"Die Amerikaner müssen immer die Welt retten"

Alle Bilder: Warner Bros.

"Godzilla": Kampf der (Be-)Deutungsmonster oder die Frage, wer den größten Signifikanten hat

Zur Zeit des Kalten Krieges schien die Welt der Monster im Film noch in Ordnung zu sein: Ihre Größe war noch ein eindeutiger Hinweis auf die durch atomare Strahlung verursachte Mutation, die sie zugleich zu Sinnbildern der allgegenwärtigen atomaren Bedrohung werden ließen.

Dutzendfach, hundertfach wurden politik-, ideologie- und mentalitätsgeschichtliche Analysen darüber angestellt, in welcher Beziehung das Monster und sein Kino zu den Diskursen und Technologien des Kalten Krieges stand. Keine Filmkritik durfte sich dieser "Erkenntnis" enthalten, wollte sie sich nicht den Vorwurf politischer Oberflächlichkeit gefallen lassen.

Und selbst beim neuen "Godzilla"-Film konnte man schon am Ausgang des Pressevorführungskinos die ersten Deutungsangebote entgegennehmen: "Die Amerikaner müssen immer die Welt retten." Dabei ist die Zeit solch großer Erzählungen doch längst vorbei, oder?

Auch Gareth Edwards' "Godzilla" schafft zunächst einmal Platz für solche Deutungsangebote: Im Prolog erfahren wir, während die Titel auf der Leinwand erscheinen und sukzessive mit Zensurbalken überdeckt werden, dass uns jahrzehntelang etwas vorgelogen wurde: Die seit Ende des Zweiten Weltkrieges etwa 2.100 Kernwaffentests hatten nicht etwa das Ziel, neue Massenvernichtungswaffen zu testen und dem Gegner dabei gleichzeitig vorzuführen, dass man sie besitzt; vielmehr sollten damit überdimensionale Urzeitmonster zurück in die Kreidezeit gebombt werden.

Das half so lange, bis bei Ausgrabungen das "Nest" eines insektenartigen Riesenungeheuers geöffnet wurde, woraufhin es in die Welt gelangt, eine japanische Stadt angreift und sich danach - zu Paarungszwecken - auf den Weg nach West-Amerika macht, genauer gesagt: nach Nevada, wo heute noch der reststrahlende Wüstenstaub durch die Straßen von Las Vegas weht.

Eben dort befindet sich nämlich das männliche Rieseninsekt, das sich in der Mojave-Wüste am Atommüll eines US-amerikanischen Endlagers labt. Beide Tiere benötigen Radioaktivität nicht nur als Nahrung für sich, sondern auch als Nahrung für ihren Nachwuchs und werden daher von jeder Art Strahlungsquelle angezogen - insbesondere von menschlich erzeugter.

Der abnormen Anatomie der kurzerhand in "Muto" (Massive Unidentified Terrestrial Organism) getauften Monster stellt sich aber schon bald ein altbekannter Zweibeiner entgegen: Godzilla, der ebenfalls "geweckt" wurde; zwar nicht durch Grabungen und Bomben, sondern durch die Mutos, deren natürlicher Todfeind er ist.

Und wenn sich zwei, beziehungsweise drei Monster streiten, freut sich vor allem der Mensch nicht, in dessen Städten diese Streits ausgetragen werden. Menschen gibt es im Riesenmonsterfilm "Godzilla" nämlich auch zu sehen, wenn man genau hinschaut - und zwar klassifizierbar in "Japaner" und "Amerikaner" sowie "Irre" und "Normale". So stabil die Identitäten der ersteren sind, so flüssig wird die Grenze zwischen zweiteren, zumal, wenn sich die Skepsis gegenüber der bloßen Möglichkeit von Monstern in die sichere Gewissheit über ihre Existenz verwandelt.

Da wären Joe Brody (Bryan Cranston), amerikanischer Kernkraftwerker in einem Tokyoter Atomkraftwerk, und seine Frau Sandra (in einem Gastauftritt Juliette Binoche). Deren kleiner Sohn Ford (zuerst CJ Adams, dann Aaron Taylor-Johnson) erlebt einen Super-GAU mit, der den Vater um den Verstand bringt.

Und weil Geschichten von großen Monsternfamilien immer auch Geschichten von keinen Familienmonstern enthalten müssen, nähern sich im Verlauf des Films die zuerst in vielerlei Hinsicht voneinander getrennten Vater und Sohn nicht nur emotional, sondern auch in Bezug auf vermeintliche Verrücktheiten sukzessive aneinander an.

Godzilla indes durchschwimmt den Pazifik und nimmt Kurs auf die amerikanische Westküste, wo er zuerst auf die San Francisco Bay Area treffen wird und sich Gegner (Mutos) erhofft, aber nur Spielzeugsoldaten findet. Das Militär bleibt ihm dicht auf den Fersen; im Inland verwüsten zwischenzeitlich die Mutos das Mojave-Gebiet noch ein wenig mehr.

Der japanische Godzilla-Experte Dr. Ichiro Serizawa (Ken Watanabe) weiß als einziger von der Erbfeindschaft zwischen Godzilla und den Mutos und versucht die Amerikaner von Kurzschluss- und Kettenreaktionen abzuhalten.

Mit der zunehmenden Leinwandpräsenz von Serizawa gewinnt der Trashappeal von "Godzilla" deutlich an Fahrt. Sattsam bekannte Einstellungen vom brüllenden Godzillamonster mit tödlichem Strahlenatem wechseln sich mit Nahaufnahmen des mit glasigem Blick ins Leere starrenden Godzillogen ab. Und immer wenn das amerikanische Militär eine noch bessere Idee hat, wie man die Monster allesamt in ihre atomaren Bestandteile zerlegen könnte, sondert er - halblaut, so dass man es kaum hört, aber eben trotzdem kaum überhören kann - Godzilla-Kalendersprüche ab.

Der Riesensaurier ist der Freund des Menschen, weil er der Feind der Mutos ist. Und eine Freundschaft mit Godzilla gründet gern schon einmal auf den Trümmern einer Großstadt. Damit haben sich die Japaner abgefunden und die Amerikaner werden's auch noch verstehen lernen.

"Godzilla" spielt, indem er diese Versatzstücke des japanischen Monsterkinos passepartoutartig aneinanderfügt, mit seiner eigenen Tradition und siedelt dabei in einem seltsam widersprüchlichen Universum voller Selbstreferenzen und -widersprüchen. So scheint niemand von Godzillas Existenz auch nur zu ahnen, obwohl an den Wänden des Tokyoter Kinderzimmers vom kleinen Ford zahlreiche Poster japanischer Monsterfilme prangen.

Dieser scheinbare "Anschlussfehler" lässt sich jedoch gewinnbringend in die Monster-Revue einbringen. "Godzilla" ist eben nicht nur japanische Pop-Mythologie und als solche allenfalls am Rande der westlichen Kulturwelt einschlägig (Emmerichs "Godzilla" von 1998), sondern er ist eben auch "bloß Film" und als solcher ein Zeichen, das auf nichts anderes als sich selbst und seine möglichen Deutungen verweist.

Dass die eingangs zitierte Atom-Metapher derartig virulent wurde, dass sie in die Erzählungen zurückgeflossen ist, zeigen nicht zuletzt die Anspielungen auf Atomkraftwerke, Kernwaffen-Tests und andere Hauptzutaten der kanonischen "Godzilla"-Exegese.

Kaum in dieses Schema des strahlungsbedingt überdimensionierten Normal-Dinosauriers (Godzilla) wollen jedoch sich die Mutos einfügen. Sie erinnern in vielen Details vielmehr den Beschreibungen nordamerikanischer Monsterfolklore, die von H. P. Lovecrafts "Cthulhu"-Erzählungen über John Carpenters "The Thing" und Frank Darabonts "The Mist" bis - eben - zu Matt Reeves "Cloverfield" reicht.

Der Zweikampf der Riesensaurier ließe sich zumindest auf anatomischer Ebene auch "Clash of the Monster Cultures" sehen. Godzilla will den spinnenbeinigen amerikanischen Plagiaten ja also vielleicht einfach nur einmal demonstrieren (monstrare!), was ein richtiges Monster ist. Dem vollständig A-/anderen des Kerb-Urtiers wird die grobschlächtige Philanthropie des Urzeit-Japaners entgegengestellt ... gewinnbringend.

Das Erbe des Kalten Krieges ist nicht nur die aus der Asche des schwelenden Konflikts gebor(g)ene Medientechnologie, der Verlust von stabilen Identifikationsmustern oder die in den Silos sinnlos schlummernden MIRVs. Es ist eben auch die mit all dem verbundene Nostalgie.

Die heftet sich bekanntlich an alles, was sich einmal intensiv hat fühlen lassen - an das Gute wie das Schlechte. "Bevor wir eine Sache endgültig vergessen, verarbeiten wir sie zu Kitsch", hat Milan Kundera einmal geschrieben. Das scheint nicht nur eine Beobachtung, sondern im Falle von Traumata auch als Anleitung gemeint zu sein.

Die seltsame Ambivalenz von "Godzilla" - zwischen typisch nihilistischem US-Monsterkino der Gegenart und heimeligen "Rampage" eines japanischen Godzilla - ist vielleicht genau diesem Problem geschuldet: Die Monster(filme) sind mit Deutungen mittlerweile so stark überladen, dass es nicht einmal mehr hilft, ihre Protagonisten noch weiter zu vergrößern. (Erste Beschwerden, dass man Godzilla ein paar Pixel zu viel auf die Hüften gerendert hat, sind bereits aufgetaucht!)

Den Filmmonstern wird dasselbe Schicksal beschieden sein, wie den gleichermaßen ideologisch überfrachteten Filmzombies: Sie werden ihr Ende im Fernsehen finden, um dann endlich vergessen zu werden.

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