Die Ängste der Deutschen: Terroranschläge und Flüchtlinge

Flüchtlinge nachts auf der Innbrücke zwischen Braunau (Österreich) und Simbach (Deutschland), September 2015. Bild: Christian Michelides/CC BY-SA 4.0

Warum Bayerns Finanzminister Markus Söder und viele andere danebenliegen

In fünf Bundesländern gingen Polizisten am vergangenen Dienstag gleichzeitig gegen mutmaßliche IS-Unterstützer vor, durchsuchten Wohnungen und eine Gemeinschaftsunterkunft. Im Fokus der Ermittlungen: unter anderem 13 Männer und Frauen, die als Asylsuchende nach Deutschland kamen. Auch wenn bei der bundesweiten Razzia niemand verhaftet wurde, scheinen die Meldungen doch einmal mehr zwei weit verbreitete Gewissheiten zu bestätigen: Deutschland ist im Visier des internationalen Terrorismus und das hat auch etwas mit der Aufnahme von hunderttausenden Flüchtlingen zu tun.

"Wir wissen gar nicht, wer im Moment ins Land kommt, und es ist auf Dauer mit der Sicherheit nicht zu vereinbaren", warnte Bayerns Finanzminister Markus Söder beispielsweise schon im Oktober letzten Jahres. Spätestens mit der Enttarnung des mutmaßlichen IS-Terroristen Jabr Al-Bakr scheinen sich die Befürchtungen zu bestätigen, dass unter hunderttausenden Flüchtlingen auch einige Terroristen nach Deutschland kamen.

Mit jedem einzelnen von ihnen steigt die Angst in der Bevölkerung. In einer repräsentativen Umfrage fragte die R&V-Versicherung im Juli dieses Jahres nach den "Ängsten der Deutschen". Mit 73 Prozent stand die Angst vor Terrorismus erstmals an der Spitze der empfundenen Bedrohungen und überholte damit zum Beispiel die Sorge vor Naturkatastrophen oder Pflege im Alter.

Dabei dürfte es kaum kaum eine Todesursache geben, bei der gefühlte Angst und reale Wahrscheinlichkeit zum Opfer zu werden, so stark auseinander klaffen wie beim Terrorismus.: Stastisch gesehen starb in den letzten 20 Jahren weniger als ein Mensch pro Jahr durch einen Terroranschlag in Deutschland. Zum Vergleich: Jährlich sterben über 200.000 an Krebs, etwa 10.000 Menschen durch Suizid, rund 3.500 im Straßenverkehr, rund 500 ersticken beim Essen. Selbst das Risiko durch einen Blitzeinschlag getötet zu werden ist größer als das durch einen Terroranschlag zu sterben.

Die Statistiker setzen dem noch eine optimistische Aussicht drauf: Langfristig sinken die Opferzahlen durch Terroristen in Europa. Forderten Anschläge von ETA, IRA und CO. in den 70er und 80ern noch rund 150 Menschenleben jährlich, passierte dies Seit 1993 nur noch zweimal: bei den Anschlägen von Madrid und Paris.

Wie wenig gefühlte Angst und reale Bedrohung miteinander zusammenhängen, hat vor einem Jahr der Economist am Beispiel der USA untersucht. Er recherchierte, wie viele Flüchtlingen in den UA in Zusammenhang wegen Terrorismusverdacht angeklagt wurden. Das Ergebnis: Von den 750.000 Flüchtlingen, die seit 9/11 in die USA kamen, stand kein einziger in Zusammenhang mit inländischem Terror vor Gericht. Die Angstmache vor Terroristen, die als Flüchtlinge in die USA kommen, ist im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf dennoch allgegenwärtig.

Aber helfen solche Statistiken gegen die gefühlte Bedrohung? Bei Terror geht es um irrationale Ängste. Das wissen sowohl die Terroristen als auch jene, die Ängste vor ihnen schüren. Also zurück zu Bayerns Finanzminister. Tatsächlich scheint nicht nur die Enttarnung des Syrers Jabr al-Bakrs Markus Söder Recht zu geben: Zwei der neun Terroristen, die am 13. November 2015 in Paris 130 Menschen ermordeten, waren zuvor als Flüchtlinge von Syrien nach Frankreich eingereist. Auch die Attentäter von Ansbach und Würzburg kamen über die Balkanroute nach Deutschland.

Dennoch ist das Söder-Zitat falsch: Denn über die Attentäter wussten die Sicherheitsbehörden in den meisten Fällen sehr wohl Bescheid. Spiegel-Online-Kolumnist Sascha Lobo hat recherchiert, wie viele der identifizierten Attentäter der jüngsten islamistischen Anschläge in Europa Sicherheitsbehörden bekannt waren. Sein Ergebnis: Von Charlie Hebdo bis Brüssel standen sämtliche identifizierte Terroristen zuvor auf Terrorwarnlisten. Die überwiegende Mehrzahl von ihnen radikalisierte sich außerdem in Europa, nicht im Nahen Osten.

Auch Al-Bakr soll erst von einem Berliner Imam zum Dschihad überzeugt worden sein (Jaber al-Bakr hat sich angeblich in Deutschland radikalisiert). Sein Fall sowie die Razzien in dieser Woche zeigen noch etwas: Nicht immer kommen die Ermittler zu spät. Laut Angaben des BKA ermitteln Sicherheitsbehörden momentan gegen 68 Flüchtlinge in Deutschland wegen Terrorverdacht. Ob diese 68 mutmaßlichen Terroristen ein Grund sind, Hunderttausenden den Schutz vor Terroristen zu verwehren, muss jeder selbst entscheiden. (Fabian Köhler)

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