sei, wenn man die "Willkommenskultur für eine Form der kollektiven Psychose" hält, aber nichts über Völkisches, Nationalistisches oder Rassistisches sagt, das damit schnell einhergeht. Broder, der wackere Kämpfer für Rechts und die Freiheit, muss dann auch zeigen, wie demokratisch er ist, in dem er Hensel als "Würstchen" beschimpft.

Aber Broder reicht die persönliche Beleidigung nicht, er muss auch noch weiter ausschlagen, weil er gerade so schön in Fahrt ist und das schon länger ein Thema der Rechten und auf Achgut.com ist, etwa durch die wackere Vera Lengsfeld, die nicht nur das "Netz-Gegen-Nazis", sondern auch die Ex-Stasiinformantin Anetta Kahane und die Amadeu Antonio Stiftung geißelt. Broder findet es nicht gut, wenn die auch von der AfD attackierte Stiftung unter der Kategorie "Beliebte rechtspopulistische Blogs" neben Nazi-Websites auch Achgut.com, Roland Tichy und Vera Lengsfeld eingeordnet hat.

Da Broder sich selbst als rechts bezeichnet, wäre es wohl besser gewesen, eine Kategorie "Beliebte rechte Blogs" aufzumachen. Die Stiftung zensiert allerdings nichts, auch nicht im Auftrag des Justizministeriums, so die Verschwörungstheorie.

Aber bei aller aufgepumpten Aufregung über Denunziation und der Neigung zur Diffamierung Anderer kann sich Broder - natürlich ganz witzig - nicht enthalten, seine Widersacher zu bedrohen: "Seht Euch vor, ihr seid an den Falschen geraten. Euch mache ich, wenn es sein muss, am frühen Morgen fertig, noch bevor ich meinen Hund Gassi geführt habe." Da müssen wir also darauf warten, bislang ist nur Pose, wie das Hunde auch gerne machen.

"Wertvollstes demokratisches Porzellan"

Achgut, Broders Mitstreiter Dirk Maxeiner, auch ursprünglich von den Mainstreammedien kommend, erklärt, dass mit dem Rückzug der Werbekunden von Achtgut.com das "wertvollste demokratische Porzellan" zerschlagen worden sei. Deutschlands wertvollstes Porzellan ist damit Achgut.com wohl an erster Stelle für Maxeiner.

Der sieht die Nischenpublikation in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft: "Die Achse hat über eine halbe Million Leser und drei Millionen Seitenaufrufe pro Monat und wird eine immer lautere Stimme. Es geht in diesem Fall nicht um den Kampf gegen den gefährlichen rechten Rand unserer Gesellschaft, es geht um die Stigmatisierung und Einschüchterung der bürgerlichen Mitte."

Ist jede Website mit gerade einmal 3 Millionen Pageviews die bürgerliche Mitte? Man sei eine "eine wichtige Stimme im demokratischen Spektrum", meint Maxeiner, von sich und seinen Kollegen überzeugt, weil doch "zahlreiche Unternehmer und Top-Manager" Leser seien. Wo bleibt das Volk? Und es wird noch besser: "Gerald Hensel verpasst mindestens der Hälfte der deutschen Gesellschaft einen Tritt - möglicherweise handelt es sich sogar um die Mehrheit." Könnte man von einer gewissen Selbstüberschätzung sprechen?

Geradezu weinerlich und narzisstisch gekränkt meint Dushan Wegner auf Tichys Einblick: "Das Problem mit vorlaufender Zensur ist: So wie niemand das ungezeugte Kind vermisst, so vermisst niemand die ungesagte Wahrheit. Niemand fragt nach der Wahrheit, von der er nicht hörte. Ich sage Ihnen persönlich eine besinnliche Weihnachtszeit voraus!"

Soll man jetzt sagen, dass im postfaktischen Zeitalter der Informationskriege die Wahrheit sowieso keine Rolle mehr spielt und daher Medien wie Achgut.com ebenso verzichtbar sind wie andere? Natürlich sollen Medien wie Achgut.com Meinungen ventilieren können, auch wenn sie nicht gerade einen Beitrag für Aufklärung leisten und mit grandioser Selbstüberhöhung die schlechte Stimmung - "Würstchen" - fördern, was man eben populistisch nennt. Wo Unternehmen und Agenturen ihr Geld lassen, ist allerdings, gefördert durch Kampagnen oder nicht, deren Entscheidung, so lange wir keinen Kommunismus haben. Den finden angeblich auch die Rechten, die sich von Rechtsextremen unterscheiden wollen, nicht attraktiv.